Weekend: „Ich bin stolz darauf Musik zu machen, die ich selbst mag.“

Keiner ist gestorben

„Keiner ist gestorben“. Und doch scheint Weekend kurz davor. Zumindest auf dem Cover seiner neuen Platte, welche eben jenen Titel ziert. Der Gelsenkirchener segelt von seinem Rad in Richtung Bordstein. Ausgang Ungewiss. Musikalisch geht Weekend mit seinem dritten Solo-Album den Schritt nach links. Er positioniert sich deutlich. 90 BPM, harte Drums, klare Punchlines. Nachdem zwei Alben lang vor allem sein eigenes Leben und Alltagsgegner wie die Ex-Freundin oder die verschwundene Fernbedienung gebattelt wurden, gibt die Gesellschaft und auch das Rapbiz Weekend nun neue Gegner. An einem Vormittag kurz nach der Bundestagswahl, die nicht wenigen ein unwohles Gefühl hinterlassen hat, sprachen wir über Gutmenschentum, deutsche Musikkultur und seine neue Platte, die bereits diesen Freitag erscheint. Leblos wirkt Weekend dabei keineswegs.

Keiner ist gestorben

Der Titel deines Albums lautet „Keiner ist gestorben“. Was ist deine Interpretation des Titels?

Das ist ein emotionales Ding. Ein schultern-zuckendes Versuchen positiv zu denken, aber dabei an einer stelle Ansetzten zu müssen, die sehr spät kommt. Wenn ich da erst ansetzten muss, dann kann einiges nicht stimmen. Mit „Keiner ist gestorben“ meine ich natürlich im Endeffekt auch nicht, dass niemand gestorben ist, sondern tatsächlich jetzt gerade wo ich hier stehe niemand um mich herum. Es geht uns schlecht, aber wir sind alle noch da.

Also hat der Titel kein Hip-Hop-Kontext, sondern kann eher eher gesamtgesellschaftlich gesehen werden? 

Es hat eigentlich nicht so richtig einen Hip-Hop-Kontext. Also ich finde Hip-Hop ist gesamt-gesellschaftlich zu sehen. Ich finde Deutschrap ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ist auch so ein bisschen ein Symptom davon, wie die Gesellschaft gerade funktioniert. Das kann man glaube ich ganz gut verknüpfen und das tue ich ja auch auf dem Album relativ oft. Ich rede gleichzeitig über Rap, aber dann irgendwie doch nicht mehr so richtig.

Du benutzt ja auch den Begriff „Gutmensch“ ein wenig wie einen roten Faden für das Album. Wie definierst du diesen Begriff für dich?

Das ist für mich die fehlende Handlungsmaxime. Ich möchte einfach gerne einer sein. Das gelingt mir mal besser und mal schlechter, aber ich finde das könnte das oberste Ziel sein. Wenn ich das auf mein Dasein beziehe fänd’ ich es cool, wenn ich am Ende wirklich glücklich war und vielleicht auch Menschen um mich herum glücklich gemacht habe. Das ist doch fast die Hauptsache. Gut sein und gutes tun ist doch eine ganz schöne Herangehensweise. 

Das stimmt. Das ist vor allem auch eine viel schönere Definition, als dieser stereotypisierte Beleidigungscharakter, der aktuell vorherrscht beziehungsweise von Rechts verbreitet wird. 

Natürlich ist das auch ein ad absurdum führen des „Gutmenschen“-Begriffs, der ja auch ’ne Zeitlang negativ belastet war. Wobei ist es das noch? Ich weiß es nicht. Aber es ist nicht nur eine trotzige Reaktion auf so Sachen wie Pegida oder AfD. Das ist nicht die einzige Ebene, das geht auch drüber hinaus. 

Gab es einen bestimmten Punkt, der das Album oder eben die Wut, die durch das Album führt, ausgelöst hat oder war das eine Entwicklung?

Ich glaube es ist eigentlich eher eine Entwicklung. Ich weiß jetzt gar nicht ob das Album so wütend ist. Obwohl ja doch, eigentlich schon. Ich finde es manchmal sehr resignierend, manchmal wütend, manchmal endet es im Aktionismus, manchmal auch nicht im Aktionismus. Es hat schon verschiedene Emotionen freigegeben, aber Wut ist glaube ich die häufigste. Es gab allerdings keinen krassen Punkt, das war eher eine Entwicklung.

