20 Jahre „Quadratur des Kreises“: Conscious Rap erhebt sich

Februar 1997. In der Tabelle der Fußball-Bundesliga zeichnet sich ein Vierkampf um die Meisterschaft zwischen Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und dem VfB Stuttgart ab. In der Türkei führt der politische Eingriff der türkischen Militärführung gegen die Regierung unter Necmettin Erbakan, bekannt geworden als „postmoderner Staatsstreich“, einige Monate später zum Rücktritt des Ministerpräsidenten. Und auf Rap-Ebene? Nun, mit der Veröffetlichung ihres Debütalbums „Quadratur des Kreises“ legen Freundeskreis den Grundstein für Conscious Rap in Deutschland.

Gut, bereits einige Jahre vor der Band aus Stuttgart, die sich 1996 gründet, performen Gruppen wie Advanced Chemistry und Anarchist Academy um Hannes Loh politische bzw. sozialkritisch motivierte Texte. Doch erst Freundeskreis können auch über die Szene hinaus Gehör finden, was nicht zuletzt mit Charterfolgen verbunden ist.

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des 19 Tracks starken Albums von Max Herre, Don Philippe und DJ Friction, blickt BACKSPIN auf die vielen Facetten von „Quadratur des Kreises“ zurück.

 

Zwischen A-N-N-A und dem eigenen Lebensweg

Aus kommerzieller Sicht ragt „A-N-N-A“, ein bereits 1996 veröffentlichtes, die Liebe zum Thema habendes Lied, heraus. In seiner ursprünglichen Form konnte der Freundeskreis-Song, die damals noch unter den Namen „Maximilian und sein Freundeskreis“ auftraten, nicht den gewünschten Anklang finden. Dies ändert sich im Sommer ’97, als der Track um Max Herres Regenbekanntschaft zunehmend an Airplay und Popularität gewinnt. Die Inspiration für „A-N-N-A“ bekam der MC durch den im Dadaismus beheimateten Dichter und Künstler Kurt Schwitters, der sich in seinem Werk „An Anna Blume“ wie auch Herre damit befasst, dass der Name der Dame sowohl von vorne als auch von hinten gelesen werden kann. Ein Merkmal dieser Bewegung, in der bestehende Werte und Normen über den Haufen geworfen wurden. Hallo, künstlerische Freiheit.

„Gesellschaftskritik, kluge Manifeste über die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Weltfrieden oder die internationale Verständigung, das alles sind Themen mit denen sich die Band gerne beschäftigt. Sie halten der Gesellschaft einen Spiegel vor’s Gesicht […]“. – rap.de-Redakteur Benny Mielke über das weite Spektrum der Band

Doch „Quadratur des Kreises“ auf den mehr als 250.000-mal verkauften Sommerhit runterzubrechen, wäre zu einfach. Zuhauf schwingt ein politischer Grundtenor in den mit Jazz-, Reggae- und Soul-Elementen angereicherten Songs mit. So z.B. in „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“, in dem sich, überspitzt formuliert, Geschichtsstunde und Politikexkurs vereinen. Hier skizziert der damals 23-jährige Stuttgarter seinen Lebensweg bis dahin und greift darin geschichtliche Ereignisse auf, die sich in diesem Zeiraum ereigneten (Tschernobyl, Kalter Krieg, ABC-Waffen). Eine Vorgehensweise, die Herre gegenüber All Good wie folgt erläutert: „[Es ist] diese Idee, dass man ein Teil von etwas Größerem ist. Und dass Geschichte und Politik nicht abgetrennt sind von den Menschen – und eben auch nicht abgetrennt von meiner Biografie, sondern mein Leben beeinflussen […]“. Dieses Feingespür Herres zeigt sich auch auf lyrische Ebene, z.B. in einer Line wie „Andi sei Kroate, der sein Land verrate, meint sein Vater / Weil er lieber sprühte, als mit Handgranaten töten übte“, wo die Einstellungen der beiden Generationen gegenüberstellt werden.

