Album der Ausgabe (aus BACKSPIN #115)

Cro „Melodie“ Album, CD, LP, Digital – Chimperator

Ein Montagnachmittag in der Redaktion. Tim, Martin und Dennis sitzen vor Nikos Schreibtisch und warten darauf, dass er Cros neues Album anschmeißt.

Niko: „Das letzte Album ist zwei Jahre her. Wie geht’s euch mit Cro?“

Dennis: „Ich habe über Cro gestaunt. Ein junger Typ, der ohne große Hilfe von außen so gut funktionierende Popsongs macht – das hat mich beeindruckt.“ Niko: „Ich glaube, es ist sehr schwer, Tracks wie zum Beispiel ‚Easy‘ zu schreiben. Das wird oft unterschätzt.“

Tim: „Ich war überrascht, dass ‚Easy‘ so eingeschlagen ist. Das habe ich überhaupt nicht erwartet, weil ich den Text ziemlich banal finde und der Beat auch nicht besonders großartig ist. Bei ‚Einmal um die Welt‘ habe ich das wiederum sehr gut verstanden. So etwas funktioniert super im Radio. Und jetzt bin ich gespannt, was auf ‚Melodie‘ geht.“ Niko: „Bemängelt wurde ja immer, dass ‚Raop‘ zu poppig war. Jetzt hat Cro verlauten lassen, dass die neue Scheibe Raplastiger sein soll. Könnt ihr euch das vorstellen? Glaubt ihr, dass er euch überraschen kann?“ Dennis: „Warum nicht?“

Martin: „Aber ich glaube nicht, dass die Platte noch mal Platin erreicht.“

Niko: „Der Hype um den Jungen ist so groß, dass die Platte sogar noch mehr durchschlagen könnte als die davor.“ Dennis: „MTV und Viva zeigen diese Woche ein und dasselbe Video von Cro zwei Stunden am Stück in Dauerschleife. Das habe ich bisher noch nicht erlebt.“

Es geht los: „I Can Feel It (Intro)“. Dennis: „Das ist ein schöner Opener. Klingt nach dem typischen Intro von Typen, die gerade erfolgreich geworden sind. Allein die Stimme scheint mir einen Tick zu leise zu sein.“ Tim: „Ein heroisches Intro mit einer Ansage, die er sich auf jeden Fall erlauben kann.“

Der zweite Song: „Meine Gang (Bang Bang)“ feat. DaJuan. Dennis: „Der Gesamteindruck passt schon, aber mir gefallen die vielen Anglizismen nicht, die mir obendrein etwas zu spackig betont werden. Und dann wirkt der Beat auch zu wenig ausdefiniert. Da wäre für mich mehr drin gewesen.“

Niko: „Aber gerade das macht seinen Sound aus.“

Martin: „Er zitiert da Big Sean, das finde ich korrekt. Da macht ein Rapper aus Deutschland, der eigentlich schon ein Popstar ist, eine Hommage an einen Rapper aus dem Untergrund. Sympathisch. Am Anfang hatte ich den Eindruck, der Song würde Rap-lastiger werden, am Ende wird aber auch wieder viel gesungen.“

Tim: „Das harte Drumset lässt es mehr nach Hip-Hop klingen. Das rumst unten rum schon ganz gut.“

Es geht weiter mit Song #3: „Erinnerung“.

Dennis: „Der klingt viel besser als die beiden Lieder davor. Die Stimme kann man gut verstehen und auch der Sound ist viel sauberer. Seine Stimme ist prädestiniert für solche Refrains.“

Niko: „Ich mag den gerne. Aber ich bin auch sehr empfänglich für diese Kopfnicker-Automucke, die dich über die Autobahn bringt.“

Tim: „Alle Beats klingen bislang eher weniger modern. Gerade dieser hätte genau- so gut auf einer 2000er-Platte drauf sein können. Die Hook finde ich auch stark.“

Es folgt: „Traum“.

