Das größte Debütalbum aller Zeiten: „Get Rich or Die Tryin'“

Jeder kennt ihn: Curtis James Jackson III a.k.a. 50 Cent. Ob als Schauspieler, versehentlicher Bitcoin-Millionär, Testimonial diverser Marken und Produkte oder zu guter Letzt als den authentischsten, kommerziell erfolgreichen Gangsta-Rapper unserer Zeit. Heute vor 15 Jahren veröffentlichte er mit seinem Debütalbum „Get Rich or Die Tryin“ einen absoluten Klassiker. Grund genug, Fiftys Person, dem Album und seiner unverwechselbaren Geschichte zu würdigen. 

„50 Cent is the last Gangsta-Rapper. I think he is the last one to do it correctly and we close the door on that chapter. If I opened the door, I think 50 Cent closed it“– Ice-T bei thisis50.com (2009)

Patiently Waiting to Blow

50 Cent war nicht immer der Megastar, der er heute ist. Aber schon immer ein umtriebiger Macher mit einem Auge aufs Geld. Wenige Jahre nachdem seine Mutter ermordet wurde, trat der New Yorker in ihre Fußstapfen und verkaufte Crack. Durch einen Kollegen lernte er Jam Master Jay kennen, der ihn prompt unter Vertrag nahm. Durch JMJ lernte Fifty, was Songstruktur bedeutet und begann zum ersten Mal, seine Takte zu zählen. Vorher seien seine ‚Tracks‘ völlig willkürlich zusammengwürfelt gewesen. So habe 50 Cent in ihm zwar einen wichtigen Mentor gefunden, die Kapazitäten des Labels waren jedoch einfach zu klein für seinen großen Plan, die Rapwelt zu erobern. Darum verschlug es ihn zu den Trackmasters, die damals unter anderem für Jay Z und R. Kelly produzierten. Innerhalb von zwei Wochen nahm er 36 Tracks auf und bekam einen Majordeal bei Columbia Records für sein Debütalbum „Power of the Dollar“, das am 04. Juli 2000 erscheinen sollte. Alles schien perfekt und nur eine Frage der Zeit, bis die Bombe zünden würde. Am 10. August 1999 landete der damals 24-Jährige einen wahren Untergrundhit, der heute noch vielen Fans ein Begriff ist. Mit lustigen Wortspielen und Referenzen beschmückt, erklärt 50 Cent in „How to Rob“, wie und warum er seine Rapkollegen ausrauben würde und scheut dabei kein Namedropping. „Gewusst wie!“, würden Marketingspezialisten sagen. Denn nach diesem Song war der New Yorker bei seinen Kollegen bekannt. Jay ZKuruptBig Pun und viele andere erwähnten ihn daraufhin sogar in ihren Songs, um auf den Diss zu antworten. Wenige Wochen später erschien die zweite Single „Thug Love“ mit einem Feature von Destiny’s Child. Als dritte und letzte Single erschien mit „Life’s on the Line“ ein Disstrack gegen Ja Rule, der allgemein als Startschuss für den nie enden wollenden Beef der beiden gilt. Der Song, der Fifty wirklichen Ärger brachte, war jedoch „Ghetto Qu’ran (Forgive Me)“, der Anfang 2000 geleakt wurde. Der Song thematisiert seine Vergangenheit als Crackdealer in South Jamaica, Queens. Dabei erwähnt er haufenweise Drogendealer beim Namen, inklusive Kenneth „Supreme“ Mc Griff, dem  Oberhaupt des „Supreme Team“, einer berühmten Drogenorganisation der 80er Jahre. Ein schwerer Fehler, wie sich später zeigen sollte.