„Ich habe auch noch nie einen Nazi auf der Straße in meiner Heimatstadt gesehen.“

Man kann ja auch nicht mehr genau sagen, ab wann man dieses schlechte Gefühl hatte. Ich stehe jetzt eben da und habe dieses Gefühl im Bezug auf gewisse Dinge, habe ein bisschen meine Sicherheit verloren. Ich hatte eigentlich immer ein gewisses Vertrauen darin, dass die Dinge einfach laufen. Ich habe auch noch nie einen Nazi auf der Straße in meiner Heimatstadt gesehen. Das war nie ein Ding für mich. Ich war in der Theorie wie jemand, der gesagt hat ich würde mich schon eher links verorten und natürlich bin ich gegen so etwas wie Fremdenfeindlichkeit. Aber ich wurde nie auf die Probe gestellt, weil es das im offenen Stadtbild bei uns gar nicht gab. Du warst auf der Schule und da war dann eben jeder Zweite jemand, der einen Migrationshintergrund hatte und es gab gar nicht so den Moment wo man was kennenlernt und das wäre irgendwie komisch gewesen. Ich bin halt damit aufgewachsen, dass viele Kulturen zusammen leben und alle das auch cool finden und man das nicht hinterfragen muss. Jetzt ist das nicht mehr so und das ist schon ein Schlag in die Fresse. Aber seit wann das genau ist, weiß ich nicht. Ich rede ja auch viel über Rap. Und seit wann ich das Gefühl habe, Rap redet nur an der Gesellschaft vorbei, weiß ich auch nicht. Es geht immer nur um Singles, keiner hat mehr irgendwas zu sagen und Songs bestehen nur noch aus so 30 Wörtern, die dann ganz oft wiederholt werden. Am Anfang fand ich das auch geil, aber irgendwann dachte ich auch nur noch so „Ey jetzt schreib doch mal was auf den Beat.“ 

Kann ich nachfühlen diese Entwicklung.

Ich will auch gar nicht hier stehen und haten. Ganz im Gegenteil ich finde voll viele Sachen, die gerade passieren, super geil. Das Ding ist das sind dann irgendwie so zehn Leute und darauf kommen wieder 250, die das Ganze verwässern. Ich kann nur diese zehn Leute hören und habe genug Musik für mein Leben. Ich kann das aber alles nicht mehr filtern. Gefühlt rappt jeder Mensch in Deutschland und ich habe Schwierigkeiten die zu finden, die krass sind. Du wirst so zugeschwämmt mit Leuten, wo der das gleiche macht wie der. So erleben gewisse Charaktere gefühlt ihren vierten Sommer, indem sie das nachmachen, was gerade jemand anderen erfolgreich macht. Das ist mega anstrengen. Deswegen verliere ich die Lust. 

Sehe ich ähnlich wie du. Das merkt man auch ganz stark hier im Redaktionsalltag, gerade bei Newcomer anfragen, wie wenig bis gar nichts Neues überhaupt noch dabei ist. 

Man denkt ja auch immer so „das müsste jetzt durch sein“. Wir haben das mit Straßenrap gesehen, dann haben wir das mit Rap auf Indie-Beats gesehen und dann haben wir das gesehen mit deutschen, blonden Jungs, die die Punchlines auf irgendwie Off-Beats runter rattern. Man hat so das Gefühl, eigentlich müssten die Leute das doch checken und auch die, die gerade anfangen Musik zu machen oder die, die schon lange Musik machen, dass du was eigenes machen solltest. Es ist ernüchternd, dass gerade für die nächste Phase gleichzeitig 200 Rapper denken man müsste Afro-Trap machen. Nur weil ein Album durch die Decke geht, rappen jetzt alle auf komische Reggeaton-Beats. Das geht finde ich ganz krass nach Hinten los. Mega unangenehm. Nichts gegen „Palmen aus Plastik“, aber ich brauche nicht noch ein Zweites, geschweige denn siebenhundert Alben davon.

Ich glaube allerdings auch, dass das allgemein die deutsche Musik-Kultur ist und nicht nur Hip-Hop.

Ey ich habe vorhin noch ein Gespräch darüber geführt. Genau über das. Wenn wir über Jahre erzogen werden, so Musik zu hören, brauchen wir uns doch gar nicht beschweren. Kendrick Lamar in Deutschland. Wie viele Platten würde Kendrick Lamar in Deutschland verkaufen? Ich sagen 300 bei HVV auf Vinyl. Wir haben keine Kultur, wir kennen das nicht. Wir haben FM-Bums-Mukke.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt seinen Charakter ganz gut.

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