Kollegah – „Zuhältertape Vol. 4“

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Kollegah ist der Adonis-Avatar der Rapszene. Muskulös, heldenhaft in heroischer Arroganz schwelgend kommt er einem Königstitel, der vor allem mit kindischen Streitereien erwachsener Männer verteidigt wird näher als die Meisten, die ihm seit Jahren hinterher lechzen. Kollegah, der King of Rap? Vielleicht. Völlig egal! Viel wichtiger ist doch, dass Kollegah so penibel auf seine Raptechnik und vor allem auf die besten Vergleiche achtet, wie kein zweiter seiner vermeintlichen Kollegen. (Kollegah hätte an dieser Stelle einen besseren Vergleich gefunden, da bin ich mir sicher) Jetzt kommt also das „Zuhältertape Vol. 4“: die Bündelung seiner Kernkompetenzen. Keine Autotune-Experimente sind mehr herauszuhören, keine Motorradgangs im Hintergrund der Videos stehlen ihm die Show. Der Boss der von ihm transformierten Bosse träumt sich in RBA-Zeiten, in seine Ursprünge, in seine Grundsteine zum Erfolg zurück und macht jetzt das Album, das ihn als „King“ eher legitimiert als der Vorgänger „King“.

„Zuhältertape Vol. 4“, schon vor zehn Jahren derselbe Sound, Ich erfind’ das Rad nicht neu, doch hau’ paar Platinfelgen drauf“, sagt Kollegah auf „Blutdiamanten“ und nimmt Kritikern so den Wind aus den Segeln. Denn dass der musikalische Unterboden des überdurchschnittlichen Vergleiche-Spiels schon immer im Mittelmaß herumdümpelte, das merkt der Boss vermutlich selbst, während er seine Diskografie in der Limousine mit den besagten Platinfelgen durchhört. Daran hat sich wenig geändert. Auf musikalischer Ebene ist „Zuhältertape vol. 4“ zwar besser als die Vorgängerreleases, aber immer noch ziemlich durchschaubar. Der Ausbruch aus den Fängen der Gewohnheit fehlt nach wie vor. Hier ein paar Scratches und BoomBap-Anbierderungen, dort die hochgepitchten Vocalsamples: Vieles bleibt beim Alten.

Doch alles nicht so schlimm, denn Kollegahs wahrhaftig zu erahnende Bossaura überstrahlt den ganzen Rest ohnehin. Er konstruiert wahlweise den ganz großen lyrischen Zuhälter/Killer/Dealer/Gangster-Blockbuster und es ist dabei völlig egal, wie authentisch die Erzählungen tatsächlich sind. Sie legitimieren sich durch ihre Bildhaftigkeit und sind gespickt von einer so immensen Zahl an hochwertigen Wortspielen, dass es an dieser Stelle nicht möglich ist, alle aufzuzählen. Letztlich ist „Zuhältertape vol. 4“ vor allem das Manifest eines Lyrikfetischisten, der nicht die Belletristik, sondern Rap als Ausdrucksweise gewählt hat. Gleichzeitig ist es das beste Kollegah-Album bisher. Der rauscht womöglich gerade Zigarren rauchend auf seiner Yacht im Mittelmeer gen Madagaskar und hat daran ohnehin keinen Zweifel.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

2 Comments

  1. Ak

    18. Januar 2016 at 13:56

    Was versteht ihr unter flow, klar hat er sich im Gegensatz zu früher verbessert, aber es ist noch immernoch zu Monoton und dafür 10 von 10?

  2. FlerFanBoy

    16. Dezember 2015 at 13:01

    viel zu untertriebene Wertung
    klare 10/10 in allen Bereichen
    es heißt nicht umsonst zuhältertape —–> VOL 4 <——
    bewusst wurden die instrumentals so gewählt
    hört euch das album öfter als einmal an dann werdet ihr verstehen was ich meine. es ist DAS album 2015/2016/2017!

  3. Pingback: Kollegah: Ansage an die deutsche Filmindustrie - BACKSPIN WEB

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