Review: Straight outta Compton

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Ich bin ehrlich. Ich bin 22 Jahre alt und als N.W.A ihr erstes Album „Straight outta Compton“ veröffentlicht haben, war ich noch nicht einmal geboren. Auch, wenn ich das gern so von mir behaupten würde, hatte ich keinen wahnsinnig coolen Bruder/ Onkel/Cousin, der mich mit seinem Konsum von US-Rap in irgendeiner Art und Weise beeinflusst hätte. Meine ersten Berührungen mit Rapmusik aus Übersee gingen viel mehr in Richtung Eminem oder 50 Cent und der Rest der G-Unit-Entourage. Singles wie „Like Toy Soldiers“ oder „Candy Shop“ musste ich von meinem Taschengeld im örtlichen Einkaufsladen meiner niedersächsischen, provinziellen Heimat kaufen. Im Nachhinein bin ich übrigens ausgesprochen froh, dass meine Eltern der englischen Sprache derzeit nicht mächtig waren. Ohne Internet beschränkten sich meine musikalischen Inspirationsquellen außerdem auf Viva und MTV – die haben damals nämlich noch Musik gespielt. Wie auch immer.

Zum Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal Wind von der Posse namens Niggaz with Attitude bekam, war Eazy-E bereits von uns gegangen und N.W.A hatten den internationalen Legendenstatus erlangt. Da mir ziemlich schnell bewusst wurde, dass das die Künstler waren, die jene aus meinem musikalischen Mikrokosmos geprägt hatten, fing ich an, mich mit ihrer Musik und deren Hintergrund zu beschäftigen.

Trotzdem ist es nur logisch, dass ich, im Vergleich zu jemanden, der damit aufgewachsen ist und davon geprägt wurde, einen völlig anderen Bezug zu N.W.A und ihrer Kunst habe. Seit ich vor etwa einem Jahr am Schreibtisch meiner Berliner Wohnung saß, Club Mate schlürfte und nebenbei die erste Pressemitteilung zum geplanten N.W.A.-Biopic in mein E-Mail Postfach flatterte, hatte ich das Filmprojekt, das den gleichen Titel wie das N.W.A-Debütalbum tragen sollte, im Hinterkopf: „Straight outta Compton“.

Wenige Tage, bevor ich den Film schlussendlich das erste Mal zu sehen bekommen sollte, freute ich mich wahnsinnig, die gesamte Story um die sagenumwobene Posse aus Compton erzählt zu bekommen und wohl noch einiges dazuzulernen: You are now about to witness the strength of street knowledge.

Mit der Einladung zur Pressevorführung in Berlin gehörte ich zum erlauchten Kreis der Auserwählten – oder auch schlichtweg Pressevertreter – die den Film bereits einige Tage vor der großen Europapremiere genießen durften.
Hier sei kurz angemerkt: Der Presse wurde die synchronisierte, deutsche Fassung gezeigt. Möchtet ihr den Film sehen und es besteht irgendwie die Möglichkeit: Schaut euch bitte unbedingt die Originalfassung in Englisch an. Meinetwegen auch mit deutschen Untertiteln, aber tut es einfach. Vertraut mir.
So saß ich eben vorhin bereits erwähnten erlauchten Kreis in einem Kinosaal am Potsdamer Platz und versuchte, irgendwo zwischen Popcorn und Coca Cola Platz für meine Erwartungen zu schaffen. Leider bin weder jemand, der wahnsinnig viele Filme in seiner Freizeit konsumiert, noch der geborene Filmkritiker.

Meine Erwartungen waren aus zweierlei Gründen enorm hoch:
Einerseits spielte in den deutschen Kinos in den vergangenen Jahren wohl kaum ein Film, für dessen Thematik ich mich so brennend interessiert hätte. Dass ich mit diesem Interesse nicht alleine dastand, zeigte mir der bis dato noch interne Medienrummel und der damit verbundene Hype. Über kaum ein Thema wurde mehr gesprochen, in aller Munde war das, was Regisseur F. Gary Gray uns da wohl auftischen würde.

Während ich mir also noch Gedanken darüber machte, was genau ich eigentlich erwartete und ob mein Popcorn wohl für die gesamte Vorführung reichen würde, ging es auch schon los. Das Gute an solchen Pressevorführungen ist ja, dass man einerseits auf nervige Werbung verzichten kann und andererseits das wohl ruhigste Kino-Publikum der Welt mit sich im Saal versammelt hat.
Dass ich normalerweise nicht viele Filme konsumiere, liegt unter Anderem daran, dass ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin und mich schnell langweile. Um so mehr spricht es aber für den Film,
dass ich rückblickend knapp zweieinhalb Stunden auf meinem Kinositz saß und durchgängig so gefesselt und im Thema war, dass ich nicht einmal kurz daran gedacht habe, einen Blick auf mein Smartphone zu werfen.
„Straight outta Compton“ erzählt die Geschichte von N.W.A von Anfang bis zum Ende. Oder, wenn man so will, von Dr. Dre, der mit einer mickrigen DJ-Gage versucht, über die Runden zu kommen bis hin zu seiner Gründung des Labels „Aftermath“.

