‚bout the Beats and the Bees – Edward Sizzerhand über Tapes, halluzinogenen Honig und sein Debütalbum „A Taste Of Honey“

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Ich verabrede mich mit Edward Sizzerhand zum Telefongespräch. Unter der Woche zu ihm nach München zu fahren ist leider undenkbar: Zwischen uns liegen 800 Kilometer. Es wird ein Aufeinandertreffen zweier Generationen, und damit möchte ich weder Eddie das Gefühl geben alt zu sein, noch mir das Gefühl geben ein Jungspund zu sein. Das sage ich im höchsten Respekt. Er war als DJ von Square One schon dann aktiv, als ich noch nicht einmal meine erste CD gekauft habe. Heute ist er natürlich weiterhin DJ, obendrein aber auch Imker und Produzent und mit seinem Debütalbum „A Taste Of Honey“ heute zusätzlich: mein Interviewpartner.


150 Kilogramm Kassetten

Nachdem wir es uns beide am Hörer bequem gemacht haben, geht es zwar vorerst nicht um CDs aber um den Vorgänger: die Kassette. Edward Sizzerhand lenkt das Gespräch direkt auf meinen ersten Themenschwerpunkt, so als hätte er auf meine virtuellen Notizen geschaut (ausschließen möchte ich nichts, schließlich ist Eddie auch IT-Spezialist). „Ich kann mich noch erinnern: Ich hab vor 20 Jahren auch mal für die BACKSPIN geschrieben. Ich hab damals die Mixtapes gemacht.“ Das ist unser gemeinsamer Aufhänger: Er schrieb damals Mixtapes-Reviews für BACKSPIN, ich tu es mit Diggin‘ In The Tapes heute. 

Ich hab glaub ich in meinem Studio immer noch so an die 500-600 Kassetten. Die hab ich ja damals auch immer zugeschickt bekommen und ich hab ja selber auch eine Seite gehabt wo wir reviewed haben und hab ja auch hier in München auch in so einem Plattenladen gearbeitet. Ich wurde mit Tapes zugeschüttet ohne Ende.“

 

 
 
 
 
 
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Erst wenige Stunden vor unserem Telefonat postete Eddie einen Ausschnitt aus seiner Tape-Sammlung auf Instagram. Prominent in der ersten Reihe liest man DJ Premier. Ich spreche Eddie darauf an. „Preemo“ zähle als Mitgestalter nicht nur ganzer Tape-, sondern auch Plattensammlungen: „Damals war es ja wirklich so, dass du als DJ erstmal die Tapes gekauft hast und dann hast du ja gewusst: Ok, das was jetzt Preemo irgendwie mischt, das muss ja cool sein. Und dann hast du die Platte gekauft. Der neueste Stuff, was an Platten cool ist, hast du immer von den Mixtapes gehört. Vor allem weil auf den Mixtapes auch immer Sachen drauf waren, die vielleicht auch erst in einem halben Jahr rauskam, weil die DJs drüben, das schon hatten.“

Es geht um Tapes

Das Tape als schnellstes Vermittlungsmedium musikalischer Funde wurde dann spätestens mit dem Internet abgelöst. Trotzdem erleben Kassetten auf den Schultern der deutschen Memphis-Riege gerade ein Revival. „Es ist auf alle Fälle cool, dass diese coolen Formate von damals nicht totzukriegen sind. Es ist ja genauso wie mit Vinyls, dass die mit der Kassette die CD überlebt haben. So eine CD wird jetzt keiner mehr einlegen, so eine Kassette, oder Vinyl das hat zum einen was nostalgisches, aber auch so einen Sammelcharakter.“ Auf den Sammelcharakter ist Eddie gewiss angesprungen: Neben den 600 Kassetten, die der Münchner sein eigen nennt, besitzt er das zehnfache davon an Platten – etwa 6000 an der Zahl.