Many Men Wish Death

Am 24. März 2000 um 11:22 Uhr wurde 50 Cent vor dem Haus seiner Großeltern in der 161. Straße in Jamaica, Queens niedergeschossen. Neun Kugeln trafen ihn in die Hand, beide Beine und Arme, Brust und ins Gesicht. Letzterem verdankt er sein charismatisches Nuscheln und eine komplett andere Stimme als zuvor. „Ghetto Qu’ran“ gilt als Hauptmotiv für den Mordanschlag. Fifty habe zu viel über Mc Griffs Machenschaften und seine Organisation preisgegeben. Der Schütze, der die neun Kugeln auf den Rapper abfeuerte, Daryll „Hommo“ Baum, wurde drei Wochen später erschossen. Übrigens wird auch der offiziell ungeklärte Mord an Jam Master Jay oft auf den Song zurückgeführt. Statt den Track ins Jenseits zu verfrachten, um erneute Eskalationen zu verhindern, releaste Fifty ihn am 26. April 2002 auf „Guess Who’s Back?“ ein zweites Mal. Mc Griff hatte nach der Veröffentlichung gefordert, dass niemand in ganz New York 50 Cent unterstützen sollte. JMJ positionierte sich jedoch öffentlich zu seinem Schützling und wurde am 30. Oktober 2002 in seinem Studio mit einem Kopfschuss getötet. Auch Murder Inc.-Labelboss Irv Gotti soll in die Sache verwickelt gewesen sein. Er und Mc Griff sind Kindheitsfreunde und der Beef mit 50 Cent war bereits in vollem Gange. Aus Angst vor schlechter Presse und dem Risiko, zu tief in die dunklen Straßen New Yorks gezogen zu werden, ließ Columbia Records 50 Cent fallen und „Power of the Dollar“ war gestorben. Mittlerweile ist das Album bei datpiff.com zum kostenlosen Download verfügbar. Nachdem ihn das Krankenhaus nur 13 Tage nach dem Attentat entließ, musste Fifty also wieder von vorne anfangen. Und langsam aber sicher wurde der 50 Cent geboren, der die Rapwelt drei Jahre später übernehmen sollte. Mit kugelsicherer Weste, Durag und dieser unvergleichbaren Lebensgeschichte.

„In the Bible it says what goes around comes around
„Hommo“ shot me, three weeks later he got shot down
Now it’s clear that I’m here for a real reason
‘Cause he got hit like I got hit, but he ain’t fuckin‘ breathin'“- aus „Many Men (Wish Death)“

50 don’t back down

Talent ist in seinem Fall eher zweitrangig. Was 50 Cent zum Weltstar gemacht hat, ist vor allem sein unbändiger Arbeitseifer und Fleiß. Ganz besonders in der Zeit zwischen Attentat und Shady-Deal. Nach circa zwei Jahren Bootcamp in Kanada, weil er in New York auf der schwarzen Liste stand und kein Studio mit ihm arbeiten wollte, kam Fifty zurück. Am 26. April 2002 erschien mit „Guess Who’s Back?“ eine Compilation alter und neuer Songs. Quasi ein Zeichen, dass er noch lebt und defintiv weiter machen wird. Alleine die Tatsache, dass „Life’s on the Line“ und „Ghetto Qu’ran“ trotz all dem Drama Teil der Platte waren, sprechen eine deutliche Sprache. Von da an gab es kein Halten mehr. Am 01. Juni schoss er mit „50 Cent is the future“ nicht nur eine ziemlich treffende Vorhersage in die Welt, sondern brachte auch seine Jungs, die Gangster-Unit (G-Unit), bestehend aus Tony Yayo und Lloyd Banks (Young Buck stieß erst 2003 dazu), auf die Karte. Ganz nebenbei sorgte er auch für eine kleine Revolution im Untergrund-Mixtape-Business: Fifty und seine Crew verwendeteten für ihre Tapes hauptsächlich bereits bekannte Beats von Jay Z, Mobb Deep oder dem Wu-Tang Clan und verpassten den Songs ihre eigene Note. Eine Vorgehensweise, die auch heute noch sehr beliebt ist bei aufstrebenden Rappern.

In der Zwischenzeit sollen sich haufenweise Labels bei ihm gemeldet und ihm einen Vertrag angeboten haben. Einig wurde er sich mit keinem Geringeren als Marshall Bruce Mathers III aka Eminem, dem zur damaligen Zeit wohl angesagtesten Künstler der Welt. Der hatte gerade mit „The Eminem Show“ 1,6 Millionen Platten in neun Tagen verkauft und war mitten in der Produktionsphase von „8 Mile“. 50 Cent unterschrieb einen Millionenvertrag und sorgte weiterhin für Output wie am Fließband. Am 1. August erschien das zweite G-Unit-Mixtape „No Mercy, No Fear“. Die beiden Tracks Green Lantern“ (Till‘ I Collapse Freestyle) und „Wanksta“ schafften es sogar auf den Soundtrack des FilmsWanksta“ landete am Ende sogar als Bonustrack auf „Get Rich or Die Tryin“. Am 01. November droppte 50 Cent mit „God’s Plan“ das vierte Release innerhalb eines halben Jahres, ehe es mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Debütalbum ging.  

