Bushido & Shindy – „Cla$$ic“

BushidoxShindy-Classic-Cover

Schlicht beispiellos, wie sich die Community in den letzten Wochen das Maul zerrissen hat, ob die Überschrift auch wirklich das halten würde, was sie vermeintlich verspricht. Dabei behaupteten selbst die Urheber weder in den sozialen Netzwerken, noch in ihren Songs, dass diese Platte ein Klassiker werden würde. Stattdessen hieß es immer wieder: „Der Shit ist Cla$$ic“. Ein Albumtitel, der für mehr Furore sorgte, als alle Szene-Comebacks dieses Jahres zusammen. Dabei sticht es mir bei näherer Betrachtung geradezu ins Auge, wovon der letzte Langspieler des Berliner Labels wirklich handelt. Die Samplewahl orientiert sich in ihrer Idee an der goldenen Ära. In der Umsetzung werden die Musikfragmente an den heutigen Hochglanzsound angeglichen und im Nachhinein künstlich „verdreckt“; wodurch per se ein neuer Klang entsteht. Die Lines wiederum greifen altbewährte Schemata auf und erblicken, gemäß der gefühlt vierundachtzigsten Auflage von „..sowas machen Hip-Hopper“, in neuer Umhüllung das Rampenlicht. Und um dem Sound einen adäquaten optischen Reiz zu verleihen, zeigen sich die Rapper in den Videosingles auf den Fenstersimsen barocker Prunkbauten und gestikulierten auf geschichtsträchtigem Gelände die Konkurrenz in Grund und Boden.

Wie konnte man bei einer so offensichtlichen und vielschichtigen Interpretation der Klassik überhaupt noch missverstehen, dass es sich hierbei um das nächste Prachtexemplar des alemannischen Hip-Hop handeln würde? Schließlich wird DJ PremiersClassic“ auch nicht in einem Atemzug mit „Microphone Fiend“, „Shook Ones Part II“ und „Lose Yourself“ genannt. Wahrscheinlich wartete Deutschland etwas zu gespannt auf das, was ohnehin nur eine Frage der Zeit war: Die Kollabo von zwei sich blendend ergänzenden Label-Kollegen und Gleichgesinnten. Verdammt geschickt ausgenutzt und verdammt fresh umgesetzt.

Dass „Cla$$ic“ noch lange kein „Klassiker“ sein muss, belegt schon ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher. Schließlich zeichnet sich ein wahrer Meilenstein des Rap schon seit Anbeginn der Taktrechnung durch seinen Hunger aus. Beispielsweise leitete der Hunger von „King of Rap“ eine neue Ära ein. Auch „Vom Bordstein zur Skylines“-Hunger leitete eine neue Ära ein. Wie zuletzt auch „XOXOs“-Hunger eine neue Ära einleitete. Dagegen klingt „Cla$$ic“ wie eine übersättigte Bestandsaufnahme – denn wer sich selbst schon auf dem Thron sieht, muss sich den Bauch bereits vollgeschlagen haben. Es bleibt dabei: Meiner Meinung nach handelt es sich beim Titel ausschließlich um die Thematik und nicht um die Ambition, die das Album verfolgt. Und das, und nichts anderes als das, ist den beiden auch gelungen.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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