Fler – Weil die Straße nicht vergisst

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Jetzt mal ehrlich: Ich hasse es, Rezensionen aus der Ich-Perspektive zu schreiben und ich hasse es noch viel mehr, mich davor erklären zu müssen. Doch Fler lässt nichts anderes zu. Er provoziert diese Mittel. Denn bevor sich auch nur ein Ton von „Weil Die Straße Nicht Vergisst“ seinen Weg durch die Boxen gebahnt hat, habe ich eine Achterbahnfahrt der Gefühle durchlebt. Irgendwo zwischen Wut, Belustigung, Fremdscham und heimlicher Bewunderung. Ich habe den Fehler begangen und vor dem Konsum des Albums die viel gefährlichere Droge angefasst: die unendlichen Weiten der Fler-Interviews, Twitter-Posts und Ansagevideos. Die setzen mir zu. Nicht nur, dass Fler, ein über 30-Jähriger wohlgemerkt, immer wieder mit absolut unkritischen Interviewern zusammensitzt, um seine Ideale, die stellenweise zwischen absurd und hängen geblieben schwanken, in Rage heraus zu stottern. Nein: zu schreien. Auch seine cholerische Wut bis hin zu Drohanrufen bei Kritikern geht mir gegen den Strich.

 

Doch es gibt auch die andere Seite. Denn ich verfolge das musikalische Schaffen von Fler nicht erst, seitdem es in Mode gekommen ist, halbironisch seine Interviews anzusehen. Er begleitet mich seit der Zeit, in der Straßenrap tatsächlich noch etwas Revolutionäres anhaftete. Vor zehn Jahren genau wie heute lebte Frank Whites musikalischer Kosmos von seiner Ästhetik, von der bellenden Stimme, von Kompromisslosigkeit und Prolltum. Deswegen machen mir, den Fler vermutlich als „Hipsterjournalisten“ oder scheiß Studenten abstempeln würde, seine Tracks noch immer Spaß. Zugeben möchte ich das ungern. Lässt man nationalistische Aussagen, ständige öffentlich ausgetragene Streitereien mit der rappenden Konkurrenz aus Nordrhein Westfahlen und eine Intoleranz gegenüber Leuten, die seine Vorstellungen von Hip-Hop oder Männlichkeit nicht Teilen, allerdings außer Acht und widmet sich ohne Vorurteilen der Musik, dann ist „Weil Die Straße Nicht Vergisst“ gar nicht so übel. Dann ist „Weil Die Straße Nicht Vergisst“ sogar ziemlich unterhaltsam.

 

Nach dem musikalischen Ausflug in die Südstaaten der USA ist Fler mit seinem neuen Album endgültig zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Mehr CCN als Meek Mill und French Montana. Das ist gut so. Eine instrumentalgewordene Südberlin-Lethargie mit drückenden Pianos und melancholisch dahindümpelnden Melodien untermalt die üblichen Drohgebärden und Bangerein. Fler scheißt auf alle, die ihm nicht mit dem nötigen Respekt gegenübertreten und ohnehin auf alle, die ihm nicht in den Kram passen. Das sind eine ganze Menge Leute, die es zu diskreditieren galt. Arroganz, Aggression, Selbstbeweihräucherung und Verweise auf den Straßenbackground ziehen sich durch das Album, wie immer. Dafür glücklicherweise wenig Fitnessgeschwafel. Und obwohl Fler seit Beginn seiner Karriere mit denselben Phrasen um sich wirft und der Inhalt sich weitestgehend auf aneinandergereihten Straßensprech reduziert, wird es nicht langweilig. Fler battlet sich durch die Gegend wie ein bockiges Kind, und irgendwann nimmt man ihm ab, dass ihn die Straße nie vergessen wird. Graue Ästhetik, lyrische Brutalität, gemimte Authentizität, der man lieber nicht widersprechen will. Das Fundament eines guten Straßenrapalbums ist gelegt. Wären zum Ende hin nicht doch wieder Ausflüge in die US-amerikanische Moderne herauszuhören, dann hätte „Weil Die Straße Nicht Vergisst“ das spannendste Fler-Album der letzten Jahre werden können.

 

So bleibt es ein solides, gut produzierte Stück Musik von einem, der Rap lebt und weiß, was die treuen Fans wollen. Das reicht offensichtlich. Sonst würde Fler sich schließlich nicht mit seinem Range-Rover-Händler, sondern mit der Bundesagentur für Arbeit herumschlagen.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

1 Comment

  1. Basti

    2. Oktober 2015 at 22:24

    Hä ? Aber wenn du den Strassensound auf den Album feierst denn ist doch KKMMM doch genau dein Album,oder ist das wieder nicht spannend ? Hätte hätte Wäre – was soll das ? Feierst du das jetzt oder nicht ? Das hinter der Ganzen Geschichte mit dem Image eine leicht durchschaubare Marketing Strategie steckt ist doch auch mehr als klar. Fler hängt halt fest drin in seinen sogenannten Straßen aber ich glaube nicht das dieser 30 jährige das Image besonders stört – bzw er seine Aussagen besonders ernst nimmt. Schreib doch mal über Fler als Produzenten oder die Beats vom Album da hat er nämlich mehr als Geschmack bewiesen und ist mit seinen Produktionen ein echter vorzeigekünstler für Deutschland und wenn euch die Provokationen wirklich stören denn habt ihr das Spiel nicht verstanden bzw. hört halt weiter realen Hip Hop 😀

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