Afrob: “Die Vielfalt hält Rap am Leben”

afrobAfrob ist am machen. 2014 mit “Push” das letzte Solo-Album veröffentlicht, feierte er nach 12 Jahren gemeinsam mit Partner Samy Deluxe und dem Album “Blockbasta” ein legendäres ASD-Comeback. Ein gutes Jahr nach Release steht Afrob nun schon mit einem neuen Soloprojekt in den Startlöchern. Das “Mutterschiff” landet auf der Erde und bringt futuristischen Sound, den viele so wohl nicht von Afrob erwarten würden.
Wir haben den Wahlhamburger in Berlin zum Interview getroffen und mit ihm über das Projekt, die Entstehung von Future Sound und seinen neu entdeckten Soul-Faktor gesprochen.

Morgen erscheint dein Album „Mutterschiff“. Welche Rolle spielt der Herbst als Release-Zeitpunkt – war es von Anfang an so kalkuliert, die Platte zum Herbstbeginn zu veröffentlichen?

Afrob: Es kann schon sein, dass ich den Sound schwerpunktmäßig auf die Jahreszeit trimme. Release ich im Sommer, würde ich zum Beispiel eher upliftende Musik bringen. Folglich releast man im September eher nachdenkliches. Den Sound hatte ich ja so oder so schon, aber ich glaube, die Symbiose aus Herbst und der Platte wird funktionieren. Die Jahreszeit als Kaufanreiz spielt für mich keine Rolle. Ich möchte eher, dass die Hörer sich in ihrer aktuellen Gefühlslage mit dem Sound identifizieren können.

Wie beschreibst du die Entwicklung des Sounds vom Vorgänger „Push“ aus 2014 bis zum aktuellen Album?

Afrob: Bei „Push“ wollte ich eigentlich nur liefern – einfach noch einmal zeigen, was ich kann. Das ist mir mit dem Album auch gut gelungen. Bei „Mutterschiff“ ist es so, dass ich auch mal die andere Seite zeigen wollte. Das musikalische wecken, das in mir schlummert, die Melodien zeigen, die ich mag und beweisen, dass ich mir auch Gesang zutraue. Wenn nicht jetzt, wann dann? Das ist der grundlegende Unterschied, denn vom Sound her unterscheiden sich die beiden Platten gar nicht so sehr. Bei „Mutterschiff“ wurde das Tempo rausgenommen, wenn man den Beginn außen vor lässt. Die Beats waren nicht so schnell, ich hatte viel mehr Platz, was zu einer ganz neuen Entwicklung geführt hat. Die Art und Weise, wie man an einen Song herangeht, hat sich geändert und das war Spaß und Herausforderung zugleich für mich. Im Vergleich zu meinen anderen Veröffentlichungen war ich bei diesem Album echt mutig.

Inwiefern resultiert dieser neue Mut denn aus dem ASD-Projekt von 2015, das du mit Samy veröffentlicht hast?

Afrob: Du hast recht, ein wenig resultiert der Mut wirklich daraus. Eine komplett gesungene Hook gab es eigentlich auch schon auf „Deadline“ (auf ASD „Blockbasta“, Anm. d. Vf.). Während des ASD-Projekts haben wir oft Sessions veranstaltet, wo Material entstanden ist, das noch nicht veröffentlicht wurde. Da bin ich den Schritt schon gegangen. Es hilft natürlich, wenn man einen anderen erfahrenen Rapper wie Samy bei sich hat, der einen bestätigt. Dennoch würde ich die neue Entwicklung nicht ausschließlich auf das ASD-Projekt zurückführen. Der Wunsch war schon immer da und mittlerweile habe ich vielleicht einfach die Souveränität, um das zu zeigen. Ich finde das Album auch sehr verletzlich.

Den Eindruck habe ich auch, aber darauf kommen wir später noch zu sprechen. Wie wichtig ist mittlerweile der Fakor Zeit für dich? In der Vergangenheit lagen schon mal fünf Jahre zwischen zwei Platten, zwischen „Push“ und „Mutterschiff“ liegen jetzt nur zwei Jahre und dazwischen lag auch noch das ASD-Release.

Afrob: Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Alben lagen auch nur zwei Jahre. Bis zum dritten Album sind auch nur zwei Jahre vergangen. Dazwischen kam dann ASD. Anfangs hatte ich also schon immer einen zweijährigen Releaserhythmus. Weil ich noch so viel zeigen möchte, habe ich aber schon das Gefühl, dass mir die Zeit ein bisschen davonläuft. Ich will es nicht übertreiben und weiß nicht, wie ich mich in zwei Jahren fühle. Es heißt aber nicht, dass ich jetzt Musik veröffentliche, lediglich um zu liefern.#

Ich werde nie für die Quantität auf die Qualität verzichten.

