Kommentar: Hat Deutschrap wirklich ein Problem?

Sand in die Wunde 

Hat Deutschrap wirklich ein Problem?

Auf Böhmenmann folgt Sand. Beide haben die HipHop-Szene auf ihre Weise verärgert, sachliche Diskussionen und eine Menge virtueller Hurensohn-Beleidigungen provoziert. Im Falle Böhmenmann sprangen von rap.de über Spiegelableger Bento bis hin zu taz. und der Süddeutsche Zeitung alle auf den Diskussionszug auf. Sie trieben das Thema ad absurdum. Außerdem brachten sie die nach wie vor herrschenden Vorurteile gegenüber Straßenrap und die Sensibilität der HipHop-Szene ans Licht. Jetzt betitelt Die Welt-Redakteur Dennis Sand einen Kommentar mit: „Deutschrap, du hast ein ernsthaftes Problem“. Deutschrap hat wie zu erwarten ein Problem damit. 

Dennis Sand kritisiert in seinem Text den „Kuscheljournalismus“ der HipHop-Medien und die seiner Meinung nach zunehmende Aggression im Rap, die durch Hausbesuche und Stadtverbote gekrönt wird. Die Grenzen zwischen Unterhaltung und ernsthafter Bedrohung würden verschwimmen, sagt er. Als Beispiele halten Choleriker-König Fler, der dieses Jahr nach einer wenig schmeichelhaften Glosse von Welt-Autor Frédéric Schwilden plötzlich vor dessen Tür auftauchte und der eigentlich völlig irrelevante, aber umso aggressiver (im doppelten Sinne) um Aufmerksamkeit buhlende Toony sowie der ebenso unbedeutende Toni der Assi her. Tatsächlich sind alle drei Rapper Beispiele für einen kindischen Umgang mit Kritik. Doch hat Deutschrap aufgrund dreier pöbelnder Klassenrüpel gleich ein Problem? Und haben HipHop-Journalisten tatsächlich kollektiv versagt?

Welt-Redakteur und HipHop-Journalist?

Um die Meinung von Dennis Sand besser einordnen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass auch er für ein HipHop-Medium tätig war. Im Juice Magazin schrieb er noch in diesem Jahr über Mosh36, Gozpel und Juri & John Webber: Nicht gerade die großen Namen, die jeder Feullieton-Autor auf dem Schirm hat. Szenenkenntnisse und einen Einblick in die Maschinerie der HipHop-Medien hat Dennis Sand also sehr wohl. Auf seine oberflächliche Sicht von außen und die HipHop-Berichterstattung der „Mainstreammedien“ zu schimpfen, wie es Falk Schacht in seinem Kommentar zur Thematik artikuliert, halte ich deswegen für unangebracht. Zumal das verallgemeinernde „Mainstreammedien“, das aktuell in ganz anderen Kreisen Anklang findet, ein Unwort ist. Damit sollte man in meinen Augen in Zeiten von Lügenpresse-Gröhlern auch als Falk Schacht vorsichtig sein.

Recht hat er allerdings damit, dass Dennis Sand zumindest im Text ein Weltbild zurechtzimmert, auf das der durchschnittliche Welt-Leser anspringt. Warum konfrontiert er Leute, die nie etwas von Toony und Toni der Assi gehört haben mit Toony und Toni der Assi? Warum lässt er die mehrheitlich positiven Entwicklungen im Deutschrap der letzten Jahre bei denjenigen, die sie vielleicht nicht mitbekommen haben, einfach außen vor? Warum schreibt er einen solchen Kommentar nicht für die Juice, wo die Leser seine Meinung auch ohne Hinweise auf die andere, „gute“ Seite besser einordnen können? Das bleibt offen und das legitimiert Falk Schachts kritisches Nachfragen genauso wie Ralf Theils #shitpeoplewrite-Kolumne, die in Sands Artikel ebenfalls kritisiert wird.

Trotzdem besteht die von Sand kritisierte Aggression. Auch wenn der Zenit der Dummbrutalität 2015 definitiv überschritten ist: Hausbesuche, Stadtverbote und konkrete Gewaltandrohungen passieren und sind weder cool noch lustig. Sie sind schlicht lächerlich. Vor allem dann, wenn sie in der Öffentlichkeit kundgetan werden. Genauso unnötig sind diskriminierende Verschwörungstheorien in der Rapmusik, die Kollege Oliver Marquardt in einem dreiteiligen Kommentar auf rap.de unlängst aufarbeitete und genauso niveaulos ist ein Farid Bang, der sich über eine vermeintliche Vergewaltigung Flers mit einer Karotte minutenlang kaputtlacht. Diese Aufzählung ließe sich noch eine ganze Weile fortführen, denn es gibt nach wie vor viel zu kritisieren in Rapdeutschland. Und diese Kritik erfolgt auch. Am Musikalischen wird durch Rezensionen durchaus gemäkelt, an den Episoden rund um die Musik ebenfalls. Mit satirischen Cartoons von Graphizzel Novizzel zum Beispiel oder mit Kolumnen, die im Juice Magazin genauso zu finden sind, wie beim Splash! Mag, bei rap.de und bei Backspin.

