16 Jahre „Samy Deluxe“: Dichter und Denker

Deluxe

Einer Coverversion kommen in erster Linie wohl zwei Bedeutungen zu: Zum einen gibt sie demjenigen, der ein Lied neu interpretiert, die Möglichkeit, dieses nochmal in einem etwas anderen Gewand zu präsentieren und dem Song dadurch einen eigenen Stempel aufzudrücken. Zum anderen huldigt sie dem Künstler für einen großen Hit vergangener Tage. Was in Musikrichtungen wie Pop oder House Gang und Gebe ist, sucht man im deutschen Hip-Hop zuweilen eher vergeblich. Doch als Xavier Naidoo im Frühjahr 2016 Samy Deluxe’ „Weck mich auf“ in der VOX-Sendung „Sing meinen Song“ in völlig neuer Form darbot, dürfte sich Samy bestätigt gefühlt haben, dass er mit seiner Musik spätestens seit 2001 einiges bewegen konnte. In diesem Jahr nämlich erschien Samy Deluxe erstes Soloalbum. Grund genug auf den Tonträger zurückzublicken, der schlicht und einfach „Samy Deluxe“ heißt. Um die Entwicklung bis dahin zu verstehen, lohnt sich aber zunächst ein Rückblick in die Jahre zuvor. 

Um die Jahrtausendwende ist Hamburg – einzig Stuttgart kann hier noch halbwegs konkurrieren – die Hip-Hop-Hochburg schlechthin in Deutschland. Eimsbush, Buback, Showdown und Yo Mama: Nicht zuletzt die Fülle an Hip-Hop-Indie-Labels beweist die Bedeutung der Hansestadt für die deutsche Hip-Hop-Kultur. Künstler wie Ferris MC, D-Flame, Fünf Sterne Deluxe oder Deichkind werden auf den erwähnten Labels gesigned, steigern ihren Bekanntheitsgrad und feiern erste kommerzielle Erfolge. Einer jedoch bringt den damaligen „Hamburger Flavor“ mit seiner ganz eigenen Attitude als Battle-MC auf den Punkt wie kein Zweiter – was die folgenden Zeilen von Samy Deluxe zeigen: 

„Hamburg-City rules, wer behauptet was Anderes? Jetzt offiziell: Ich battle jeden MC, egal, wie bekannt er ist.“ 

 

Die Absoluten Beginner machen im Jahr 1999 gemeinsam mit Samy einen auf „Füchse“. Durch ein Musikvideo zu dem Track, welches auf VIVA und MTV rotiert, bekommt Samy zum ersten Mal die Möglichkeit sich solo einer breiteren Masse vorzustellen. Denn bereits zwei Jahre zuvor, schloss er sich mit DJ Dynamite und Tropf als Dynamite Deluxe zusammen. Unter diesem Namen wurde dann 2000 auch das erste Album der Drei, „Deluxe Soundsystem“, veröffentlicht. Dabei waren die Rollen stets klar verteilt: Dynamite und Tropf legten Samy erstklassige Beats vor, die dieser dann nur noch im Rampenlicht mit Rhymes versehen musste. Die Platte bot überwiegend Battle-Texte par excellence und verkaufte über 150.000 Einheiten, was der Formation sieben Jahre später eine goldene Schallplatte einbringen sollte. Eigentlich konnte alles so weiterlaufen wie bisher. Dennoch wurde das Projekt noch im selben Jahr beendet, da sich die Produktionsabläufe für das kommende Album längst verschoben hatten, wie Samy Deluxe 2001 in einem Interview mit BACKSPIN erklärt:  

„Das Album wurde zwar größtenteils von Tropf und Dynamite produziert, wird aber nur den Titel „Samy Deluxe“ tragen, weil beim ersten Album immer wirklich alle drei, oder sagen wir, mindestens zwei in eine Sache involviert waren […]. Das neue Album dagegen habe ich eigentlich geschrieben, ohne dass noch jemand dabei war. Deswegen ist es dieses Mal einfach noch mehr Samy Deluxe.“  

Mit „Samy Deluxe“ schließt selbiger inhaltlich zunächst nahtlos an die Battle-Thematik von „Deluxe Soundsystem“ an. Mit der ersten Singleauskopplung „Hab’ gehört“ reagiert Samy auf humorvolle und ironische Art und Weise auf sämtliche Gerüchte in der letzten Zeit rund um seine Person. 