Solang es für mich nicht richtig stimmt, werde ich es auch nicht veröffentlichen. Das Release von „Mutterschiff“ habe ich auch zwei Mal geschoben, eigentlich wollte ich es bereits im Sommer veröffentlichen. Der Output ist trotzdem da, weil mir die Musik Spaß macht und ich mir nochmal die Sicherheit geholt habe in letzter Zeit.

„Push“ ist auf sehr gute Resonanz stoßen – wäre es nicht bequemer gewesen, soundtechnisch einfach an die Platte anzuknüpfen?

Afrob: Das habe ich aus demselben Grund nicht getan, aus dem ich auch nicht noch einen Song wie „Reimemonster“ veröffentliche. Ich bin einfach niemand, der auf einer neuen Platte noch einmal genau das gleiche wie schon beim Vorgänger probiert. Das wäre für alle langweilig, glaube ich. „Mutterschiff“ ist keine leichte Platte, das stimmt schon. Beim ersten Hören blickt man nicht sofort ganz durch und greift die Essenz. Zwar möchte ich niemanden erziehen, aber ich möchte zeigen, dass auch solch eine Platte Spaß machen kann.

Spricht man über die Platte, fällt immer wieder der Begriff Future Sound. War das von Vornherein dein Wunsch, an dem du dich orientiert hast oder war die Entwicklung des Sounds eher ein organischer Prozess?

Afrob: Im Vorfeld habe ich mir das nicht vorgenommen. Bei jeder Platte füge ich etwas hinzu, was vorher noch nicht da war. Bei „Mutterschiff“ hat mir Abaz sehr geholfen, der mit diesem tiefen, schweren Sound ankam. Seine Instrumentalisierung führte schon dazu, dass der Sound endlos klang. Weit und offen als wärst du auf einem Schiff. Diese zukunftsorientierte Schwere gab es schon bei ASD.

Man sagt mir ja auch oft nach, ich wäre meiner Zeit voraus. Das ist natürlich Fluch und Segen.

Jetzt stand ich auch vor der Wahl, mit Autotune zu arbeiten. Die Symbiose aus Autotune und dem Soundscape, den ich mir vorgestellt habe, fand ich immer sehr interessant. Was für mich auch sehr wichtig war: Ich habe endlich eine Formel gefunden, wie ich Melodien cool gestalte. Früher klangen die Melodien für mich immer wie ein Mix aus Herbert Grönemeyer und alten deutschen Volksliedern. Jetzt habe ich den Soul-Faktor, der mir plötzlich ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Hast du deine musikalische Vision mit Abaz geteilt oder vorher produzierte Beats von ihm gepickt?

Afrob: Ihm meine Vision zu erklären, war nicht notwendig, weil Abaz mir in drei Monaten über 400 Beats geschickt hat. Ich habe in meinem Leben noch keinen fleißigeren Jungen gesehen als Abaz. Aus purer Angst, einen Beat zu verpassen, habe ich mir auch jeden einzelnen Beat angehört. Dann habe ich mir eben das gepickt, was ich brauchte. So kam ich dann irgendwann auf die Mutterschiff-Idee, aber daran würde ich mich nicht aufhängen. Das ist für mich eher eine Flucht vor dieser schrecklichen Welt. Wenn ihr wissen wollt, was an dieser Welt so schlimm ist, schaltet mal den Fernseher ein. Früher hat man in den Nachrichten keine Leichen gesehen. Auf meinem Cover ist das auch gut erklärt. Rechts sieht man einen lachenden Jungen, den Baum des Lebens, Delfine, Schmetterlinge und sowas und links Death and Destruction: Waffen, Masken, Ölfässer, Atompilz, die tote Hand, die nach dem lebendigen greift. Die Darstellung von Gut und Böse unterstreicht auch mein Wesen, wie ich finde. Allerdings erklärt sie aber auch den Sound der Platte.

Ich habe das Cover ehrlich gesagt auch als Wandel deiner Person interpretiert, da dein Kopf nach rechts, also hin zum Positiven gewandt ist.

Afrob: Das finde ich interessant, i never thought about that. Vielleicht kann man es unterbewusst so interpretieren, dass ich das negative hinter mir lassen will und das positive in den Vordergrund schiebe und mich daran orientieren will.

