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25 Jahre „Music To Driveby“ – Compton’s Most Wanted definierten gangsta

25 Jahre Music to Driveby

Los Angeles, Herbst 1992. Ein turbulentes Jahr neigt sich langsam dem Ende entgegen. Ein Jahr, das die Westküsten-Metropole durch schwere Rassen-Unruhen erschüttert hatte. Der Freispruch von vier Polizisten in Folge des Rodney King Beatings hatte Ende April die berüchtigten L.A. Riots ausgelöst. Der Aufstand, den die Polizei erst mit Unterstützung von Nationalgarde und der US Army auflösen konnte, forderte mindestens 53 Tote, zahlreiche zerstörte und geplünderte Geschäfte und einen milliardenschweren Sachschaden. Im Sommer hatte Dr. Dre DEN Gangsta Rap-Klassiker „The Chronic“ released. Auf „The Day The Niggaz Took Over“ rappt Snoop Dogg in Anspielung auf die Riots:

„I got my finger on the trigger, some niggas wonder why / But livin‘ in the city, it’s do- or-die.“

Es drückt das damals vorherrschende Lebensgefühl der afroamerikanischen Bevölkerung aus, das sich in Raps wie diesen widerspiegelt. Keine Lösungsansätze für das große Ganze, keine Durchhalte-Parolen á la „we gon‘ be alright“, sondern die Anpassung an die Realität der Straße, die unmittelbare Reflektion des Alltags.

 

Im Juli ’92 bringen Compton’s Most Wanted diese Beschissenheit der Dinge auf den Punkt:

„I got another gang story to tell / Peep, about how a black nigga was born in hell / And right then and there it’s no hope / Cause a nigga can’t escape the gangs and the dope“

rappt MC Eiht auf „Hood Took Me Under“. Es ist kein Zufall dass dieser Song eine der Hymnen für „Grand Theft Auto: San Andreas“ wurde. Ein Videospiel, das es auch dank des Soundtracks wie kaum ein zweites schafft, das Gefühl dieser Zeit erlebbar zu machen.

Zwei Monate danach veröffentlichen Compton’s Most Wanted ihr drittes und wichtigstes Album „Music To Driveby“. Im Radio läuft damals nicht Miley, sondern Billy Ray Cyrus mit seinem Country-Pop. 90’s R&B wird zum großen Charterfolg. Zwischen Mary J. Blige und Boyz II Men tummeln sich R. Kelly und TLC. Die heißesten Rap-Song aus der Zeit hört man heute nur noch auf Oldschool oder Trash Parties. Kris Kross und House Of Pain ließen Leute all around jumpen, Wreckx-N-Effect die rumps shaken und N2Deep waren auf dem Weg „Back To The Hotel“. Im Gegensatz zu solchen Club-Songs waren MC Eihts Rhymes dreister Aufruhr:

„I’m starvin like Marvin and gots to get some mutherfucking Pesos / So I can dig out a few hoes / … / Crease up the khaki’s and shirt, and I’m outta here / Who the fuck got jacked, I don’t really care („Jack Mode“).“

Und: „It’s the city where everybody’s in prison / Niggas keep taking shit, cause ain’t nobody givin / So another punk fool I must beat / Learned the tricks of the trade from the street („Compton 4 Life“).“

Kein politischer Pathos, keine Protestsongs. Einfach die rohe Lebensrealität auf Tonband, garniert mit sprachlichen Tabu-Brüchen in MC Eihts Staccato-Style. CMW rappten low-key über die Themen, die später von der Musikindustrie mit Glamour und braggadocio zu Klischees hochgezüchtet werden würden. Im Herbst ’92 dominierte Beef die Rap-Szene an der Westküste. N.W.A hatten sich im Jahr zuvor endgültig aufgelöst, die ehemaligen Freunde stritten nun auf ihren jeweiligen Solo-Alben um die Krone. MC Eiht und DJ Quik hatten nicht nur miteinander, sondern auch mit Tim Dog Stress. So wurde Westcoast Gangsta Rap auch dank der gegenseitigen Diss- Tracks richtig groß. DJ Quik legte im Juli mit seinem Album „Way 2 Fonky“ auf dessen Titelsong und „Tha Last Word“ gegen Eiht vor.

Der konterte auf „Music To Driveby“ mit „Dead Men Tell No Lies“ oder „Duck Sick II“:

You come fake, fuck with Eiht, you gots no clout / Keep talking shit as I bust your fucking mouth / Now fool what kinda move was that? / I see you’re qui(c)k to talk shit, yeah boy I’m qui(c)k to pull the gatt / … / So nigga, slow your mutherfucking roll / Fuck you with a pole, with the rhymes you stole.


Für MC Eihts Reime braucht es kein Wörterbuch und kein zehnmal hören. Doch gerade die simple Delivery hat Compton’s Most Wanted zu Stil-Ikonen des Gangsta Rap gemacht. Prägend für das Genre ist außerdem die Sample-Vielfalt auf „Music To Driveby“. Die musikalische Wieder- und Umverwertung enthält übliche Verdächtige wie James Brown, George Clinton oder Isaac Hayes. Doch die Produzenten der Band DJ Unknown, DJ Slip und DJ Mike T bedienten sich auch bei Genre-Kollegen mit Samples von Ice Cube, N.W.A, Too $hort, Public Enemy und EPMD.

Wer sich mal zurück versetzen möchte, findet CMW auf den wichtigsten Ghetto-Filmen der Zeit. Der Soundtrack von „Boyz In The Hood“ (1991, u.a. mit Ice Cube und Cuba Gooding Jr.) enthält den Song „Growin‘ Up In The Hood“. In „Menace II Society“ spielte MC Eiht die Rolle des Gangmitglieds A-Wax und lieferte den Titelsong „Streiht Up Menace“. Dieser war Startschuss seiner Solo-Karriere und bedeutete gleichzeitig das Ende von CMW.

Die kurzen Re-Unions (2000 mit „Represent“ und 2006 mit „Music To Gangbang“) waren irrelevante Comeback-Versuche in einer Rap-Szene, die sich längst verändert hatte.

Music To Driveby“ hingegen ist das Paradewerk des Gangsta Rap. Gechillte Beats mit dem Westcoast-typischen Groove, der die harte Lebenswelt wenigstens etwas erträglicher macht. Und Eihts Raps gaben sicherlich so manchem Cornerboy das Durchhaltevermögen sich aus der Hood zu hustlen.

„Peel a nigga’s cap if you got the nerve / Gyeah, you don’t work you don’t eat is what they say / Don’t wanna be broke so I work every damn day („I Gots Ta Get Over“).“

Compton’s Most Wanted waren Anfang der 90er die Definition von gangsta. „Music To Driveby“ ist der Klassiker unterm Radar und wird es hoffentlich auch nach den nächsten 25 Jahren noch sein, wenn die erste Generation des Gangsta-Rap längst in Rente ist. In diesem Sinne: GYEAH!

 

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