Tim: „Der Track kommt zur richtigen Jahreszeit: ein Sommerhit, der bei jedem Radiosender laufen kann und wahrscheinlich auf der Pop-Formel von Volkmar Kramarz basiert. Der knüpft auch am ehesten an die letzten Hits von ihm an.“ Martin: „Ich habe den Track über iTunes gekauft und so zum Chart-Erfolg beigetragen.“ (Gelächter)

Dennis: „Dieses Unprofessionelle, über das wir schon gesprochen haben, kommt bei diesem Stück besonders zur Geltung, weil es den meisten Pop-Appeal hat. Aber vom Sound her wäre für mich wieder viel mehr drin gewesen. Gefallen tut mir der Song allerdings nicht wirklich.“

Weiter geht es mit Song #5: „Bad Chick“.

Dennis: „Oh, hat er da ‚What’s the Difference‘ nicht aus seinen Ohren gekriegt, oder ist das Absicht? Wenigstens versucht er, einen mit seinen Vocals auf eine andere Fährte zu locken. Aber so einen Beat sollte man nicht auf so einem Album haben, das lässt ein Geschmäckle aufkommen.“

Tim: „Auf der anderen Seite finde ich das aber auch interessant. So nach dem Motto: Hier hast du das Sample, mal schauen, was du draus machst. Inhaltlich hat der Song ja mit ‚What’s the Difference‘ nichts zu tun.“

Niko: „Ich finde den Song nicht gut und denke auch, dass diese Anlehnung gar nicht nötig gewesen wäre.“

Tim: „Na ja, Eko hat doch auch ‚I Got 5 on It‘ und ‚Off the Books‘ gecovert.“ Dennis: Ja, gecovert.“

Es folgt „Never Cro Up“.

Dennis: „Die einen nennen es inspirieren, die anderen biten … Kriegen Jay Z und Mark – The 45 King eigentlich Credits hierfür? Mal ehrlich: Eben diese Dre-Anleihe und nun das hier? Wenn man dann noch ein paar der Ähnlichkeiten von ein, zwei älteren Cro-Songs mit Songs von Dritten im Kopf hat, könnte man ja schon beinahe von Methode sprechen.“

Martin: „Mehr kann man hierzu nicht sagen. Außer: Das Wortspiel in der Hook finde ich ganz witzig.“

Tim: „Wenn man den Original-Rap-Song kennt, fühlt man sich schon etwas abgelenkt. Mich erinnert der Song auch irgendwie an Deine Freunde – das ist Musik für Kinder. Dennoch finde ich, dass man 16 Jahre nach ‚Hard Knock Life‘ dieses Sample ruhig mal wieder auspacken kann.“

Dennis: „Das Sample noch mal auspacken – gut, aber nicht noch einmal einen so ähnlichen daraus Song machen. Das hier wirkt auf mich schon ziemlich Coverversionmäßig. Dazu kommt, dass ‚Hard Knock Life‘, glaube ich, der erfolgreichste Jay-Z-Song in Deutschland war. Man könnte glatt Kalkül unterstellen.“

Niko: „Ich will das auch nicht gutheißen, aber der A satz ist heute ein anderer. Diese Diskussion führen doch nur die älteren Generationen. Es gibt genug Songs da draußen, die eins zu eins übernommen wurden.“

Dennis: „Ja, aber noch mal: Einen Loop von zum Beispiel einer Soul-Platte zu nehmen, ist doch etwas anderes!“

Tim: „K.I.Z. haben für ihren Song ‚Fleisch‘ ‚Meat‘ von Brotha Lynch Hung eins zu eins übernommen. Aber vielleicht will Cro mit so was auch einfach seinen angestrebten Status vermitteln. Trotzdem habe ich kein so großes Problem damit. Erfolgreich gesampelte Tracks sind doch nicht automatisch für immer blockiert.“

Dennis: „Würde man erkennen, dass es das gleiche Sample, der Song aber doch anders ist, fände ich das okay. Aber das hier ist für mich einfach ein krasser Bite.“

(Die Diskussion geht noch einige Zeit, erst dann wird der nächste Song gestartet) 

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