„Ich hab’ gehört, dass ich nichts anderes als dissen kann, hab’ gehört ich stifte die Jugend zum Kiffen an.“

 

Allein mit diesem Track nimmt er seinen Kritikern schon fast jegliche Argumente aus dem Mund, da es ihm scheinbar egal ist, was diese von ihm denken. Kritiker hat Samy Deluxe zu dieser Zeit reichlich. Da ist zum einen die JUICE, die ihm Starallüren vorwirft. Im Song „Samy Deluxe 2001“ disst er das Magazin mal soeben mit den Zeilen „Ich hab nen Juice-Abo, nur falls mir mal das Klopapier ausgeht, du hast es schon kapiert, ich scheiß drauf, was da drin oder drauf steht“ und schürt damit einen jahrelangen Beef beider Parteien. Zum anderen ist da der Frankfurter Rapper Azad, der ebenfalls 2001 sein Solodebüt „Leben“ herausbringt. Kurz bevor beide Alben erscheinen kreidet Azad Samy den Sellout des Hip-Hop an. Explizit fand Azad es anbiedernd und kommerziell, dass Samy Deluxe auf dem Dynamite Deluxe-Track „Ladies and Gentleman“ eine gesungene Hook präsentierte. Das lässt der Wickeda MC jedoch nicht auf sich sitzen und feuert mit „Rache ist süß“ zurück. Azad wiederum droppt als Antwort darauf den Track „Samy De Bitch.“ 

Ein Grund für die Qualität des Albums ist sicherlich der zuvor erfolgreiche Weg mit Dynamite Deluxe. Samy klingt beim Rappen in den ersten Jahren so locker als würde er sich vorher keine großartigen Gedanken machen, was er da genau rappt. Das erklärt auch möglicherweise sein Talent als passionierter Freestyle-Künstler. Über seinen Zugang zum Texten sagt Samy im Interview mit BACKSPIN damals: 

„Ich mache mir eigentlich sehr selten Gedanken über diesen ganzen Kontext. Ich flashe eben und baue alles in meine Texte ein, was mich umgibt.“ 

„Samy Deluxe“ bietet jedoch in noch höherem Maße originelle Vergleiche und anspruchsvolle Punchlines, die meist ein „um-die-Ecke-denken“ erfordern wie zum Beispiel in „Hausfriedensbruch“: 

 „Hab massig neuen Shit parat, weil ich noch niemals fitter war, obwohl ich wenn’s um Sport geht eigentlich nix außer Ritter mag.“

Amerikanische Standards wie Doubletime („Sensationell“) und Doppelreim („Die Meisten“) adaptiert Samy schon damals gekonnt. 

Für ein grundlegend hohes Niveau sorgen außerdem die Beats, die größtenteils vom gewohnten „Deluxe Soundsystem“, DJ Dynamite und Tropf, produziert wurden. Zudem steuerte Don Dougie einen Beat bei, Sleepwalker ist zweimal vertreten. Auch die wenigen Features auf der Platte wissen zu überzeugen. Bei der „Session“ wechseln sich Nico Suave, Dendemann, Illo 77 und Samy Deluxe mehrfach innerhalb der Strophen mit kurzweiligen Parts über ihr Rap-Dasein ab. Und wie es um die musikalische Zukunft von Afrob und Samy Deluxe bestellt ist, zeigen die beiden schon vorausahnend bei ihrer allerersten Zusammenarbeit mit dem Song „So soll’s sein“. 

Die zweite Single von Samy Deluxe, „Internetional Love“, ist als ironischer Liebessong zu verstehen. Samy versetzt sich hier in die Sicht einer anderen Person, die süchtig nach dem damals noch „brandneuen“ Internet geworden ist, wie er im Interview mit BACKSPIN erklärt: 

„Eben einer dieser gesichtslosen Menschen, die im Internet oder auf meiner oder der Put da Needle-Seite schreiben, Hamburg sei scheiße und Berlin geil oder umgekehrt. Ich habe versucht, anhand dieses Liedes vorzuführen, wie gescheitert er für mich ist.“ 

Rund 16 Jahre später kann man durchaus mit einem Lächeln auf den Lippen konstatieren, dass SamSemilia schon nach dem Millenium die Entwicklung von Social Media vorausgeahnt hat. 

Doch eine „LP voller Battleraps und Wortspielen“ ist Samy Sorge, so sein bürgerlicher Name, laut eigener Aussage „zu wenig“. 

