Album der Ausgabe: Genetikk – „D.N.A (aus der BACKSPIN MAG #112)

Ein Vormittag in Hamburg Eimsbüttel. Die ex-Praktikanten Victor und Tim sowie Martin, Niko und Dennis sind zusammengekommen, um das neue Genetikk-Album „D.N.A.“ zu hören. Von großer Vorfreude bis großer Gelassenheit ist jede Erwartung an das Werk vertreten.

Martin: „Ich fand die im Vorfeld des Albums sehr gut dargestellt. Die haben ja ihre neuen Masken, und das wirkt im Gesamtpaket irgend- wie noch kompletter als letztes Mal.“ Dennis: „Das ist deren zweite LP, oder?“ Victor: „Ja, ‚Foetus’ gab ́s für umme.“ Niko: „Aber damit haben die schon aufhorchen lassen. Darauf haben mich viele angesprochen und wollten etwas über die wissen.“ Tim: „Ich habe die Vi- deos gesehen und kenne die anderen Platten und bin sehr gespannt, wie das jetzt weitergeht. Bisher haben die ja konsequent ihren Style gefahren.

Niko: „Vorher waren die geschminkt, jetzt sind es Masken.“

Tim: „Ok, eben diese Clown-Szenerie. Sikk gehört für mich übrigens zu den interessantesten Produzenten im deutschen Rap.“

Niko: „Legen wir mal los, ja?“

Es erklingt das „Intro“.

Dennis: „Ich finde es ein bisschen einfallslos, da auf diesem Scratchin’-Effekt zu cutten. Ein paar Word-Cuts zum representen hätte ich passender gefunden.“

Tim: „Dafür sind die eine der wenigen Crews, die gerade für Aufsehen sorgen, bei denen überhaupt gescratcht wird.“

Dennis: „Schon klar. Und trotzdem. Der ist einfach ausgelutscht. Erst recht für ein Intro.“

Martin: „Aber wer von denen, die das hören, kennt das denn?“

Dennis: „Das spielt doch keine Rolle.“ Tim: „Eines noch: Wenn ich nun das Intro höre und die alten Sachen von denen kenne, dann erkenne ich die darin wieder. Der Beat mit dem Retro-Touch, die harten Drums, die mysteriöse Melodie, das passt zu denen, das macht Sikk immer.“

„Spezies“

Dennis: „Nachdem ich das Intro etwas kritisiert habe, finde ich den Song cool. Karuzo stellt sich vor, den Beat finde ich gut.“

Niko: „Mir gefällt die Attitude, dieser coole, dreckige Rapper. Das klingt alles rund.“

Tim: „Ich finde den Beat erstaunlich schwach. Vor allem in der Hook, die fällt etwas ab.“

Martin: „Dafür ist die textlich stark.“

Dennis: „Was ebenfalls cool ist: Obwohl das Ding nach Samples klingt, kommt es nicht so ewig gestrig rüber. Und ich denke auch nicht gleich an irgendwas, was ich schon kenne.“

Weiter geht es mit „Yes Sir“.

Victor: „Der Beat ist ’nen Brett!“

Tim: „Finde ich auch, ich musste die ganze Zeit mit dem Kopf nicken.“

Niko: „Sehe ich auch so.“

Dennis: „Den Song davor fand ich interessanter. Der hier ist mir ein bisschen zu Deutschrap-mäßig.“

Martin: „Ich musste zwischendurch mal an ODB denken.“

Tim: „Ich auch.“

Martin: „Es heißt ja oft, dass man auf deutsch nicht diesen Ami-Rap-Vibe kreieren könne, aber der Song schafft das für mich.“

Tim: „Mich hat der an „Inkubation“ erinnert. Vom Style her rappt Karuzo hammer. Er ist zwar nicht der Techniker vor dem Herrn, aber er flowt fresh.“

Niko: „Was er sagt, höre ich hier gar nicht, ich nicke nur mit meinem Kopf.“

Tim: „Das ist für mich bei Genetikk eh das Spektakuläre: Wenn ich darauf achte, was er rappt, dann ist das für mich gar nicht so interessant, aber trotzdem catcht er mich jedes Mal.“

Es kommt „Packets in den Boots feat. RZA“:

Victor: „Ich finde es oft erstaunlich, wie wenig Mühe sich Amis bei ihren Features in Deutschland geben.“

Tim: „Vor allem hätten die es gar nicht nötig gehabt, sich diesen RZA-Stempel zu geben.“

Niko: „Im Interview mit uns haben sie erklärt, dass das ihr Traum-Feature ist.“

Dennis: „Vom Ding her passt RZA da perfekt drauf, das ist genau sein Vibe.“

Victor: „Aber Karuzo lässt sich nicht die Show stehlen.“

Nächster Track: „D.N.A.“: 5:

Niko: „Damit haben die ihre Album-Promo gestartet.“

Victor: „Mit dem „Füchse“-Zitat wollen sie wohl zeigen, wen sie feiern.“

Martin: „Ich finde die Nummer richtig stark, der Beat, der Rap – alles straight.“

Dennis: „Für mich ist der Song ziemlich simpel, der hätte auch irgendwann um 2000 erscheinen können. Das Zitat am Anfang finde ich aber auch cool. Viel zu lange haben zu viele Rapper ihre deutschen Einflüsse verleugnet. Dafür, dass Genetikk das nicht machen, feiere ich die.“

Weiter geht es mit „Triumph“.

