Abroo: „Entertainment funktioniert eben schlecht mit Inhalten“

Frühjahr 2016.
Deutschrap hat sich in den letzten Jahren gemausert. Weg von endloser Engstirnigkeit und strikten Genregrenzen, hin zu mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber diverser Subgenres. Das in Rapdeutschland vermutlich jüngste Subgenre, das sich momentan etabliert, ist Cloudrap. Wohin man nur schaut, plötzlich scheint ein Großteil seine Affinität zu Hustensaft und dem Autotune-Effekt, der vor ein paar Jahren noch verpönt war, entdeckt zu haben. Sie sind auf dem Trap-Film hängen geblieben.
Aber es gibt Ausnahmen. Es mag an der Umgebung liegen – weit weg von Metropolen mit Clubexzessen und Gästelisten-Hustle. Die Rede ist von Rap-Urgestein Abroo.
Seit mittlerweile über 20 Jahren spielt er mit im Zirkus Deutschrap und ist weit enfernt davon, auf den nächsten Zug Richtung Trend aufzuspringen. Früher mit Casper und Separate als Kinder des Zorns unterwegs, heute noch Mitglied der Antihelden und eben auch als Solokünstler aktiv.
Gut Ding braucht Weile und so dauerte es auch immerhin vier Jahre bis nun diesen Monat das „Königreich der Angst“ das Licht der Welt erblickt.
Wir sprachen mit Abroo über die Zusammenarbeit mit dem Berliner Autor Dirk Bernemann, Gesellschaftskritik im Rap und über die Dinge, vor denen er wirklich Angst hat.

 

Du bist wohnhaft in Lemgo – hat es entscheidene Nach- oder sogar Vorteile für deine Musik, wenn man den Wohnort beispielsweise mit Berlin vergleicht?

Abroo: Ja. Ich bin schön weit weg von dem selbstverliebten, aufgesetzten Zirkus namens „Deutschrap“. Ich habe hier meine Ruhe und muss auch nicht jeden Mist mitmachen, um auf irgendwelchen Gästelisten eines achso-angesagten Clubs zu stehen. Jeder wie er will. Ist halt nicht mein Ding. Wo ich einen Song aufnehme hört man aus einer Aufnahme eh nicht raus, also spielt die Geographie beim Musikmachen keine Rolle für mich. Nachteile sehe ich keine.

In der Singleauskopplung „Sterne und Streifen“ behandelst du die aktuelle politische Situation der Vereinigten Staaten. Mit immer mehr AfD-Anhängern sieht auch Deutschlands Lage alles andere als gut aus – Planst du etwas zu der Thematik?

Abroo: Also die aktuelle Situation beschreibe ich da nicht ausschließlich. Da fallen auch Namen wie Rumsfeld, der bis 2006 Verteidigungsminister der USA war oder Saddam Hussein, der im selben Jahr hingerichtet wurde. Der Text ist schon älter und ich habe immer wieder Dinge neu hinzugefügt. Die ersten Zeilen des Songs sind von 2003 und bis 2016 hat sich da noch viel neuer Stoff angesammelt. Die Thematik wird wohl auch in 20 Jahren noch präsent sein. Die deutsche politische Lage wird auf dem nächsten Antihelden Album Ende des Jahres Thema und wir haben da auch kein Blatt vor den Mund genommen. Es wird relativ radikal und der Finger in die größte deutschen Wunde gesteckt. Da wo es weh tut. Aber anders geht es auch nicht. Man darf gespannt sein.

Wie wichtig ist es generell, besonders junge Hörer durch Musik mit solchen Thematiken zu konfrontieren?

Abroo: Wichtig ist es. Aber es ist absolut nicht erfolgreich. War es nicht mehr seit dem Ende der 60er Jahre, als die Jugend am Zenit der Politikverdrossenheit war und sich wirklich Gedanken gemacht hat und rebelliert hat. Heute ist es nicht mehr so wichtig auf etwas hinzuweisen.

Die meisten Rapper zeigen durch Ghetto-Romantisierung, dass es zwar üble Viertel, Armut in Deutschland und Klassenunterschiede gibt, aber tun dies mit Edelkarren,Geldstapeln und Gangster-Attitüden.

Der Otto-Normal-Verbraucher liest da Gesellschaftskritik raus. Für die Kids ist es aber einfach cool und wenn man sich dann auch eine Alpha-Jacke kauft, einen Tyson-Schnitt machen lässt und vor den Klassenkameraden aufhört die Der-Die-Das-Artikel korrekt zu verwenden, dann rückt der 14Jährige seinem Idol näher. Mein Album ist zu uncool und viel zu schwere Kost, als das sich ein junger Hörer freiwillig damit beschäftigen möchte.

