25 Jahre „The Chronic“, Was Dr. Dres Meisterwerk ausmacht

The Chronic

Endlos über die Takte quietschende Sytheziser, live eingespielt Basslines und ein unnachahmlich leicht flowender Snoop Dogg. Am heutigen Freitag ist es 25 Jahre her, dass dieses Bibel-hafte Referenzwerk von Album mit der Katalognummer 001 bei Death Row Records erschien. Natürlich geht es um Dr. Dres Album „The Chronic“, welches sich auch ein Vierteljahrhundert nach seinem erscheinen in Inspirationsquellen zeitgenössischer Musik wiederfindet und zu seiner Zeit ein gesamtes Genre und ein goldenes Jahrzehnt definierte. Mit seinem ersten Solo-Album nimmt sich Dre George Clintons Version des frühen 80er Jahre Funk, genannt P-Funk, und sprühte ein dickes G über das von seinem Helden eingesetzte P.

Die Vorgeschichte von „The Chronic“ ist im Grunde schnell erzählt und seit dem Kino-Blockbuster aus 2015 wahrscheinlich auch denjenigen bekannt, die 1992 noch nicht einmal ansatzweise das Licht der Welt erblickt hatten. Nach Ice Cubes ausstieg bei N.W.A. dauert es auch nicht allzu lange, bis Dr. Dre die legendäre Formation verlassen wollte. Mit Hilfe des kompromisslosen Bodyguard Suge Knight, dem später sogar nachgesagt wird mit Easy-Es Tod 1994 in Verbindung zu stehen, kommt Dre aus seinem Vertrag mit Ruthless Records, dem Label von Easy-E und seinem Manager Jerry Heller, heraus. Die Geschichte, die sich ein wenig wie die US-Amerikanische Vorlage für Bushidos sagenumwobenen Abgang bei Aggro ließt, resultiert schließlich in der Gründung von Death Row Records, dessen Name einen Seitenhieb für das auf an der gegenüberliegenden Küste ansässigen Laben Def Jam darstellt.

Im April 1992 erscheint schließlich Dres erste Solo-Single als gleichnamiger Soundtrack zum Film „Deep Cover“. Auch wenn weder Song noch Film kommerziellen Erfolg feiern konnten, zeigt sich dennoch ein Kniff, den Dre im Laufe seiner Karriere noch häufiger anwenden sollte: Auf dem Cover der 12’’, sowie im Video prangt das Trademark „Dr. Dre introducing Snoop Doggy Dogg.“ in der Interpretenzeile. Dre nimmt sich heraus einen jungen Künstler, der durchaus schon erste Karriere-Schritte getan hatte, vorzustellen. Und ebendieser ist einer der Hauptakteure, die „The Chronic“ so legendär machen.

Der thematische Umbau von Dres Solodebüt ist eher kurzlebiger Natur. Neben dem Beef mit Ruthless geht es vor allem um Feierei, illegale Substanzen und Frauengeschichten. Allein schon Name und Cover der Platte spielen auf eine Grassorte sowie eine Marke für Rolling-Paper an. Was „The Chronic“ wirklich besonders macht ist ihr unnachahmlicher Sound, den Dr. Dre schon zu Ruthless Zeiten langsam in den Mainstream etablieren konnte und mit diesem Album nun perfektionierte. Am Ende toppte „The Chronic“ den kommerziellen Erfolg von N.W.A., ging im bereits Folgejahr dreifach Platin und hat bis heute über fünfeinhalb Millionen Tonträger verkauft.

Der Sound, dem später ein eigenes Sub-Genre zugeschrieben wird, setzt sich im Gegensatz zum Trademark-Sound seiner Kollegen an der East-Coast nicht maßgeblich aus gesampelten Platten zusammen. Stattdessen lässt Dre verwendete Basslines und Drum-Breaks von Studio-Musikern nachspielen, sodass statt dem vinylen Kratzen ein sehr klarer Sound entsteht, der lediglich mit Samples ergänzt wird. Dazu gesellen sich häufig soulige Background-Vocals sowie die omnipräsent wellenartigen Synthesizer-Läufe, die in ihren sehr langgezogenen Abfolgen sowie dem fast quietschend hohen Sound einen unfassbar hohen Wiedererkennungswert innehaben und ebenfalls aus dem P-Funk resultieren.