Nun bist du schon äußerst lange in dieser Szene aktiv und veröffentlichst dennoch so ein futuristisches Album. Inwiefern benötigen denn mehr Künstler aus deiner Zeit mehr von dieser musikalischen Toleranz?

Afrob: Alle Künstler aus meiner Zeit, mit denen ich spreche, hören auch Travis Scott oder Young Thug. Wer eher ein Problem damit hat, sind glaube ich, die Hörer, die damit groß geworden sind. Aber ich verstehe das, die muss es auch geben. Die Argumente, warum einem der neue Trap nicht gefällt, kann ich nachvollziehen. Allerdings bin ich niemand, der sagt, früher war alles besser. Weiter habe ich auch keine Definitionen, was Rap oder nicht Rap ist. Das steht keinem zu.

Rap ist offen für alle und jeder kann es so interpretieren, wie er möchte.
Es war schon immer so im Rap, dass die Vielfalt die Musik am Leben hält.

Wenn Leute diese goldene 90er Ära für sich konservieren, sehe ich das sehr kritisch. Egal, was sie hören, sie werden sich immer auf diese Zeit berufen. Mir ist das zu wenig. Zum Glück bin ich jemand, der die alten Sachen mag, aber die aktuellen auch feiert.

Ich habe das Gefühl, dass viele dich immer automatisch in den Oldschool-Topf werfen.

Afrob: Man kann mich schon Oldschool nennen. Dennoch bin ich eigentlich ein Newschooler, was viele nicht glauben. Früher war ich immer der jüngste und die ganz alten Sachen hatte ich nie auf dem Schirm. Der DJ von Massive Töne hatte früher Platten, von denen ich keine kannte. Natürlich habe ich dann auch gediggt und geguckt, was es früher so gab. Das ist ja dieses klassische Rap-Hörer-Ding: Sich informieren, was es in der Vergangenheit so gab. Wenn mich jemand aber in die Oldschool-Ecke stellt, habe ich damit kein Problem. Sieht man eine Liveshow von mir, gibt’s da nichts, was nach Oldschool klingt.

„Ich bin dieser“ ist die erste Singleauskopplung aus „Mutterschiff“, obwohl sie nicht sehr maßgebend für das Album ist, wie ich finde. Mit welcher Intention hast du dich für diese Auskopplung entschieden?

Afrob: Als ich den Beat das erste Mal gehört habe, konnte ich ihn mir direkt als Opener einer Platte vorstellen. Dabei bin ich dann geblieben. Ich wollte das unbedingt veröffentlichen, aber ich hab die Single nicht unbedingt als Veröffentlichung nach Release gesehen. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, als Opener einfach was klassisches zu nehmen. Dass es sich dennoch von anderen Singles von mir abhebt, finde ich aber schon. Die haben sonst immer mindestens 90BpM. „Ich bin dieser“ wirkte auf mich so M.O.P.-mäßig: 75BpM, richtig hart gerappt und auch mal wieder geschrien.

Du hast vorhin schon erwähnt, dass das Album verletzlicher ist als sein Vorgänger. Auf „Alles nehm ich mit“ gibt es die Zeile: „Dieser Text macht mich vielleicht noch verletzlicher, (…)“. Warum hast du dich jetzt erst dazu entschieden, auf diese persönliche Ebene zu gehen?

Afrob: Die letzte Platte hat auch schon auf persönlicher Ebene stattgefunden. Darauf war der Song „Wer bin ich“, der sehr persönlich ist. Besonders die zweite Strophe ist schon sehr pathetisch. In dem Augenblick habe ich mich aber so gefühlt, deshalb war es auch richtig so. „Kein Weg zurück“ und „Alles nehm ich mit“ von „Mutterschiff“ finde ich im Vergleich zu „Wer bin ich“ eher oberflächlich persönlich. Dort empfinde ich die Art und Weise, wie ich es kommuniziere, persönlicher. Die Scham, verletzlich zu sein und die Angst, in einem Song viel über sich preiszugeben, habe ich abgelegt. Den Schritt bin ich aber schon bei „Push“ gegangen. Auf der aktuellen Platte ist es zwar konsequenter, aber auch eher verallgemeinert.

Wen nimmst du mit auf dein Mutterschiff?

Afrob: Da möchte ich keinem Unrecht tun. Vielleicht wollen einige ja auch gar nicht mit auf das Mutterschiff.
Alle, die mit an der Platte beteiligt waren, sind eh schon drauf. Dann wird man sehen, wer noch Lust hat. Das muss man wie die Arche Noah sehen: Wenn hier alles den Bach runtergeht, bin ich auf dem Mutterschiff.

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