15 Jahre „The Eminem Show“

The Eminem Show

Es gibt Klassiker, die lassen sich einfach nicht verleugnen. Wenn es um „die eine Platte“ geht, trifft die Wahl von Künstlern und Journalisten nicht selten auf das im Jahr 2000 veröffentlichte Album „The Marshall Mathers LP“ von Eminem. Auch meine Wahl würde so ausfallen, denn letztendlich war es eben genau diese CD, der es gelang, mein Interesse für Rap erst so richtig zu wecken. Neben seinem immensen kommerziellen Erfolg galt Eminem eine lange Zeit als der unangefochtene King of Rap, welcher wie kaum ein anderer mit seinen Texten zu polarisieren wusste und zugleich raptechnisch ein Level vorgab, bei dem nur die wenigsten Rapper mithielten. Diese Skills spricht ihm auch heute wohl kaum ein Hip-Hop-Liebhaber ab. Was die letzten drei Solo-Releases angeht, gab es allerdings durchaus Kritik, die seine Berechtigung hatte. So richtig wollten „Relapse“, „Recovery“ und „The Marshall Mathers LP 2“ nicht als Gesamtwerk funktionieren, auch wenn durchaus starke Songs vertreten waren. Dass Eminem aber durchaus in der Lage ist auf Albumlänge zu überzeugen, zeigt neben „The Marshall Mathers LP“ der Nachfolger „The Eminem Show“. Die LP erschien 2002 – also vor 15 Jahren – über Aftermath Entertainment / Interscope Records und auch hier darf man nach mir durchaus von einem Klassiker sprechen. Um einfach mal klar zu machen von welchen Verkaufs-Dimensionen wir hier sprechen: Das Album konnte weltweit etwa 27 Millionen Einheiten absetzen und erhielt alleine in Deutschland die doppelte Platin-Auszeichnung für mehr als 600.000 verkaufte Exemplare.

Doch was macht es eigentlich zum Klassiker? Der größte Unterschied zum Vorgänger ist vermutlich, dass Eminem nicht ausschließlich auf Schockmomente setzt, sondern deutlich persönlicher wird. So verarbeitet er beispielsweise auf der zweiten Single-Auskopplung „Cleanin’ Out My Closet“ das zerstörte Verhältnis zu seiner Mutter. Hier thematisiert er ihren Drogenmissbrauch und behauptet sogar, sie leide unter dem Münchhausen-Syndrom – eine psychische Störung, bei der Menschen körperliche Beschwerden erfinden, um Zuwendung und Mitleid zu erlangen. Zeilen wie „And Hailie’s gettin’ so big now, you should see her, she’s beautiful. But you’ll never see her. She won’t even be at your funeral!“ lassen nur schwer ausmalen, was in Eminem gefühlstechnisch vor sich ging. Untermalt wird das düstere Video, in dem Eminem unter anderem ein Grabloch aushebt, immer wieder von nachgespielten Flashbacks, die ihn als Kind zeigen und uns in seine Lage zu versetzen versuchen. Der letzte Verse schließt ab mit den Worten: „Remember when Ronnie died and you said you wished it was me? Well, guess what? I am dead, dead to you as can be!“ Kaum vorstellbar zu diesem Zeitpunkt, dass sich Eminem 11 Jahre später auf „Headlights“ für den Song entschuldigen würde und seiner Mutter zugleich auf diesem verspricht, den Song nie wieder live zu spielen.

Doch auch auf anderen Tracks reflektiert Eminem über sein Leben. Auf „Say Goodbye to Hollywood“ rappt er über die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt in der Öffentlichkeit aufzuwachsen, erwähnt seine Trennung von Kim und spricht über seine Angst davor, so zu werden wie sein Vater. Dieser verließ seine Mutter und ihn, als er noch ein kleines Kind war. Auf dem Track „Sing For The Moment“, der auf einem Sample des Aerosmith-Songs „Dream On“ basiert, lässt er sich hingegen unter anderem über die Medienlandschaft aus, die ihn mit allen Mitteln in ein schlechtes Licht zu rücken versucht: „But then these critics crucify you, journalists try to burn you, fans turn on you, attorneys all want a turn at you to get their hands on every dime you have.“ Darüberhinaus widmet Marshall seiner Tochter auf Anspielstation 14 einen eigenen Song, der ganz einfach auf den Titel „Hailie’s Song“ hört. Ich weiß, dass Ems Gesangsskills nicht bei jedem gut ankamen und der Track oftmals auch für den ein oder anderen eine Spur zu kitschig daherkam. Ich für meinen Teil mochte ihn dennoch und habe es zudem als erfrischend empfunden, dass einer bis dato eher unbekannten Facette von Eminem auf der Platte Platz geboten wurde.

Doch selbstverständlich gibt es auch eine Reihe Tracks, bei denen der Inhalt nicht so sehr im Fokus steht. Slim Shady ist nunmal auch einfach ein extrem guter Battle-MC, was er auf Tracks wie „Square Dance“, „Say What You Say“ oder (einem meiner absoluten Fovoriten) „Soldier“ auch auf dieser Platte eindrucksvoll unter Beweis stellt. Alleine die Flows machen einfach unfassbaren Spaß und können locker mit den heutigen Standards mithalten. Darüber hinaus ist „The Eminem Show“ auch das erste Album, das er zum größten Teil komplett selbst produziert hat. Lediglich drei Beats stammen von Mentor Dr. Dre, bei fünf Songs gab es Unterstützung von Jeff Bass und D12-Kollegen Denaun Porter. Auch wenn man Mister Mathers vermutlich in erster Linie mit seinen Rapskills in Verbindung bringt, dass er genauso ein sehr guter Produzent ist, sollte man allerdings nicht vergessen. Besonders gut gefällt mir außerdem der „Steve Berman“-Skit, der einen Querverweis auf die „Marshall Mathers LP“ darstellt. Sowas feiere ich. Das größte Highlight der Platte, das an an dieser Stelle nicht vergessen werden darf: „Till I Collapse“ mit Hook-Monster Nate Dogg, auf einem Brett von einem Beat und für mich die perfekte Liebeserklärung an Hip-Hop.

 

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".

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