Ich find jetzt schön, dass die Artists jetzt wieder auf den Trichter wieder gekommen sind und das sehr viel limitiert rauskommt oder Special Editions und das sind halt einfach schöne Sammlerstücke, wo du halt gerne dir die einfach auch zuhause ins Regal reinstellst.“

Zwischen Bienen und Beats

Edward Sizzerhands mit Sammlerstücken gefülltes Regal befindet sich auf seinem Hof nicht weit außerhalb von München. Dort lebt er, produziert und kümmert sich um Sizzerbees. Seitdem Eddie aus der Stadt wieder auf aufs Land gezogen ist, ist er Imker. Das alles passiert auf demselben familieneigenen Hof auf dem auch Square One damals ihr Studio hatten. „In der alten Garage beziehungsweise Milchkammer hab ich mir damals das Studio eingerichtet und hab jetzt da in den letzten 10 Jahren richtig Zeit gehabt, mich auf die Musik zu konzentrieren.“

Diese zehn Jahre widmete er sich seinem Debütalbum „A Taste Of Honey“. Nicht in Gänze. Tagsüber kümmert sich Eddie um seine Bienen und den Vertrieb des Honigs der Sizzerbees. Er sieht es als Ausgleich, in der sich keine der beiden Professionen in die Quere kommt. „Auch wenn ich mal ein Beatset spiele, findet das ja meistens abends statt und da müssen die Bienen ja auch nicht mehr versorgt werden.“ Das Bienen-Business ist zusätzlich ein saisonales. Es muss eben was blühen. Auch das Wetter kann aus einem Bienentag einen Studiotag machen: „Wenns mal windig ist, dann mach ich so ein Bienenvolk gar nicht auf. Dann ist besser man stört die nicht, weil die sind dann bloß aggro unterwegs.“ Grundlegend hat Eddie hat die Faustregel, dass wenn die Sonne untergeht, es für ihn ins Studio geht.

Keine Kompromisse

Musik abseits der Hauptberuflichkeit: Es sind primär die Bienen und die IT-Kenntnisse, die die Miete zahlen. Daraus zieht Eddie überhaupt erst die Freiheiten, so klingen zu können, wie er klingen möchte: „Ich find das tatsächlich ganz wichtig, dass es eben nicht die Nummer 1 Einnahmequelle ist. Weil ab dem Zeitpunkt könntest du halt immer Konflikte haben mit Kompromissen – das du vielleicht nicht wirklich machen kannst, was du machen willst.

Ich hab ja auch überhaupt keinen Zeitdruck. Ich hab das Album jetzt über zehn Jahre gemacht und jetzt ist es für mich so stimmig gewesen und jetzt kann ich das raushauen und es macht mir ja unheimlich Spaß jetzt das Ganze auch zu performen, Live zu spielen, ein paar Beatsets zu machen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich darauf angewiesen bin. Das ist eigentlich für mich das wichtigste dabei, dass man im Endeffekt nicht angewiesen ist das zu machen, sondern dass immer noch der Spaßfaktor im Vordergrund steht.“

Blickt man auf den Titel des Albums, das Cover und die Tracklist, so kann man sagen, dass er sich die letzten zehn Jahre eben doch in Gänze seinem Debütalbum widmete. Diese ganze Imker-Geschichte eines gestandenen Hip-Hop-DJs ist eben nicht nur ein nettes Gimmick, sondern eng verzahnt mit dem letztendlichen Produkt. „A Taste Of Honey“ besteht aus 14 Instrumentals, die allesamt nach Honigsorten benannt wurden und demnach komponiert wurden sind.

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Ein Genießerprodukt

Es hat fast schon etwas von Synästhesie einer Honigsorte Klang zu verleihen. Eine ähnliche Wahrnehmung fand man auch bei den damaligen Square One Kollegen Iman und dem 2010 verstorbenen Ali, die die Angewohnheit hatten ihre Tracks in Farben einzuteilen. Farbe in Tracks – Honig in Beats. Für Eddie ist das Teil seiner Imker-Profession.

