24/7, 24 Jahre, 7 Alben (aus BACKSPIN #118)

Mit dem Entschluss, die Band aufzulösen, endet auch das berühmte Kapitel der Live- Auftritte von Blumentopf. Könnt ihr überhaupt ohne Publikum?

Holunder: Ich weiß für mich schon ganz klar, dass ich diese Live-Konzerte vermissen werde. Das waren für mich ganz große Momente, die in dieser Band passiert sind.Gerade dieFreestyle- Sessions mit dieser Chemie, wenn wir uns abgewechselt und die Bälle zugespielt haben. Für mich hat sich jahrelang mit der Freestyle-Ses- sion entschieden, ob ein Konzert gut war oder nicht. Auch ob man selbst gut war oder nicht.

Cajus: Blumentopf hat immer von Live-Auftritten gelebt. Und das hat auch am meisten Spaß gemacht. Die Interaktion mit dem Publikum und unter uns auf der Bühne, aber auch die von Holunder angesprochene Freestyle-Session oder das Sich-die-Bälle-Zuspielen und den Vibe spontan auf der Bühne entstehen zu lassen – das ist schon Blumentopf-Style, und den werde ich vermissen.

Sicher waren in eurem Umfeld nicht alle über eure Trennung begeistert. Hat man versucht, euch diese Entscheidung auszureden?

Roger: Mein Bankberater hat gesagt, dass ich weitermachen soll … (Gelächter). Viele Gruppen hustlen ihr ganzes Leben, um einmal diesen Status zu bekommen, den wir einfach haben. Wenn wir jetzt aufhören, ist es schwer, das anderen klarzumachen.

Holunder: Ich war relativ gerührt davon, dass meine sechsjährige Tochter mich überzeugen wollte, dass es kein guter Schritt ist. Sie war wirklich sehr, sehr traurig. Sie fand es schon immer toll, dass der Papa zwei Berufe hat und etwas Besonderes ist.

Die Fünf-Männer-Ehe ist ja jetzt geschieden. Besteht die Gefahr eines Rosenkriegs bei euch?

Sepalot: Haltet Ausschau nach gebrauchten Geräten mit leichten Wasserschäden. Das ist das, was wir noch regeln müssen. Ansonsten: Wir sind nicht im Ehekrach und es gibt auch keinen Scheidungsanwalt.

Cajus: Das Ding ist, dass das Finanzielle durch den GbR-Vertrag ganz unsexy geregelt ist. Mit T-Shirts und Plakaten und diesen ganzen Sammlergeschichten ist jeder versorgt beziehungsweise haben wir auch noch etwas über was wir aufteilen können, ohne dass es Streit gibt. Von daher: Blumentopf kann sich ohne Streit trennen.

VIELE GRUPPEN HUSTLEN IHR GANZES LABEN, UM EINMAL DIESEN STATUS ZU BEKOMMEN, DEN WIR EINFACH HABEN.

Die Blumentopf-Ära ist also of ziell zu Ende. Wie geht es für jeden Einzelnen von euch jetzt weiter?


Roger: Ich habe mit dem Schu eine Platte gemacht, mit der wir auch noch touren werden. Was wir danach machen, weiß ich nicht ganz genau. Bestimmt mache ich weiterhin Musik, auch wenn ich die nicht mal releasen würde. Ich bin ja noch Grafiker, bin im Videoschnitt drin – ich habe noch „große“ Projekte in der Pipeline. Und ich bessere aktuell auch meinen Gamer- score auf.

Cajus: Ich betreibe seit Längerem mit meiner Freundin zusammen ein Café am Walchensee. Das ist ein schöner, unverbauter Bergsee und wir haben fast den einzigen Privatstrand dort, mitten unter den Bergen. Ich laufe durch die Berge, mache viel Sport, bin viel in der Natur und habe da jetzt genug Zeit, um zu überlegen, wie es bei mir weitergeht.