Dennis: „Hier passt alles gut zusammen. Allein bei der Hook habe ich mich gefragt, ob ich diese langgezogenen Silben gut finde. Ich glaube, Mut zur Lücke wäre hier cooler gewesen.“

Tim: „Ich habe auch über die Betonung in der Hook nachgedacht. Generell geht es mir bei Genetikk aber so, dass ich erst mal denke, dass man das so nicht machen kann und dann finde ich es am Ende doch gut.“

Martin: „Ich finde die Lines etwas simpel, aber die Bilder, die entstehen, sind cool.“

Niko: „Kurzes Zwischenfazit: Sechs Songs liegen hinter uns. Es gab ein nicht ganz so beeindruckendes Feature, aber sonst sind wir noch voll auf der Höhe, oder?“

Victor: „Ja, ich finde das Sound-technisch interessant, es catcht mich, auch wenn ich inhaltlich noch nichts Tiefergehendes entdecken konnte.“

Tim: „Ich will mehr hören.“

Martin: „Ich weiß nicht genau, wie sie jetzt noch zwölf weitere Tracks präsentieren wollen.“

„Champions“.

Niko: „Coole Savas-Referenz. Mir gefällt der Song, nur die Hook zieht ihn etwas runter.“

Martin: „In der Hook kommen die Klischeesätze überhaupt. Alles fresh und clean, ich bin down mit der Gang…“

Tim: „Nach „Yes Sir“ ist das mein zweiter Lieblingstrack.“

Dennis: „Ich habe einen inhaltlichen roten Faden entdeckt, glaube ich zumindest: Er spricht öfter mal über seine pränatale Zeit…“

Tim: „Ja, deren erstes Tape hieß ja auch Fötus. Das ist so ein bisschen deren Story.“

Martin: „Aliens kommen auch als Fötus zur Welt?“

Dennis: „In dem Song gibt es auch so noch ein paar gute Zeilen. Diese „Aus Gramm wurden Grammys, bei anderen Kilos“, oder wie er das sagt, finde ich gut.“

Niko: „Wenn man die Platte öfter hört, entdeckt man immer mehr davon.“

Tim: „Was außerdem auffällt: Die bieten sich nicht als Produkt an. Die machen einfach Rap-Mucke und zeigen sich auch nicht so – als hätten sie eine Distanz zu ihrem Produkt.“

Weiter geht es mit „A la Muerte feat. Kollegah“.

Dennis: „Wenn der Beat weniger Kicks im Pattern hätte und ne andere Snare, hätte ich an Dr. Dre gedacht.“

Tim: „Ja, der hat so einen 90s- Westcoast-Touch. So etwas hätte ich auf einer Genetikk-Platte nicht erwartet.“

Dennis: „Was mich gestört hat, ist dieser Sprachwechsel in der Hook, dieses spanische Bad-Boys-Gelaber. Für mich ist das durch, passt aber irgendwie zu dem 90er-Westcoast-Vibe.“

Tim: „Kollegah hat mal wieder gut entertained.“

Es folgt „Gift“:

Dennis: „Eben fragte sich Mar- tin ja, wie die noch neun weitere Songs auf der Platte präsentieren wollen. Ich fand den Beat eben cool, und der jetzt ist auch gut. Inhaltlich gesehen ist das aber eben auch nur ein weiterer Kiffer-Song. Wenn man Aphroes Strophe von „Westwinde“ im Kopf hat oder „Grüne Brille“, dann ist es schwer, noch was aus dem Thema rauszuholen.“

Martin: „Mir ist das thematisch nicht genug auf dem Punkt.“

Niko: „Obwohl es ein Themen-Song ist, packe ich den in die gleiche Schublade, in die ich die lege, die ich einfach durchhöre, kopfnicke und nicht genau zuhöre.“

„Plastik“:

Martin: „Die Bilder in den Strophen finde ich richtig gut. Keine der Metaphern war peinlich. In der Hook wird das dann leider nicht so stark umgesetzt.“

Victor: „Das Album wird über die Distanz immer besser.“

Tim: „Hier bekommt man das Gefühl, der Typ hat auch etwas mehr zu sagen als ‚Früher war ich nichts, heute bin ich wer’…“

Weiter geht es mit „Represent“.

Dennis: „Finde ich richtig cool, allein die Hook macht es mir etwas schwer, den Song komplett zu lieben.“

Niko: „Die Nummer bringt live richtig Bock. So ein Gefühl habe ich sonst eher bei M.O.P.- Songs.“

„Liebs oder lass es feat. sido“.