Die Explosion: 50 Cent erobert die ganze Welt

Am 07. Januar zündete Fifty endlich die Bombe, auf die er seit den Anfängen bei Jam Master Jay gewartet hatte: mit In da Club“ droppte er die erste und einzige Vorab-Single seines Debütalbums „Get Rich or Die Tryin“ und brachte die Welt ins Wanken. Dauerschleife bei MTV, Viva, im Radio und in jeder noch so abgelegenen Dorfdisse – „In da Club“ war ein Welthit. Dementsprechend landete der Song in den USA, Deutschland, Australien, Kanada, Dänemark, Irland, der Schweiz und Neuseeland auf der Eins. Er ist einer von sieben Songs, die er mit Dr. Dre innerhalb von nur fünf Tagen aufnahm.

„He came in and was just writing his ass off. He was like „put up another one“, wrote it, „put up another one“, did his thing, left and I took it from there“Dr. Dre in „Not Afraid: The Shady Records Story“ (2015)

Wegen der großen Hitdichte, kam es im Studio zu heftigen Diskussionen um die Wahl der ersten Single. Also warfen 50 CentEminem, Paul Rosenberg, ChrisLighty und Jimmy Lovine eine Münze, ob sie zuerst „In da Club“ oder doch lieber „If I can’t“ releasen würden. Darum übrigens auch der Münzwurf im Intro des Albums. Mit dem Albumrelease am 06. Februar 2003 folgte die nächste Bombe: 872.000 verkaufte Einheiten in der ersten Woche. In der Zweiten weitere 822.000. Am Ende des Jahres hatte sich die Platte weltweit über zwölf Millionen Mal verkauft. 

Get Rich or Die Tryin“ ist ein Klassiker

Ein Album, das man gehört haben sollte und in keiner Sammlung fehlen darf. Nach dem allgemeinen Verständnis in der Hip-Hop-Szene haben ‚Klassiker‘ einen roten Faden, einen zeitlosen Sound, Hits und einen spürbaren musikalischen Einfluss auf das, was nach ihrem Erscheinen folgte. Dieses Album geht sogar noch einen Schritt weiter und liefert trotz rotem Faden, 18 potenzielle Video-Singles, die das ‚durchskippen‘ unmöglich machen. Ob Fifty gerade den Club auseinandernimmt („In da Club“), von seiner Liebsten die Treue verlangt („21 Questions“), seinen Feinden das Hirn aus dem Schädel ballert („Heat“)  oder mit Ja Rule mal eben im Vorbeigehen einen etablierten Künstler ins Off befördert, wo er niemanden mehr interessiert („Back Down“) – er liefert nur Hits, Hits, Hits. Das macht die Platte auch zum perfekten Vorbild für alle Künstler, die im Single-Business zu Zeiten von Spotify & Co. mir der Zeit gehen- sich aber nicht vom klassischen Album verabschieden wollen.

„It was like we found a diamond or something. So it was about taking what was already there and us just having the platform to be able to say: „here, everybody, hear it all at once!“Eminem in „Not Afraid: The Shady Records Story“ (2015)

Wie im Video zu „In da Club“ veranschaulicht, gaben Eminem und Dr. Dre dem Rohdiamanten den Feinschliff und erschufen ein Monster. Einen Gangsta-Rap-Prototypen, ein Unikat. Seine Vorgeschichte, sein Atombombeneinschlag in die Szene und seine Person sind bis heute unvergleichlich. Heute wissen wir: 50 Cent starb nicht, wurde steinreich und hinterlässt mit „Get Rich or Die Tryin“ ein Album für die Ewigkeit. 

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sollte weniger für Rap tun und mehr für die Miete. Kann aber einfach nicht anders.

2 Comments

  1. Jörx

    6. Juli 2018 at 15:57

    G-Unit …the G stands for Guerilla!
    Best regards.

    • Joshua

      6. Juli 2018 at 16:00

      Ist richtig. Im Rahmen der Modekampagne, musikalisch wurde sie jedoch meistens „Gangster-Unit“ genannt.

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