Sepalot: Bei mir geht es mit Musik weiter, mit allen Facetten. In erster Linie werde ich für michund andere produzieren, aber auch auflegen und Radio machen.
Schu: Ich werde immer Beats machen, mir Musik anhören, ein paar Raps schreiben. Aber ich bin mir nicht sicher, ob mein Lebensentwurf dahingeht, dass ich damit weiterhin mein Geld verdienen möchte. Ein bisschen Zeit ist da, deshalb: gut überlegen und am Ende unter Torschlusspanik etwas machen. (lacht)

Holunder: Ich habe 20 Semester lang mein Physikstudium betrieben und es dann abgeschlossen und danach meine Biophysik-Promotion gemacht. Die habe ich parallel zum „Nieder mit der GbR“-Album fertiggestellt und 2013 war ich durch damit. Mir war schon immer klar, dass ich damit beruflich etwas anfangen möchte. Von daher war es für mich auch der richtige Zeitpunkt, um mit der Band aufzuhören. Zudem arbeite ich seit Januar letzten Jahres bei einer Messtechnikfirma als Biophysiker, ich baue dort eine Biotechnologie-Abteilung mit auf. Da gibt es Spannendes für mich zu tun.

Empfindet ihr die Namensgebung als Segen oder Fluch?

Sepalot: Der Name war Segen und Fluch, glaube ich. Segen, weil er unsere Antihaltung und unser Besonders-Sein ziemlich klargemacht hat. Fluch, weil so ein markanter Name sofort Bilder im Kopf bei den Leuten erzeugt und die sich ihre Meinung machen, bevor sie die Musik gehört haben.

Roger: In dieser Medienlandschaft, in der es im Zusammenhang mit Hip-Hop um Coolness geht, kommen wir mit so einem „Scheiß drauf“- Namen. Der Name stellt uns aber super dar und das war auch der Plan. Wir wollten nicht die Coolsten sein, wir wollten die Coolsten im „Scheiß drauf“-Style sein. Egal, was ihr sagt, wir machen es so.

Schu: Und wir haben es auch geschafft, einem ganz normalen Gegenstand, den jeder kennt, eine zweite Bedeutung mitzugeben: „Blumentopf? Ist das die Musikgruppe oder das Gefäß?“ Es ist nicht direkt klar, was gemeint ist.

Nun die Frage, die ihr all die Jahre nie beant- wortet habt: Wie seid ihr auf den Namen ge- kommen?

Schu: Wenn das jetzt wirklich die letzte Interviewfrage in unserer Karriere ist, können wir es ja sagen. Es war einfach diese Antihaltung, dass alles andere nicht so ist, wie wir es uns vorstellen. Und wenn ihr die lyrische Kompetenz seid, dann sind wir halt „Da Blumentopf“ und viel Spaß damit.

Sepalot: Dieser Kontrast aus „Da“ und „Blumentopf “, „Gangster“ und „Gar Nichts“ fanden wir ganz spannend. Die meisten Leute haben aber immer gedacht, wir hießen „Da Blumen- topf“, weil das so bayerisch klingt, war aber gar nicht so.

Jetzt die wirklich letzte Interviewfrage: Was sind eure letzten Worte als Blumentopf?

Roger: Es ist gar nicht so leicht, so was aufzuhören. Es gibt ja nicht diesen großen Knall, als ob irgendetwas Großes passiert wäre. Wir haben zusammen beschlossen, dass wir das machen. Es ist auch einfach fair für die Fans, die Blumentopf-Tattoos haben und von Tag eins an Fans waren. Da hatten wir die Verpflichtung zu sagen: „Hey, Blumentopf gibt es nicht mehr.“ Holunder: Ich hoffe auch, dass all die Fans, bei denen wir uns natürlich herzlich bedanken, es nachvollziehen können, dass die Band Blumentopf zu einem Zeitpunkt aufhört und in Erinnerung bleibt, an dem sie noch oben war und nicht ganz woanders. Ich stelle mir das ganz schlimm vor. Stell dir vor, du bist von irgendetwas so sehr Fan, und dann …

Roger: Du bist 60er-Fan, du weißt genau, wie sich das anfühlt. (Gelächter)

Holunder (hält sich die Hände vor das Gesicht): Ich weiß, wie es sich ganz unten anfühlt. Aber als 60er-Fan ist es nichts Neues. Jedenfalls: Wir wollen unsere langjährigen Fans nicht mit ansehen lassen, wie wir so lange weitermachen, bis wir den Zeitpunkt verpasst haben, an dem wir hätten aufhören sollen.

Interview: Niko Hüls, Sarah Eblen | Foto: Brecheis

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