5 Jahre „XOXO“: Die Blaupause für Deutschen Rap

Selten wie nie zuvor hat die hiesige Hip-Hop-Gemeinde so sehr einem Album entgegengefiebert. Erwartungen, denen zufolge nichts weniger als ein Meilenstein dem Produktionsprozess entspringen könne. Ein hoher Druck für einen Künstler, der im Frühjahr 2011 zwar bereits auf ein Soloalbum und zwei Mixtapes zurückblicken konnte, diese fanden jedoch weitestgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit statt. Eine große Aufgabe also für den Extertaler Benjamin Griffey, der vor fünf Jahren mit „XOXO“, dem besagtem Meilenstein, die Deutschrap-Szene revolutionierte und (wieder) nach vorne katapultierte. Eine Blaupause, die dem Deutsch-Amerikaner Casper in die 1. Liga deutschsprachiger MCs beförderte. Eine Rückschau:

48:22 Minuten Spielzeit, verteilt auf 13 Tracks, von denen zwei mit Features von Tomte-Frontmann Thees Uhlmann und Marteria, der rund ein Jahr zuvor mit „Zum Glück in die Zukunft“ ebenfalls einen Klassiker abgeliefert hatte, daherkommen. Soweit die Zahlen zu „XOXO“, einem musikalischem Werk, dass neben Hip-Hop-Beats auch mit Einflüssen aus dem Indie-Pop aufwartet. Generell galt in der Produktionsphase jedoch ein Verbot für Crossover á la Rage Against the Machine, das Etikett „Hip-Hop-Platte“ sollte schon noch zutreffend sein.

Während Vorgänger-Album „Hin zur Sonne“ noch mit Boombap-Sound und Samples aus dem Hip-Hop-Bereich um die Ecke kam, lässt sich Casper für sein vermeintliches Meisterwerk von den Heroen seiner Jugend, von den Morrisseys, Tocotronics und Blumfelds dieser Welt, inspirieren. So basiert beispielsweise „Auf und Davon“ auf einem Sample von How to Dress Well, einer „Arty-Farty-Chillwave-Band“, so Griffey gegenüber der „Juice“.

Ein gewisser Pathos schwingt bei Caspers Musik immer mit. So auch schon im Opener „Der Druck steigt (Die Vergessenen, Pt. 1)“, in dem es heißt: „…der Druck steigt! Wir holen zurück, was uns gehört!“ Die vergessenen Kids, in denen sich eine Form von jugendlicher Wut aufstaut, die dem Rebellentum frönen, die in der Kraft ihrer Jugendlichkeit ihren Antrieb suchen – der mittlerweile 33-jährige prangert keine konkreten Missstände an, nein, vielmehr möchte er Aufbruchstimmung verbreiten, seine Botschaft(en) kundtun.

„Casper macht Kunst mit einer dermaßenen Wahrhaftigkeit und Vehemenz, dass das einfach seinesgleichen sucht.“ – Thees Uhlmann, Feature-Gast auf „XOXO“

Auch Songs wie „Die letzte Gang der Stadt“, „Michael X“ oder „Auf und Davon“ erzählen Geschichten von einer ganzen Generation für eine ganze Generation. Casper als Berufsjugendlicher? Mitnichten. Ist er doch erst Ende 20, als „XOXO“ erscheint. Vielmehr kennt er die Themen, die Sorgen, Ängste und Hoffnungen seiner (jugendlichen) Fans. „Kiffen, klauen, ficken“, so die oberflächliche Betrachtung der Jugend. Einer Jugend, die gutbürgerlichen Verhältnissen entstammt, und gerade deswegen aus dem Alltagstrott ausbrechen möchte und eine Rebellion anfängt, sei es gegen die Obrigen in Form der Erziehungsberechtigten.

Um seine Themen in ein Soundgewand zu hüllen, dass Inhalte und Stimmungen gemäß den eigenen Intentionen überträgt, begab sich das ehemalige Selfmade Records-Signing auf eine lange Suche. Letztendlich fündig wurde Casper bei H-Blockx-Schlagzeuger Steffen „Steddy“ Wilmking, der als federführender Produzent von „XOXO“ fungierte. Dazu gesellen sich Beats von Dexter, Tikay One, Prinz Pi-Hausproduzent Biztram, Joshimixu und Dash, die ein in sich stimmiges Album produzierten, dass zwischen Melancholie und schier grenzenloser Wut pendelt.

„XOXO ist tatsächlich ein Befreiungsschlag, der dem Sprechgesang neue Regionen erschließt, indem er altes Lagerdenken konsequent ignoriert.“ – Thomas Winkler, Journalist der „ZEIT“

Dies stieß auf größtenteils positive Resonanz, sowohl bei Fans als auch bei Kritikern. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch der kommerzielle Erfolg gegeben ist. Denn sein 2. Soloalbum beschert Casper die erste Nummer 1-Platzierung seiner Karriere, Platin-Auszeichnung inklusive. Doch der finanzielle Aspekt steht für den Musiker nicht an vorderster Stelle. Mit „XOXO“ wollte der Rapper eine Platte abliefern, die in Indie- und Rap-Kreisen Anklang findet. Eine CD, die ganz seinen Vorstellungen entspricht.

Gegenüber dem Online-Magazin „laut.de“ sagte Griffey, das er „ganz gerne unabsichtlich und unterbewusst falsche Entscheidungen [treffe], die sich dann durch ‚Arbeit‘ wieder ausmerzen lassen“. Inwiefern Casper in der Vergangenheit Fehlentscheidungen getroffen hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Dass er diese aber mit Arbeit, die in „XOXO“ mündete, ausgemerzt hat, ist unbestritten. Ein Album, dass viele Künstler inspirierte und auch weiterhin inspirieren wird. Oder, wie es der „Schöpfer“ selbst sagt: „XOXO hat euch Wichsern alle den Arsch gerettet!“

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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