Wo bleibt die Distanz? 
Vieles wird allerdings weiterhin durchgewunken oder mit Ignoranz bestraft, anstatt darauf einzugehen. Das ist nicht nur bei RapUpdate so, die auf ihre boulevardeske Art ohnehin auf jegliche Einordnung der Inhalte verzichten. Es gibt auch anderswo Formate, die Promofilmchen gleichen. Wenn in Rooz’ #waslos-Sendung auf HipHop.de auch bei den kontroversesten Straßenrappern auf bestimmte Kritikpunkte verzichtet wird, weil man es sich offensichtlich nicht verscherzen will. Dann wird in stundenlangen kumpelhaften Gesprächen (meistens, nicht immer) über Wischiwaschithemen getratscht wird das aktuelle Album als  „voll krass“ bezeichnet. Das erinnert mich mehr an einen Youtuber, der ein Produkt bewirbt, als an Journalismus. Unterhaltsam ist die Schmusestunde natürlich, aber wo ist der journalistischer Mehrwert? Noch drastischer passiert das bei TV Straßensound, wo die Rapper gerne hinkommen, weil sie erzählen können was sie wollen und keiner eine lästige Frage stellt. Andere Medien umgehen diverse Rapper stattdessen lieber, weil es von dort auch mal Widerspruch hagelt.

Doch auch bei den anderen HipHop-Medien von Backspin über Juice bis Splash!-Mag gibt es, wenn auch weniger offensichtlich, immer wieder verschmuste Berichterstattung (Mit Sicherheit bin ich da nicht ausgeschlossen). Zum einen, weil Autoren mit Rappern befreundet sind und es so in meinen Augen deutlich an Distanz mangelt. Vor allem aber gleichen die News-Sektionen vieler Rapseiten, in denen teils unkritisch die Aufmerksamkeit für brisante Musik multipliziert wird, weiterhin einem erweiterten Promoarm. Sich davon zu lösen, ist ein andauernder Prozess. Ich finde aber, dass sich die Lage seit Jan Wehns Text „HipHop-Journalismus 2014: Irgendwann schrieb ich nur noch nett.“ deutlich verbessert hat.

Ich würde mir nur wünschen, dass HipHop-Journalisten untereinander kritischer miteinander umgehen und nicht nur allgemeine Medien anklagen. Denn die kritisieren sich mit Sendungen wie Zapp – Das Medienmagazin, der Heute Show oder Medienseiten in den Tageszeitungen durchaus selbst. Wenn man sich also mehr auf die Finger schauen würde, dann müsste nicht erst ein Welt-Redakteur um die Ecke kommen, um in überspitzter Art und Weise auf die „Missstände“ hinzuweisen. Vielleicht würde er einen solchen Text dann gar nicht erst schreiben. Und wenn doch, dann wäre er deutlich leichter als Troll zu entlarven, als es aktuell der Fall ist.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

2 Comments

  1. Pingback: Zu kritisch?! - Falk über Staiger und die Schwierigkeiten bei Video-Interviews

  2. ManfredM.

    17. Dezember 2015 at 16:29

    Oder auch! Sei nett zu Bushido & Co. und Du wirst ein reicher HipHop-Journalist :D!

  3. Pingback: Die anderen nicht – und wir auch nicht!

  4. fuchs

    11. Dezember 2015 at 10:28

    Schöner, sachlicher Artikel der das Ganze endlich mal mit etwas Abstand betrachtet. Anstatt beleidigt auf Kritik zu reagieren (was wissen diese „Mainstream Medien“ schon von UNSEREM HipHop!!!) sollte der deutsche Rap-Journalismus das als Denkanstoß sehen und überlegen, ob man in Interviews nicht doch häufiger Aussagen kritischer hinterfragen soll. Da darf gerne mehr auf Konfrontationskurs gegangen werden. Ist sicher auch für alle Zuschauer spanndend zu sehen wie die Künstler dann damit umgehen.

    (Übrigens: bei der Verlinkung des Jan Wehn Artikels kommt man auf Apple.de)

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