Klare Überzeugungen

Zusammen mit Wasi von den Massiven Tönen wird sich in „Wenn der Vorhang fällt“ mit der Rolle als Musiker beschäftigt und auf die Lage der deutschen Hip-Hop-Szene geblickt. Die Position dabei ist klar: Es gilt der kritische Blick gegenüber Plattenlabels, das Verwirklichen der eigenen künstlerischen Überzeugen, das Abstreiten
einer oberlehrerhaften Funktion „als Verfechter einer neuen Ära“, gleichwohl ein Teil der Szene kritisiert wird.
„Banaler Rap ist publik und macht uns in Sachen Kunst zu ’ner Bananenrepublik“, heißt es da.
Darüber hinaus geben sich Freundeskreis experimentell und mutig, indem zusammen mit der Gospel- und Soul-Sängerin Theresa J Burnette der Udo Lindenberg-Song „Baby, wenn ich down bin“ neu interpretiert. Eine musikalische Huldigung an den Heroen der Kindheit, der den Gründer des Musiklabels Nesola vor allem in dessen Kindheit maßgeblich beeinflusste und Herre zur Musik brachte.

„Die ‚Quadratur des Kreises‘ verleiht mit 19 Tracks auf sympathische Weise ehrliche Einblicke in die Gefühls- und Lebenswelt dieser Jungs aus Stuttgart-West und tut dies mit einer musikalischen Reife, die jene als Sachverständige der BlackMusic-Kultur auszeichnet“. – intro.de über das Albumdebüt Freundeskreis‘

Generell präsentiert sich der gesamte Verbund Freundeskreis open-minded. DJ Friction und der Multiinstrumentalist Don Philippe harmonieren in bester The Roots-Manier miteinander und kreieren einen zeitlosen Sound, der mit Querverweisen und politischen Statements Herres unterfüttert wird. Gut 1 1/2 Dekaden später, zur Veröffentlichung von „Hallo Welt“, dem 3. Soloalbum des auch als Singer/Songwriter agierenden Künstlers, sagt dieser gegenüber der Juice: „Für mich geht es aber auch in der Karriere und in der Musik darum, man selbst zu bleiben und, wenn es nötig ist, auch unangenehm und schwierig zu sein, anzuecken und sich nicht zu verbiegen“. Reflektierte Worte, die schon zu „Quadratur des Kreises“-Zeiten musikalisch umgesetzt wurden. „Cross the Tracks“ ist nur ein Beispiel von vielen dafür. Ein Song, der sich mit politischer Ungerechtigkeit auseinandersetzt und geschichsträchtige Zitate von Personen wie der RAF-Mitgründerin Ulrike Meinhof oder des argentinischen Revolutionärs Che Guevara aufgreift, die sich mit der Inhaftierung im Gefängnis beschäftigen. 

Open-minded

Die „Quadratur des Kreises“ gilt bis heute als Meilenstein im deutschen Hip-Hop, als Türöffner für kommenden Generationen, als Vorreiter der „Neuen Schule“. Nicht von der Hand zuweisen ist, dass Freundeskreis sich schon früh, früher als manch anderer, offen gegenüber anderen Genres zeigten. Und vermehrt mit einer Liveband auftraten, die sie schnell zu gefragten Gästen auf den Bühnen in deutschen Landen machten. Das auf einem zur damaligen Zeit unkonventionellem Reggae-Sample daherkommende Duett „Telefonterror“ hat nicht zuletzt auch der 1997 noch unbekannten Cassandra Steen den weiteren Weg geebnet. Back in the days, FK ist der Trendsetter. Und ist mit seinen Lines bis heute nicht nur im Gedächtnis der Hip-Hop-Heads präsent. Du weißt: „Maximi, Maxima, Maximax ist da / Bei Gefahr bleib ich klar wie Che Guevara / Ihr meint, wir seien nicht echt wie ’ne Fatamorgana / Doch bitet meinen Rhyme wie Boxer Carmina Burana“.

 

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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