Dennis: „Die Hook klingt vollkommen anderes als die anderen auf dem Album. Hatte da Sido seine Finger im Spiel?“

Tim: „Das habe ich auch gedacht. Der Song ist irgendwie next level. Als wäre das der Track, der auch mal im Radio laufen soll. Mich erinnert der auch irgendwie an ‚Bilder im Kopf’. Die Hook ist ein Ohrwurm.“

Dennis: „Ich nde die etwas peinlich.“ Victor: „Ich hät- te die noch peinlicher gefunden, wenn Sido sie gesungen hätte.“ Tim: „Ich finde die gut aufbereitet. Sido textet einfach aber technisch einwandfrei. Man versteht alles. Und Karuzo hat das auch gemacht. Das wirkt schon etwas strategisch, was ich aber nicht kritisch meine.“

Weiter geht es mit „Alles ist möglich“

Niko: „Ich bin bei Genetikk immer etwas vorsichtig, was nun Story und was Real Talk ist. Wenn das hier keine Fiktion ist, dann ist das krass. Vor allem mit Blick auf die Songs davor.“

Martin: „Auf mich wirkt das ehrlich.“

Tim: „Obwohl Karuzo ja mal auf „Sorry“ gesagt hat, dass er solche Songs nicht machen wird…“

Niko: „Ich traue ihm nicht zu, dass hinter diesem Track ein Kalkül steckt. Wir sind ja nun auch schon bei Track 13. Hätten wir lediglich Representer gehört, wären wir wahrscheinlich schon aus- gestiegen.“

Tim: „Ich bin jedenfalls noch voll dabei!“

Nun kommt „Du bist weg“.

Niko: „Wovon rappt der da?“ Dennis: „Das fragten wir uns auch. Über ein nicht geborenes Kind?“

Martin: „Ich bin ziemlich früh ausgestiegen, keine Ahnung.“

Niko: „Für mich klingt das, als rappte er über seine ungeborene Tochter.“

Tim: „Man bekommt durchaus das Gefühl, dass da was hintersteckt, was man irgendwann mal begreift.“

„Strawberry Fields“.

Tim: „Der ist interessant! Das ist ein anderer Style als auf den bisherigen Songs. Das wirkt sehr ernst.“

Victor: „Der Gesang klingt schief.“

Tim: „Aber das ist noch mal so ein Überraschungsmoment.“

Niko: „Das war nun die dritte deepe Nummer in Folge.“

Es kommt „Über alles“.

Tim: „Der Song sollte im Titel noch in Klammern den Zusatz „Inkubation 2“ tragen. Der klingt wie die Fortsetzung. Wu-Tang-Flavour to the fullest! Irgendwie langweilig, aber trotzdem geil.“

Niko: „Das trifft es auf den Punkt.“

Dennis: „Mich nerven allmählich die Anglizismen.“

Tim: „Was ich außerdem auffällig nde: Würde man den Beat alleine hören, wüsste man oft nicht, was das eigentlich ist – wie auch manchmal bei Kendrick Lamar. Die Beats funktionieren erst so richtig, wenn Karuzo drüber rappt.“

„Kappa Alpha Rho“.

Niko: „Karuzos ganz eigenes Thema.“

Tim: Ich mag das. So lernt man ihn noch ein bisschen kennen. Dieses wo- stehen-wir-gerade-und-wo-geht-es-hin?-Ding finde ich gut.“

Und schließlich das „Outro feat. MoTrip“.

Dennis: „Bei aller Liebe für MoTrip: Der Gesang ist für mich eine Katastrophe. Der verschmilzt auch nicht so richtig mit dem Beat.“

Tim: „Ich nde das ziemlich mutig.“

Niko: „Ich feiere das Ding! Der Song erzielt genau den Effekt, der hier auch erzielt werden sollte. Nämlich, dass man sich drüber aufregt und sich fragt, was das soll. Euer Fazit zum Album?“

Victor: „Ich fand zwar nicht jeden Song auf dem Album cool, aber ich werde mir die Platte noch ein paar mal anhören.“

Niko: „Einige sprechen hier ja schon von einem Klassiker. Was meint ihr?“

Dennis: „Für mich wäre es viel zu früh, davon zu sprechen. Das können wir uns in ein paar Jahren noch mal fragen. Heute würde ich sogar sagen, dass das zumindest für mich kein Klassiker ist. Dafür ist das Album zu wenig wegweisend.“

Niko: „Es ist ja auch erst deren erstes richtiges Album. Und dafür ist „D.N.A.“ schon eine sehr gute Basis. Und ich bin mir sicher, dass das Album krass wirken wird.“

Tim: „Ich kann mir schwer vorstellen, dass es die junge Generation richtig catchen wird. Die sind doch soundtechnisch momentan ganz woanders unterwegs. Und noch ein Satz zur Länge: Ich hät- te fünf Songs weniger auf die CD gepackt. Das hätte vollkommen gereicht.“

Niko: „Ich denke, das hier ist ein Album, das stärker wird, wenn man es öfters hört.

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