Es ist natürlich auch so, dass ich als Imker durch meine Imkermeisterausbildung eigentlich auf dieses Konzept gekommen bin. Und zwar gings da ja eigentlich um Honigsensorik. Also du musst anhand von Geschmack und Farbe ne ganz spezielle Charakteristik von diesem Honig rausschmecken. Und da bin ich im Endeffekt auch auf diese Idee gekommen diesen Geschmack oder diese Charakteristik auf Beats zu transportieren.“

Gedanklich habe ich Restaurantkritiker im Kopf, die bei nur einem Bissen das Rezept des Gerichts aufsagen können. Hört man mit dem Wissen in „A Taste Of Honey“ rein, bestätigt sich die Assoziation. Eddie schafft Klangbilder, die ich keinem Honig jemals entnehmen könnte. Die Beats sprühen vor Facettenreichtum, bleiben sich aber in der Machart treu. Sizzerhand wollte seine Beats nicht überladen, sie simpel halten: „Wenn dann vielleicht noch ein kleines Arrangement ist, dass dann hier und da mal ein Beat aussetzt oder mal eine Snare oder eine doppelte Snare setzt, dann rundet das Ganze das schon ab.“ Bleiben wir bei der Assoziation zum Restaurantkritiker: Ich denke bei „A Taste Of Honey“ an die überschaubar angerichteten Speisen der Sterneküche, an ein vielseitiges 14-Gänge-Menü leichtbekömmlicher Gerichte.

Vom Trip zum Moorland

So kommt es, dass der anfangs fanfarenartig dichte „Forest“ beispielsweise ganz anders klingt als „Alpinerose“, denn mit „Forest“ verarbeitet Eddie den beinahe grünlichen Waldhonig zum Instrumental. „Waldhonig ist halt auch einfach sehr dunkel, sehr düster. Er ist sehr stark, er ist sehr aromatisch.“ Der Honig der Alpenrose, mit dem Eddie während seiner Ausbildung in Österreich in Kontakt kam, ist hingegen für seine halluzinogene Wirkung bekannt, daher klingt „Alpinerose“ in erster Linie „trance-y“. Eddie erzählt mir vom nepalesischem Pendant, dem „Mad Honey“ und empfiehlt mir ein YouTube-Video, wovon ich euch folgenden Ausschnitt nicht vorenthalten möchte:

Dass aus diesen ganzen Charakterzügen der einzelnen Instrumentals auf dem Album eine gewisse Dramaturgie entsteht, findet Edward Sizzerhand wichtig. Gerade, hinsichtlich aktueller Trends in der Szene: „Es gibt ja viele Beatproduzenten, die nur noch rein nach einer Playlist produzieren. Da stecken die das da rein, und das andere da rein. Und es hat immer so ein ganz bestimmtes Schema, wie so ein Beat aufgebaut ist. Aber bei einem Album find ich muss es von Anfang an bis Ende stimmig sein.“ Diese Stimmigkeit in „A Taste Of Honey“ findet sich im veregnet klingendem und abrupten Ende von „Moorland“ nicht etwa, weil Eddie mit der Konstellation einen düsteren Schluss im Sinn hatte, sondern weil diese die schlüssigste „Albummelodie“ erzeugt.

Während Eddie gerade auf Weihnachtsmärkten den Honig der Sizzerbees vertreibt, wird auch seine Platte dort ausliegen. Seit dem 29. November ist „A Taste Of Honey“ nun digital, auf Kassette sowie auf Vinyl erhältlich. Alle Einnahmen fließen in die Honigproduktion der Sizzerbees. Die Zukunft verspricht nicht weniger süßlich zu werden: Von 30 Beats sind gerade mal 14 auf dem Album gelandet und die ein oder andere zusätzliche Sorte gilt es noch in Klang zu übersetzen. Auch eine Kollabo mit Rappern ist denkbar. Das alles will sich Edward Sizzerhand aber offenhalten. Es geht dort hin wo es hingehen soll, auch wenn es mal zehn Jahre in der Erstellung dauert. Das ist eben einer der großen Vorzüge, wenn die Musik nicht die Miete zahlt.

1 Comment

  1. Ghad

    10. Dezember 2019 at 20:38

    Sehr schöner Artikel

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