Selfmade Records – „Chronik III“

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Und plötzlich war Selfmade Records zehn Jahre alt. Das Label ohne Sägeblatt, das längst die Glanztaten des Labels mit Sägeblatt übertrumpfen konnte – zumindest, was Verkäufe angeht – feiert sich deswegen auf Albumlänge selbst. Kann man schon mal machen. Aber wie sieht so eine Party mit dem Selfmade-Roster aus? Alles, aber ganz sicher nicht homogen. Während Kollegah Zigarren rauchend sein Geld zählt und nur aus Respekt gegenüber Selfmade-Chef Elvir auf einem ledernen Sessel am hinteren Ende des Clubs platzgenommen hat (neue Freunde braucht er nicht), ziehen Karate Andi und die 257ers alles, was die Straßenapotheke in kristalliner Form hergibt, durch die Nase, bis Shneezin irgendwann nackt umherspringt und zwei Wochen nicht mehr gesehen wird. Auch Favorite kommt verlegen vorbei und schnorrt sich eine Line Speed. Sikk und Karuzo stehen währenddessen in einer anderen Ecke des Raumes, unterhalten sich über ihre Lieblingsthemen: Kunst und Architektur, und machen sich Komplimente für die neuen limitierten Sweater einer amerikanischen Streetwearbrand. Irgendwann riecht es nach Kotze und alle sind genervt. Dann doch lieber wieder das eigene Ding machen. Keine Kompromisse und keine ungeliebten Kollegen, die einem die Laune vermiesen. Gedacht und getan: Alle gehen nach Hause und freuen sich, dass es noch zehn Jahre bis zum 20-jährigen Selfmade-Jubiläum dauert. Familiengefühle kommen nicht auf.

 

»Chronik 3« vereint mehr als eine Handvoll der wichtigsten Deutschrapper unserer Zeit. Es hätte so schön sein können. Stattdessen dominieren seelenlose Instrumentale und Parts, die nicht zusammenpassen. Zu brachiale Basslines und zu billige Synthies prügeln sich vor allem durch die erste Hälfte des Albums. Karate Andi vermag nicht einmal sein offensichtliches Talent zu nutzen und verliert sich in Mittelmäßigkeit, während Favorite einmal mehr zeigt, dass er seit Ewigkeiten das Gleiche macht. Dafür liefern die 257ers um Längen besser ab, als auf den Autoscooter-Geschrammel-Ausrutschern der letzten Tage. Sie sind lieber „Gangsta“ und erinnern sich an ihre Westcoast-Sozialisation, bis sie sich kurze Zeit später wieder in käsigen Hooks verlieren. Kollegah bleibt währenddessen Kollegah. Auch er ist eher unmotiviert, bis er auf „Goldener Ring“ plötzlich auf einer staubigen 90er-Liebelei zeigt, wie gut er auf klassischem Beatmaterial klingt. Auch Genetikk funktionieren nur einmal so richtig gut – wenn das wunderbar arrogante „Fresse voller Gold“ von Sikk mit einem Clams-Casinoesken Orchestralsound vergoldet wird. Die stärksten Auftritte auf der Jubiläumsparty liefern allerdings die Leute auf der Gästeliste: Casper, Marteria und SSIO. Und am Ende dann die große Überraschung: Shiml und Montana Max geben sich die Ehre und klingen so hungrig, dass sie den vielleicht besten Track der Chronik liefern. Ob das so geplant war? Elvir und den anderen kann es egal sein, denn jegliche Kritik an den Selfmade-Künstlern ist Gemecker auf hohem Niveau. Qualitativ überlegen sind sie auch auf Chronik einem Großteil der Konkurrenz. Leider war sich die Selfmade-Bande dessen etwas zu bewusst und kocht nur auf Sparflamme.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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