Silla – „Vom Alk zum Hulk“

silla-vom-alk-zum-hulk-cover475Schrank abschließen, Handtuch überwerfen und Trinkflasche auffüllen. Anstatt eines Intros beginnt das neue Silla Album „Vom Alk zum Hulk“ mit einem „Warm Up“. Der rappende Motivationscoach macht Mut: „Du musst es dir nur zutrauen, vom Warm Up bis zum Cool Down.“ Der leichtfüßige Flow und die trappige Note wecken die Vorfreude auf die bevorstehende Einheit. KD Beatz und die Hijackers sorgen unter anderem für die musikalische Untermalung. Features gibt es lediglich auf dem Mammuttrack „Die letzten ihrer Art (Remix)“. Junge Nachwuchskünstler Künstler wie Credibil und alte Weggefährten wie King Orgasmus One unterstützen Silla dabei.

Wie Albumtitel und Tracklist bereits vermuten lassen, geht es auf dem Album um Fitness. Vom Aufwärmen auf dem Stepper bis zum wohlverdienten „Proteinshake“ als Belohnung nach einer schweißtreibenden Einheit ist alles dabei . Ansonsten bedient sich Silla an der klassischen Deutschraprezeptur: Einen wehmütigen Song über die Ex-Freundin, die man erst wertschätzte, als sie einen verlassen hatte, oder über die kriminelle Vergangenheit in der Hood und die Verbundenheit zur Straße.
Straßenrap spielt allerdings kaum noch eine Rolle. Wenn geballert wird, dann höchstens mal ein morgendlicher Pre-Workout-Booster. „Magermilch, Haferflocken, tiefgefrorene Beeren, während sich die Discopumper nur von Cheeseburgern ernähren.“ Lediglich die ungesunde Ernährung mancher Rapkollegen scheint den Rapper „mit dem Körperfettanteil eines Surfers aus Hawaii“ noch zu einem kleinen Seitenhieb anzustacheln.

Es gibt aber auch persönliche Momente auf dem Album. Der Track „Cardio-King“ behandelt die Sucht nach Anerkennung, die zeitweise sein Handeln bestimmt. „Keine Zeit, wo ich mich ausruhen kann, ich hab seit Jahren diese Laufschuhe an.“ Auch wenn Silla nicht ins Detail geht, lässt sich doch erahnen, wie rastlos und unruhig sein bisheriges Leben verlaufen ist: Streitigkeiten mit dem ehemaligen Label-Chef Fler, die wiederkehrende Alkoholsucht oder der Rechtsstreit um seinen ehemaligen Künstlernamen Godsilla. Diese Vorfälle sind nur ein kleiner Teil einer bewegten Karriere.
Die Vergangenheit ist für Silla jedoch kein Grund, wie auf seinem Album „Sillainstinkt“ in Depressionen oder Selbstmitleid zu versinken. Frei nach dem Motto: „No Pain, no Gain!“ bringt der „K-K- ihr wisst schon“ auf dem gleichnamigen Track aggressiven Battlerap. Auf „G.O.D“ spielt er mit den „Wolkenkratzern Domino“ , zerstört in Superheldenmanier Tokyo. Die Beats passen sich der jeweiligen Stimmung der Songs an, von melancholisch bis monumental.

Dass das Fitnessthema nicht völlig ausgelutscht ist, beweist Silla mit „Arnold“. In Anlehnung an Arnold Schwarzenegger, ehemaliger Bodybuilder und Gouverneur von Kalifornien, rappt Silla aus der Perspektive eines Vaters über seinen geliebten Sohn, mit dem er die Liebe zum Eisen teilt. „Arnold, du bist Daddys ganzer Stolz, schon dein Schulranzen war mit lauter Hanteln voll.“ Herrlich selbstironisch und kreativ!

Leider ist nicht jedes Lied auf „V.A.Z.H.“, das sich dem Kraftsport widmet, so gelungen. Viele Dinge hat man so oder so ähnlich schon bei der Konkurrenz gehört. Unangenehme Begleiterscheinungen auf nahezu jedem Song sind die hohlen Phrasen und Binsenweisheiten, mit denen Silla nur so um sich wirft. Eine Kostprobe: „Gewinnertypen sind nicht die, die immer gewinnen, sondern die, die niemals aufgeben“ oder „Probleme sind da, um bewältigt zu werden.“ Mag sein, dass diese Sprüche bei der Prüfung zur Fitnesstrainerlizenz abgefragt werden, auf einem Rap-Album nerven sie auf Dauer.

Auf dem Album „Vom Alk zum Hulk“ inszeniert sich Silla als Superheld, anstatt Geschichten aus seiner, vom Alkohol bestimmten, Vergangenheit auszupacken. In diesem Sinne spiegelt das Album eher den Hulk wieder, als die Transformation vom „Junk zum Schrank“. Musikalisch und inhaltlich ist das Album keine Offenbarung. Dafür ist es nicht vielfältig oder innovativ genug. Trotzdem beweist Silla mit Songs wie „Cardio-King“ oder „G.O.D.“, dass er durchaus Skills besitzt. Wer vollends dem Fitnesstrend verfallen ist, wird in dem Album einen guten Soundtrack für das Gym finden.

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Paul Schwenn, geboren 1995, beendete im Jahr 2014 seine Schullaufbahn mit dem Abitur. Der glühende Fußballfan und treue HSV-Anhänger absolvierte bereits Praktika bei transfermarkt.de und dem Investigativ-Ressort der ZEIT. Neben Fußball und Politik begleitete deutschsprachiger Rap seine Jugend. Prägende musikalische Einflüsse aus seiner Heimatstadt Hamburg waren beispielsweise "Am Wasser Gebaut" von Fettes Brot oder Nate57 mit "Stress aufm Kiez". Für jede Stimmungslage oder Lebenssituation liefert ihm die vielfältige deutsche Raplandschaft den passenden Soundtrack.

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