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Klassiker über Umwege: 10 Jahre „Hell Hath, No Fury“

 

Pusha T muss man keinem Rap-Fan erklären, der auch nur mal fünf Minuten in seine Hip-Hop-Hausaufgaben rein geschielt hat. Als Präsident von Kanye Wests GOOD Music steht er einem der einflussreichsten Labels der Welt vor und droppt fast beiläufig alle zwei Jahre düstere Alben auf aller höchstem Niveau. Trotzdem liegt seine beste Veröffentlichung mittlerweile ganze zehn Jahre zurück. Mit seinem älteren Bruder (No) Malice und mit tatkräftiger Unterstützung der Neptunes ist es heute nicht nur ein unumstrittener Klassiker des Coke-Raps, sondern mindestens eines der besten Hip-Hop-Alben des neuen Jahrtausends. „Hell Hath, No Fury“ von Clipse ist ein wütendes Aufbegehren gegen ein Label, dass das Album fast in der Schublade hätte versauern lassen.

 

Noch viel weiter zurück als nur zehn Jahre, liegt die Geburt von Gene „Malice“ Thornton. Dieser kommt 1972 in der Bronx in New York auf die Welt, muss sich allerdings noch fünf Jahre gedulden, bis sein kleiner Bruder Terrence „Pusha T“ Thornton ihm Gesellschaft leisten. Schon in ihrer Jugend ziehen sie mit ihrer Familie die Ostküste ein Stück runter nach Virginia Beach, wo die beiden in einer der unangenehmeren Nachbarschaften aufwachsen und auf der Straße mit Drogen und Gewalt in Berührung kommen, was ihre Musik thematisch durchzieht. Wer über Coke-Rap redet, kann den riesigen Koksberg, der sich 1992 noch Jarvis und kurze Zeit später dann Clipse nennt, nicht unter den Teppich kehren. Vom lyrischen Talent begeistert zeigt sich relativ früh ein gewisser Pharrell Williams, der ihnen als prominenter Fürsprecher 1996 einen ersten Vertrag bei Elektra Records beschert. Doch obwohl eine erste Platte mit dem Namen „Exclusive Audio Footage“ bereits aufgenommen ist, ist die Vorabsingle „The Funeral“ dem Label nicht erfolgreich genug und so erscheint das Album nie offiziell. Wer sich das Album heute digital besorgt, um am Stammtisch zu beeindrucken, stolpert nicht nur über reihenweise Features von Pharrell, sondern auch von Kelis, Kurupt und Noreaga.

Dass die beiden Thornton-Brüder mit diesem Potential nicht für großes prädestiniert sind, will auch Pharrell nicht einsehen und so gibt er ihnen 2001 eine weitere Möglichkeit, ihr erstes Album zu veröffentlichen. Er nimmt sie beim neugegründeten, Neptunes-eigenen Label Star Trak Entertainment unter Vertrag und ein Jahr später erscheint endlich das poppige „Lord Willin’“ die Plattenläden. Mit der Leadsingle „Grindin’“ im Gepäck schwingt sich das Debüt locker zum Goldalbum auf und Clipse scheinen endlich angekommen. Doch dann zerschießen Labelkomplikationen ihnen vollkommen das Momentum.

Eigentlich gut gelaunt durch den Erfolg des Vorgängers beginnen Malice und Pusha T 2003 die Arbeit an dem Album, das später den Namen „Hell Hath, No Fury“ tragen und ihren Status weiter ausbauen soll. Als Sony und BMG allerdings eine umfangreiche Partnerschaft beschließen, landen sie als Künstler von Arista Records, zu den Star Trak Entertainment gehört bei Jive Records. Und die haben so gar keine Lust auf die neue Musik von Clipse, sondern legen ihren Fokus auf vermeintlich kommerziellere Künstler. Ein Veröffentlichungszeitpunkt für ihr Zweitwerk rückt für die beiden Brüder in weite Ferne und gefrustet verklagen sie das Label irgendwann. Ganze drei Jahre dauert der Prozess und während sie zumindest als Re-Up Gang mit Ab-Liva und Sandmann Mixtapes releasen, schaukeln sich die Emotionen des Duos hoch, sie verwerfen ihre ersten Songs und nehmen eine ganz neue Platte auf. Eine nervenzehrende Probe auf menschlicher Ebene, aber ein absoluter Glücksfall für Rap-Fans weltweit, wie sich später herausstellen wird. Im Mai 2006 ist endlich eine – wenn auch halbgare – Lösung gefunden und so können Pusha T und Malice Ende 2006 in den USA und am 12.Januar 2007 in Deutschland endlich „Hell Hath, No Fury“ auf ihrem eigenen Label, aber trotzdem in Zusammenarbeit mit Jive veröffentlichen.