Wir leben auch in einem Land, in dem Schnappi das Krokodil neben Helene Fischer und Bushido die Charts dominieren können. Entertainment funktioniert nur sehr schlecht mit Inhalten.

Ich selbst war aber als Teen 1991 auch nicht anders. Ich fand es spannend die Sex-Texte von 2 Live Crew und die Gangsterlyrics von Ice Cube mitzugröhlen und war sehr weit entfernt von Politik, Gesellschaft und Erwachsensein. Das ist also Normalität, denke ich.

Inwiefern kannst du diese Problematiken anders vermitteln als Lehrer oder Eltern?

Abroo: Die Bildsprache, Vergleiche und Wortspiele machen es interessanter, glaube ich. Man bekommt nicht das Gefühl, dass ich aus einem Geschichtsbuch vorlese, welches schon 20 Jahre alt ist und einfach als Pflicht-Nachschlagewerk eines jeden Schülers und Lehrers gilt. Die Frage ist aber, ob man wirklich jemanden zum Nachdenken oder sogar Umdenken anregen kann. Sowohl mit Musik als auch mit dem Schul-Stoff. Ab einem bestimmten Alter möchte man wohl das Gegenteil von dem tun, was Eltern oder Lehrer für sinnvoll halten. Weil man nicht so langweilig und altbacken sein möchte wie sie. Ist auch verständlich.

Wie sieht heute das Verhältnis zwischen deinen alten Kinder des Zorns Kollegen Separate und Casper aus? Habt ihr noch viel Kontakt?

Abroo: Ich habe zu beiden Kontakt. Wir schreiben uns hin und wieder. In letzter Zeit aber mehr mit Casper wieder. Wir wollen bald mal ein Bierchen trinken gehen und dummes Zeugs quatschen. Muss auch mal sein. Musikalisch merkt man beiden an, dass sie genau das tun,worauf sie Bock haben. Finde ich wichtig und gut. Anders tue ich es auch nicht.

Bestünde die Möglichkeit, hättest du Lust auf eine Kinder des Zorns Reunion?

Abroo: Eine Reunion halte ich für ausgeschlossen. Lust darauf hätte ich auch nicht mehr so unbedingt. Der gemeinsame Nenner wäre zu klein. Auf dem vorletzten Album von Separate war ich noch mal als Feature-Gast vertreten. Und auch mit Casper könnte ich mir mal irgendwann einen gemeinsamen Song vorstellen. Aber nicht mehr in der 3er-Konstellation und auch nicht auf Albumlänge.

Wie ist „Königreich der Angst“ thematisch aufgestellt?

Abroo: Es behandelt die verschiedensten Arten von Ängsten. Jeder Song verarbeitet eine andere Angst. Angefangen von Ängsten, die uns vom Elternhaus von der Kindheit an mit eingetrichtert worden sind bis hin zu alltäglichen Ängsten wie Zukunftsangst, Angst vor äußerlichen Mängeln, Verlustängsten oder Hygiene-Phobien. Aber eben auch wie dem Bürger gezielt Angst gemacht wird vor Fremden, Krankheiten oder Krisen. Am Ende thematisiere ich auch die Angst eines jeden Künstlers vor der Irrelevanz und dem Ende des Kreativseins.

Was hat dich zu dem Titel bewogen?

Abroo: Ein Buch von Hunter S. Thompson, welches auch „Kingdom of Fear“ heißt.

Wie lang hat der Produktionsprozess der Platte in Anspruch genommen und mit wem hast du zusammen gearbeitet?

Abroo: Knappe 4 Jahre hat es gedauert das Album fertigzustellen. Ich habe aber auch keinen Druck, da ich gutes Geld mit meinem Job verdiene und kann mir die Zeit lassen, die ich brauche, um etwas zu meiner Zufriedenheit zu beenden. Mit verschiedenen Produzenten wie 7inch, Noyland, LGP, MecsTreem, SirQLate und Kallsen habe ich die unterschiedlichsten Leute am Soundteppich knüpfen lassen. Features kommen von Audio88, Blood Spencore, SirQLate, Phase, Headtrick, Gory Gore und Donato. Alles Kollegen, die ich schätze und genau richtig auf dieser Platte sind.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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