„Das war halt zu der damaligen Zeit mein Flash. Was jetzt herauskommt, ist eben das, was mich im letzten Jahr textlich beschäftigt hat.“

Das erste Solowerk von Samy Deluxe geht deshalb über bloßen Rap über Rap hinaus. Mister Deluxe übt sich erstmals in einer Rolle, die ihn in den Folgejahren prägen sollte und die er bis heute nicht mehr abgelegt hat: Gesellschaftskritik. Zu dieser Zeit findet dieses Thema auf mehreren Alben Anklang. Afrob befasst sich im gleichen Jahr auf seinem Album „Made in Germany“ mit sozialkritischen Inhalten und auch Azads „Leben“ behandelt diesen Komplex. Selbst Samy Deluxe ist in jenem Jahr noch mit einem zweiten gesellschaftskritischen Projekt am Start: Brothers Keepers. Unter diesem Namen fungieren afrodeutsche Hip-Hop-Künstler, die im Zuge des gewaltsamen Todes von Alberto Adriano, einem Afrikaner, eine musikalische „Letzte Warnung“ an Rassisten und Faschisten aussprechen.

Für Aufsehen weit über die Hip-Hop-Welt hinweg sorgt Samy Deluxe dann aber mit der dritten Single „Weck mich auf“. 


Darin prangert er den Staat an und macht deutlich, was er von einzelnen Institutionen wie Politikern, der Polizei oder den Medien hält. 

„Die scheiß Politiker dienen der dunklen Seite wie Darth Vader und haben einen Horizont von circa einem Quadratmeter, keine eigene Meinung doch zehn eigene Ratgeber, die schwachsinnigen scheiß Reden, als hätten sie nen Sprachfehler, hoffen die braven Wähler zahlen weiterhin gerne Steuergelder, doch ich bin hier, um Alarm zu schlagen wie ein Feuermelder.“ 

Weiterhin stellt er die Probleme einer perspektivlosen Generation in den Vordergrund („Kids mit 13 Jahren ziehen sich schon das weiße Zeug in die Nasen, denken zur Not geht es wie bei Nintendo noch neu zu starten.“). Mit dem Song, dem Samy damals sogar eine eigene EP widmet, kann er gleich zwei Erfolge verbuchen: Zum einen ist „Weck mich auf“ Samys bisher erfolgreichste kommerzielle Single. Sie hielt sich 14 Wochen in den Top 100 der deutschen Charts und erreichte mit Platz Vier ihre höchste Positionierung. Ein derartiges Resultat war zum damaligen Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit. Einzig Freundeskreis mit „A-N-N-A“ und die Beginner mit „Liebeslied“ hielten mit ihren Singles die Fahne für deutschen Hip-Hop in den Charts hoch. Zudem erhielt Samy Deluxe für den Track einen Echo, einen MTV-Award und den VIVA-Comet. Zum anderen förderte Samy dadurch genug Aufmerksamkeit für sozialkritische Themen zutage. In der Folge wurde er öfter in Talkshows eingeladen, in denen er meist das schaffte, was Politikern oftmals vorenthalten bleibt: klare Antworten geben ohne große Umschweife. Samy Deluxe war damit wohl zu dieser Zeit nicht nur der Rapper mit dem größten Bekanntheitsgrad, er war auch das Sprachrohr einer ganzen Generation. „Weck mich auf“ stellt bis heute eine Zäsur dar, was gesellschaftskritische Themen anbelangt. Zwar handelten die Texte von den Beginnern oder Advanced Chemistry einige Jahre zuvor auch schon von Kritik an der Politik. Durch seine Popularität als Battle-Rapper konnte Samy Deluxe jedoch ein großes Interesse auf diese Themen in der Öffentlichkeit lenken und zwang so quasi Politik und Medien dazu, diese auf ihre Agenda zu setzen. 

Mit seinem ersten Solorelease, das dann auch gleich nach ihm benannt ist, hat Samy Deluxe den Grundstein für eine beeindruckende Karriere gelegt. In puncto Flow und Wortwitz ist Samy seiner Zeit voraus. Er gibt auf der Platte sowohl seinen Hatern als auch der Gesellschaft vielerlei präzise Antworten und hinterlässt dabei kaum offene Fragen. So ist das erste Album von Samy Deluxe nicht nur eines der einflussreichsten Werke des deutschen Hip-Hops – Lieder wie „Weck mich auf“ scheinen auch heute aktueller denn je. Manch einer führt seine Leidenschaft zum Hip-Hop sogar auf dieses Album zurück. In jedem Fall ist es bis heute seine wichtigste Veröffentlichung. Versuchen, dieses Werk zu covern, ist zwecklos. Einzig Samy Deluxe selbst kann mit seinem Meisterstück einiges bewegen. 

1 Comment

  1. Roger Klotz

    25. April 2017 at 16:48

    Dieser Text besteht nur aus Phrasen die in der Juice schon 1999 standen. Clickbait oder hängengebliebenes Geschreibsel. Mehr ist nicht mehr drin.

Erzähl Digger, erzähl

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