24/7, 24 Jahre, 7 Alben (aus BACKSPIN #118)

 

24 Jahre ist es her, dass sich die musikbegeisterten Skater-Jungs cajus, Holunder, Schu, Roger und Sepalot zu Blumentopf zusammenschlossen. Im Oktober 2015 dann die Ankündigung: Die Band aus freising wird sich 2016 zur Ruhe setzen. klar, dass eine Menge fragen dazu aufkommen würden. Aber die Jungs entschieden sich, erst mal nur ein einziges Interview zu geben. Dafür luden sie mit Niko den Head of BAckSPIN nach München ein, um ihm Rede und Antwort zu stehen. Die ersten Aussagen gingen bereits zur Verkündung in die Welt. Hier nun die XXL-Version dieses bis dato letzten Gesprächs mit Blumentopf über Freundschaft, Differenzen und den Hähnchentag einer fünf-Männer-Ehe.

Weshalb endet nach 24 erfolgreichen Jahren die Blumentopf-Ära?

Sepalot: Wir haben schon das letzte Album mit vollem Bewusstsein aufgenommen, dass es un- ser letztes Album sein wird. Deshalb heißt es auch „Nieder mit der GbR“. Ich glaube, was unserer Karriere nicht gerecht wird, ist, wenn es einfach so nach hinten auströpfelt und immer weniger wird.

Roger: Wir hören das Blumentopf-Ding auf, „wenn’s am schönsten ist“ – das klingt so schwülstig. Aber jetzt aufzuhören, ist wirklich ein guter Schritt, obwohl das für uns alle mit so einer kleinen Träne im Knopfloch verbunden ist. Blumentopf ist keine Nebenher-Band. Jeder hängt sich rein und wenn er das nicht voll macht, dann sind wir nicht mehr der Blumentopf, den ich mir vorstelle. Den anderen geht es wahrscheinlich auch so. Und des- halb machen wir es lieber nicht weiter, so machen wir nur die Band kaputt.

Holunder: In dem Sinne: 24/7, 24 Jahre, sieben Alben.

Habt ihr euch in den 24 Jahren auseinandergelebt?

Roger: Wir haben als Freunde, die meisten als Skateboard-Freunde, angefangen. Natürlich hat sich das Leben seitdem verändert. Da ist es einfach nicht mehr so, dass man rumhängt. Man kann aber trotzdem noch gute Musik machen. Es gibt jetzt nicht totale Differenzen. Aber es ist natürlich nicht mehr Haushalt 2000, alle in einer WG und Cajus macht den Hähnchentag … (Gelächter). Da hat sich alles im Leben schon ein bisschen verändert.

Sepalot: Den Hähnchentag vermisse ich aber schon.

Roger: Wir machen mal einen Hähnchentag, wenn du vorbeikommen würdest.
Schu: Es ist einfach nicht mehr dieser wöchentliche Hähnchentag. Das Business-Ding spielte immer mehr rein, sodass alles immer anstrengender wird.

Sepalot: Die Zeiten, in denen man zu Hause saß, alle Playstation gespielt und gekifft haben und man nebenher so ein bisschen Musik gemacht hat, sind vorbei. Das hat sich verlagert.

Cajus: Es wäre aber auch total arm, wenn es sich nicht verlagert hätte.

Schu: Bei mir hat es sich nicht verlagert. (Gelächter) Holunder: Jeder hat seine eigenen Geschichten am Laufen gehabt. Für mich gab es dann eine Zeit, in der ich alle anderen nur noch im Bandkontext gesehen habe. Es ist für das Zwischen- menschliche schön, wenn es wieder dieses Miteinander gibt, das nichts mit der Band zu tun hat, weil es die Band nicht mehr gibt. Das hat eine andere Qualität.

Gab es Momente, in denen ihr kurz davor standet, den Blumentopf aus dem Fenster zu werfen?

Schu: Den Moment gab es auf jeden Fall. Das war beim vorletzten Album („Wir“, Anm. d. Red.) ex- trem gegeben. Von außen sind viele Sachen auf uns eingeprasselt. Nachdem sich vorher Sebastian ums Management gekümmert hatte, haben wir uns da ein externes Management ins Boot geholt. Wir wollten in eine musikalische Richtung gehen, aber es war nicht so leicht, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Das Label haben wir auch noch gewechselt. Es sind also unglaublich viele Dinge von außen auf uns eingeprasselt, die dieses „Hey, da sitzen fünf Freunde im Studio und machen einfach nur Musik“-Ding schwer und manchmal auch unmöglich gemacht haben. Es waren Szenen dabei, wo wir uns gestritten haben, aber dann hieß es doch wieder: „Ja, gut, aber jetzt machen wir Musik.“ Das hat auch immer geklappt und auch allen Spaß gemacht, nur wussten wir, dass wir so nicht weitermachen können. Die Entstehung vom „Nieder mit der GbR“-Album war dann wieder so locker und unverkrampft, wie es bei „Kein Zufall“ und „Großes Kino“ war. Da war vorher so viel Druck und Stress drauf, dass es eine totale Befreiung war, das „Nieder mit der GbR“-Album zu machen. Zum „Wir“-Album hätte es auch sein können, dass du mit uns Einzelinterviews hättest führen müssen.