Der lange Weg bis dahin ist so detailreich gestaltet, dass ich theoretisch auch meine Eltern mit ins Kino hätte nehmen können, die nicht einmal den Hauch einer Ahnung davon haben, wer Ice Cube oder Dr. Dre sind. Beim Abspann hätten sie dennoch lückenlos erklären können, wer Suge Knight oder wer Jerry Heller ist, in welchem Verhältnis die Crips und die Bloods zueinander stehen und wer verdammt noch einmal N.W.A waren und wieso sie nicht nur für die US-Hip-Hop-Kultur so verdammt wichtig waren.

Die maßgebliche Beteiligung an der Filmproduktion seitens Dr. Dre und Ice Cube ist unverkennbar. An dieser Stelle sei erwähnt, dass N.W.A neben Eazy-E, Dr. Dre und Ice Cube eben auch noch aus DJ Yella und MC Ren bestand, die im Film aber schon fast mit Statisten verwechselt werden könnten, da das Rampenlicht fast ausschließlich auf Eazy-E, Dr. Dre und Ice Cube scheint.
Letztere Rolle wird übrigens von Cubes leiblichem Sohn O’ Shea Jackson Jr. übernommen, der nicht nur optisch den Eindruck macht, als hätte man seinen Vater schlichtweg geklont, sondern auch eine schauspielerische Höchstleistung abliefert. Die Selbstbeweihräucherung der Protagonisten geht so weit, dass auch nicht ganz irrelevante Aspekte wie zum Beispiel die damaligen Missbrauchsvorwürfe gegen Dr. Dre vollständig außer Acht gelassen wurden. Obwohl das Thema elegant übergangen wird, möchte ich an dieser Stelle kurz unterbrechen und allen Feministen und Feministinnen davon abraten, sich „Straight outta Compton“ anzusehen.

Es ist kein wohlgehütetes Geheimnis, dass Frauen oft eine wesentliche Rolle spielen, wenn es um exzessive Orgien nach Rapkonzerten geht.
So zieht es sich durch den gesamten Film, dass Frauen – wahlweise auch „Bitches“ genannt – tendenziell eher wenig Kleidung tragen und meist auch keine wichtige Rolle spielen, lässt man die Mütter der Protagonisten aus.

Nahezu wahlloses Namedropping ist ein weiterer Aspekt, der mir negativ aufgefallen ist.
An O’ Shea Jackson Jr. kommt er zwar nicht ran, aber auch Tupac Shakur wird so gut dargestellt, dass der Zuschauer das Gefühl bekommt, Pac sei auferstanden und feiere seine Reinkarnation nun auf der Kinoleinwand.
Dennoch tauchen Figuren wie eben Tupac oder auch Snoop Dogg in kurzen Sequenzen im Film auf und spielen weiterhin keine wichtige Rolle. Man kann quasi hören, wie der Regisseur zu sich selbst sagt: „Wen kennt das weiße, mittelständige Publikum denn noch? Ach, nehmen wir doch mal Snoop und Pac mit rein“.

Sollte ich beschreiben, welche Emotionen „Straight outta Compton“ in mir ausgelöst hat, könnte ich mich partout nicht entscheiden. Ich habe gelacht, ich habe geheult und ich war verdammt wütend. Es wird kein Leichtes gewesen sein, die bewegende N.W.A-Story aufzurollen und in nur einem Film zu verpacken.
Dennoch ist es irgendwie gelungen. Zweieinhalb Stunden habe ich eine Menge über die Lage des kalifornischen Compton Ende der 80er Jahre gelernt, welche gezeichnet war von willkürlicher Polizeigewalt, Gang-Rivalitäten und Drogenhandel. Genauso viel habe ich aber auch über das Verhältnis von Freundschaft und Konkurrenz und über die Schattenseiten der hiesigen Musikindustrie gelernt.

Vielleicht bin ich durch mein brennendes Interesse an der Story und meiner noch immer anhaltenden Begeisterung noch zu verblendet, um eine fundierte Kritik zu „Straight outta Compton“ abzugeben. Vielleicht ist es aber auch genau die richtige Perspektive, um eine ehrliche und nachhaltige Kritik zu liefern.
Egal, ob ihr mit N.W.A aufgewachsen seid oder auch Dr. Dre vorher ausschließlich mit Kopfhörern assoziiert habt: Die erzählte Geschichte bleibt spannend. Bei einem Thema, das so am Herzen liegt, sollte man meiner Meinung nach auch in der Lage sein, über überzogene Selbstdarstellung und einige Zuspitzungen hinwegsehen zu können.

Ich kann nur jedem Menschen empfehlen, sich zweieinhalb Stunden Zeit und zehn Euro zu nehmen und sich „Straight outta Compton“ zu widmen – ihr werdet kaum einen besseren Weg finden, um diese zu investieren. Selbst, wenn euch der Film aus irgendwelchen, mir nicht nachvollziehbaren Gründen missfallen sollte, schmeckt wenigstens noch das Popcorn.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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