Wahrscheinlich in Folge der ganzen Widrigkeiten wird das zweite Album von Clipse aber kein riesiger Erfolg. Nur 78.000 Einheiten verkaufen sich in der ersten Woche in ihrem Heimatland und das obwohl die Presse das Album vollkommen zurecht in den Himmel lobt. Die XXL vergibt sogar sagenhafte fünf Sterne, die bis heute fast unmöglich zu erreichen scheinen. Von der Industrie verkannt und in seiner Perfektion so selten, gehört „Hell Hath No Fury“ auf die rote Liste der gefährdeten Alben, die es zu bewahren gilt, das ist schon kurz nach der Veröffentlichung klar. Die Scharade hinter den Kulissen ist längst auch der Öffentlichkeit bekannt und so bekommt die flammende Wut eine besondere Eindringlichkeit. Die Attitüde, die die 48 Minuten Musik vermittelt, klingt, als würde Malice in der Chefetage ins Chefbüro spazieren und in den Champagner spucken, während Pusha im Flur Koks vom Kopierer zieht und die Sekretärin vernascht. Dabei sind die Songs trotzdem erneut eingängig wie ein spärliches Menü. Denn auch Pharrell klingt nach viel seichtem Pop, den er in den Monaten zuvor produziert hatte, als hätte er so richtig Bock, Clipse endlich ein Denkmal zu setzen.

Dabei wird kaum ein Element aus der Plug-In-Bibliothek ausgelassen. Obligatorische 808s („Trill“), stehen auf dem Album neben ruhigeren Orgel- und Gesangsstücken („Nightmares“) oder dem Wahnsinnssong „Keys Open Doors“, der Glocken- und Chor-Beat (sic!) vereint und trotzdem auch zehn Jahre später noch frisch klingt. Einzig markante Bässe findet man kaum und wenn ist es eher die eigene Vorstellungskraft die einsekündige Bassdrums automatisch zu Flächen ausdehnt. Nach heutigen Maßstäben quasi unvorstellbar.

Zusammengehalten werden die fast schon überexperimentierfreudigen Produktionen durch die geerdete Präsentation der beiden Künstler im Auge des Sturms, den die Neptunes aus den Fluten emporgehoben haben. Während der ältere Malice eher durch persönliche Texte und Geständnisse mit familiären Motiven punktet, ist vor allem die Delivery der Punchlines von Pusha T so on point, dass man seine Uhr danach stellen kann. Deswegen ist es auch leicht zu vernachlässigen, dass es den Großteil der Platte eben doch „nur“ um Coke-Rap geht. „All I want to do is ride around shining while I can afford it / plenty ice on my neck so I don’t get nauseous“, rappt Malice auf „Wamp Wamp (What I Do)“ und auf „Dirty Money“ fügt Pusha im Refrain hinzu: „Ass in La Perla, ears full of pearls / damn dirty money know how to treat the girls“. Drogen-Rap war selten so verspielt, aber gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt gefährlich und glaubhaft.

Wenn die Platte nach nur 12 Songs schon vorbei ist, ist das eine weitere besondere Qualität. Es hat sich keine Erschöpfung durch nervige Skits oder Füllmaterial eingestellt. Viel eher verzehrt man sich schon nach der nächsten Dosis vom selten Stoff, der direkt in die Ohren und dann in den Kopf und in die Glieder schießt. Der Nachfolger „Til The Casket Drops“ von 2009 schafft es leider nicht, die Qualität seines Vorgängers zu halten. Noch in einem Interview 2013 ließ Pusha T übrigens einen potenziellen Namen für ein viertes Album verlauten, für das Kanye West und (natürlich) Pharrell als Produzenten in Frage kommen sollten. Doch während schon 2010 war das Ende von Clipse beschlossen, denn Pusha T machte sich als Solo-Künstler einen Namen und Malice hatte zu Gott gefunden und sich mit jedem weiteren musikalischen Output ein Stück mehr von der Musik des Duos verabschiedet. Wahrscheinlich wird das nächst Clipse-Album niemals erscheinen. „Hell Hath, No Fury“ wird ihnen trotzdem niemand mehr nehmen können. Und so ganz genau weiß man bei den Gebrüdern Thornton ja nie.

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