KEINER IST MILLIONÄR GEWESEN, ABER ÜBER DIE JAHRE KONNTEN WIR GUT DAVON LEBEN.

Habt ihr als Band am Ende all das erreicht, was ihr euch selbst anfangs vorgestellt habt?

Sepalot: Da wir uns sehr wenig vorgestellt haben, haben wir das bei Weitem übertroffen. Es gab eine sehr betreffende und im Nachhinein auch sehr bezeichnende Situation, als wir unser erstes Album „Kein Zufall“ veröffentlichten. Kurz danach sind wir in die WG gezogen, in der wir alle zusammengelebt und auch „Großes Kino“ aufgenommen haben. Jeder sollte auf einen Zettel schreiben, was er glaubt, wie viel wir von dem Album verkaufen. Und meine Zahl war ein Vielfaches von der Zahl der anderen. Daraufhin gab es direkt eine Diskussion.

Cajus: Ich meine mich zu erinnern, dass die Zahlen zwischen 120 Stück und 8.000 geschwankt haben.

Sepalot: Für die 8.000 habe ich richtig einstecken müssen.

Schu: Im Auto haben wir dann mit Four Music telefoniert und die haben es schätzen lassen. Das hat für Gelächter gesorgt. Die meinten: „Wenn das, was ihr denkt, wirklich die Realität wäre, dann würden wir jetzt nicht mehr mit euch telefonieren.“

Holunder: Für die Musik, die wir gemacht haben, ist das, was wir bekommen haben, aus meiner Sicht schon realistisch. Wir haben es nie darauf ausgelegt, dass alles massenkompatibel ist, sondern wir haben die Musik so gemacht, wie wir sie machen wollten. Keiner ist Millionär gewesen, aber über die Jahre konnten wir gut davon leben. Genauso sehe ich das auf der künstlerischen Seite. Wir haben uns immer selbst verwirklichen können. Wir haben keine große Rücksicht nehmen müssen und mussten mit keinem Kompromisse eingehen. Die Band Blumentopf hat eine bestimmte Richtung mitgeprägt und ein Statement hinterlassen, das man auch gut so stehen lassen kann.

Roger: Große Träumereien gab es in der Band nicht, das liegt auch ein bisschen am Blumen- topf-Humor. Wir nehmen uns selbst nicht zu wichtig. Wir waren zu jedem Zeitpunkt zufrieden mit dem, was wir bis dato erreicht hatten. Wir machen unseren Sound offen und ehrlich und sind so eigentlich total glücklich.

Was ist das Geheimnis eurer 20-jährigen Erfolgsgeschichte als Band?

Sepalot: Ich glaube, ein Grund dafür, dass es uns so lange gibt, ist, dass wir zu fünft sind. Natürlich braucht es in einer Fünfer-Konstellation auch viel mehr Absprachen, aber jeder kann sich die Luft nehmen, mal etwas anderes zu machen oder mal nicht zu jedem Thema seine Meinung zu haben. Das ist ein Grund, warum es uns so lange gab.

Roger: Du musst dich auch gut verstehen. Du hast einen Auftritt, der dauert eine oder ein- einhalb Stunden, aber du fährst oft sechs oder sieben Stunden mit dem Auto hin. Und wenn du nichts miteinander anfangen kannst, bringt das nichts. Und auch wenn ein Auftritt mal eher medium war, ist man danach noch richtig trinken gegangen und es war immer ein witziger Abend.

Sepalot: Da Blumentopf eine Album- und Live- band war, war das Tal, durch das Deutschrap gegangen ist, nicht so tief für uns. Es gab ja so eine richtige Phase, in der jede Zeitschrift und auch das Fernsehen nichts anfassen wollten, was mit Hip-Hop zu tun hatte. Wir können schon sagen, dass es für uns über diese 24 Jahre relativ konstant ging. Dieser Leuchtturm, den Blumentopf darstellt, hat dazu geführt, dass man von den Moden und den ganzen Ups und Downs relativ verschont wurde.

Holunder: Ganz wichtiger Punkt, gerade für Live-Auftritte: Man muss gute Leute dabeihaben – vom Lichtmann bis zum Tontechniker, von Tour-Begleitern bis zum Management. Das

müssen Leute sein, mit denen man gerne Zeit verbringt und mit denen man sich auch privat treffen würde.

DIE BAND BLUMENTOPF HAT EINE BESTIMMTE RICHTUNG MITGEPRÄGT UND EIN STATEMENT HINTERLASSEN, DAS MAN AUCH GUT SO STEHEN LASSEN KANN.

 

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