Die größte Inspirationsquelle im Hause Dre stellt definitiv die Funk-Legende George Clinton dar, der in seinen verschiedenen Formationen Parliment und Funkadelic den Funk der späten 70er und frühen 80er Jahre prägte und für seine Musikrichtung in etwa das darstellt, was ein Stevie Wonder für Soul und R’n’B bedeutet. Dre übernimmt fast alle Schlüssel-Elemente aus Clintons P-Funk und übersetzt diese mit härteren Drums, sowie zeitgenössischer Überzeichnung in seinen G-Funk. Durch die Annäherung an funkige Beats, softere Drums und zurückgelehntem Rap statt fast schon geschrienen Ansagen schafft es „The Chronic“ endgültig die Tür in Radio und Vorstadtkinderzimmer aufzustoßen. Zwar hat keine Chronic-Single den durchaus zweifelhaften Status eines „The Next Episode“, auf welchem dank EDM-Remix-Kultur auch heute noch auf Mainstream-Partys fieberhaft der finale „Smoke Weed Everyday“-Einsatz gesucht wird, so gehören Songs wie „Nuthin’ But a G Thang“ oder „Bitches Ain’t Shit“ dennoch zum Inventar sämtlicher golden Era Partys.

Auf der mikrofonierten Seite der Platte ist es vor allem der Kleinkriminelle und in Crib-Machenschaften verstrickte Snoop Doggy Dogg, der mit seinem ikonischen Laid-Back-Flow hängenbleibt. Snoop wird wohl für ewig das Rap gewordene rauchige Auspusten des letzten Zug am canabis-geladenen Joint bleiben. Am Ende ist er auf 13 der 16 Songs vertreten und zeichnet sich wahrscheinlich auch für die eine oder andere Line aus dem Munde seines Entdeckers verantwortlich. Des weiteren geben Snoops 213-Kollegen und im späteren Verlauf ebenfalls nicht mehr aus der Westcoast-Rap-Geschichte wegzudenkenden Nate Dogg und Warren G ihr Debüt auf dem Posse-Cut „Deeez Nuuuts“. Auch die ehemaligen Ruthless und N.W.A.-Affiliates The D.O.C. tragen einen hohen Anteil an „The Chronic“, vor allem wohl an den Texten von Dre selbst. Weitere honorable Mentions gehen an die Long-Beach MCs RBX, Kurupt und Dat Nigga Daz. Die weibliche Hauptrolle der Platte übernahm die im Folgenden eher untergegangene The Lady of Rage.

Eine weitere Komponente, welche durch das Album führt sind die Skits und das gesprochen Intro, die Dre einsetzt um dem Album einem Filmartigen Umbau zu liefern. „Millionen Menschen können Beats programmieren, aber können sie auch ein gesamtes Album wie einen Film zusammenstellen?“ fragte bereits ein junger Kanye West in seiner wunderbaren Würdigung Dres Karriere für die Immortals Reihe des Rolling Stone aus dem Jahr 2005. Allgemein Schwärmt Kanye von der Westcoast-Legende als einem seiner größten Vorbilder und vergleicht „The Chronic“s Einfluss auf Hip-Hop mit dem Impact von Stevie Wonders „Songs in the Key of Life“. Die Produktionen des Doktor seien der ewige Gradmesser, an dem sich ein Hip-Hop-Song messen müsse.

In den Folgejahren legte „The Chronic“ nicht nur den Grundstein für Dr. Dres Solo-Erfolg inklusive Entdeckungen von Tupac, Eminem und Kendrick Lamar, sondern auch für Snoop Doggs Debüt-Epos und das Lieblingsalbum deiner LieblingsrapperDoggystyle“ sowie das Legendäre Label Death Row. Es veränderte Hip-Hop nachhaltig in seiner Produktionsweise. Der Sound, der hier perfektioniert wurde, steht wie kein zweiter für die gesamte Westcoast und kann als Blaupause für eine der wichtigsten Ären der Hip-Hop-Geschichte gesehen werden.

The Chronic

Wir gratulieren einem der wichtigsten Hip-Hop-Alben zum 25. Geburtstag.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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