T9: „Unser Empfinden von der Platte ist sehr unterschiedlich.“

T9

Unter dem bildreichen Titel „Plastik aus Gold“ haben T9 den Rahmen für ein Dutzend neuer Tracks geschaffen. Zwischen klassischem Boom Bap, selbsternannten seichten Trap-Auswüchsen und einem charmanten 80er Jahre Vibe, siedelt sich die originelle Soundkulisse aus Torky Torks Feder an. Vereint mit Doz9s markanter Delivery und starker Reimtechnik, wird nun zum bereits dritten Mal der einprägsame T9-Stil auf einem Album festgehalten. Wir haben mit Doz9 und Torky Tork über die Entstehung und das Empfinden ihres aktuellen Werks gesprochen und uns Anekdoten zwischen den Zeilen erzählen lassen.

Für die letzten beiden Alben hat ihr euch kurzzeitig von der Außenwelt abgekapselt – wie sah dieses Mal der Entstehungsprozess aus?

Doz9: Abstrakt gesagt haben wir uns wieder abgekapselt. Eigentlich sogar noch stärken als sonst, weil wir die ganze Zeit in einem Raum ohne Fenster verweilt haben.

In Berlin?

Torky Tork: Wir müssen es leider auflösen und zugeben: Wir haben eine Story gebaut, dass wir hier und dort waren. Aber es ist relativ schnell aufgeflogen, glaube ich. Spätestens mit diesem Interview.

Doz9: Es war zeitlich nicht drin für einen längeren Zeitraum weg zu fahren. Darum sind wir in Berlin geblieben, aber haben die Arbeitsweise beibehalten – Kompromisslos arbeiten, von null auf hundert und dann ist die Session vorbei.

Ich kam nach wie vor unvorbereitet an und wir sind mit einem Track raus gegangen.

Wenn man die Arbeitstage des Prozesses zusammenzählt war es auch nicht länger als eine Woche. Nur die Abstände zwischen den Tagen waren dieses mal etwas länger.

Wie seid ihr das Album angegangen?

Doz9: Wir haben uns schon gesagt: „Es ist jetzt das Dritte, jetzt müssen wir charten!“.

Torky Tork: Jetzt oder nie.

Doz9: Ne, Quatsch. Wir haben es nach wie vor so gemacht, wie es sich für uns richtig anfühlt. Unser Empfinden von der Platte selber ist da sehr unterschiedlich. Torky findet sie noch sperriger und noch unzugänglicher als die Platten davor – Ich persönlich finde sie viel zugänglicher als die davor. Im Ganzen würde ich sagen, dass wir schon homogen in der Arbeitsweise, im Soundbild und in der Ästhetik geblieben sind.

Das Album trägt den Titel „Plastik aus Gold“ wie darf man das verstehen?

Doz9: Du spielst mit dieser 187 Assoziation an. Damit hat das aber gar nichts zu tun. Es ist mir erst aufgefallen, als mich ein Kumpel darauf aufmerksam gemacht hat: „Warum pisste die jetzt an?“ – Das ist gar nicht meine Intention. Der Titel ist aus einer Idee entstanden: Unsere Vinyl ist Gold. Wir wollten so eine Art Bastel-Kit machen, wie du dir selber deine eigene goldene Schallplatte machen kannst – Die Teile waren alle aus Plastik.

Torky Tork: Unser Grafiker und Fotograf Robert Winter hat uns davon abgeraten, weil Kollegah gerade erst eine Box mit einer ähnliche Idee raus gebracht hat. Er meinte, dass es zu nah dran wäre und wir das biten würden. Aus dieser Idee ist nur der Titel „Plastik aus Gold“ übrig geblieben.

Doz9: Der Move an sich, dieses Plastik zusammenzubauen und eine goldene Schallplatte zu bekommen, ist eine schöne Metapher: Man sagt es ist nicht alles Gold was glänzt, aber auch nicht alles was Gold ist, ist gleichzeitig wertvoll. Den Titel kann man als Metapher verstehen, aber auf keinen Fall als Seitenhieb an 187.

In eurer Album-Tracklist finden sich Sonne Ra, Döll und Karate Andi, wie sind die Features zustande gekommen?

Torky Tork: Sonne ist immer auf unseren Platten. Er war bis jetzt auf jeder Platte drauf, der gehört sozusagen zum Inventar.

Doz9: Ein Feature mit Karate Andi stand auch seit Jahren im Raum. Allerdings tue ich mich da auch immer ein bisschen schwer sofort des Tracks wegen Musik zu machen. Es gab dann diese Track-Idee, auf den er gut drauf passt. Wobei ich auch nicht finde, dass wir so weit voneinander weg sind. Er ist halt nur ein bisschen expliziter.

Torky Tork: Und mit Döll haben wir einfach viel gemacht. Ich habe viel bei der Platte produziert, die sie gemacht haben. Die hängen auch ständig bei uns ab. Es war auch eigentlich einfach mal Pflicht sozusagen.

Doz9: Wir haben auch überlegt, wer würde auf „Doztorkevsky“ passen, wer macht da Sinn? Da waren wir dann schnell bei Döll. Er passt perfekt darauf.

Torky Tork: Er  macht ja genau die Patterns von Doz9 nach, der Verse ist ja einmal gespiegelt, sozusagen.

Doz9: Oder auf seine Art und Weise interpretiert.

Existiert ein Song der besonders viel Arbeit, Nerven und Zeit gefressen hat?

Torky Tork: Er kommt jetzt bestimmt mit irgendwas, für mich war das alles gleich.

Doz9: Definitiv! „Univerzoom“, der erste Track nach dem Intro. Es ist chronologisch der erste Track der aufgenommen wurde, dass ist sowieso immer schwierig. Der Track ist für mich so voller Unbehagen. Der geht nicht richtig nach vorne, ist aber auch nicht gechillt. Gerade für den Eingang in ein Album ist er sehr anstrengend. Man muss schon fast ein Nerd sein, um den greifen zu können. Ich hatte keine Vision von dem Track und habe ihn einfach so gemacht, wie ich ihn gefühlt habe. Mittlerweile feiere ich den und freue mich den auch live zu spielen. Ich bin gespannt wie der funktionieren wird. Ob der entweder voll der Leerfeger ist, oder tatsächlich cool, weil der untenrum ein bisschen Druck macht. Ich finde das Album wird von Track zu Track aber auch immer fluffiger.

Gibt es einen Lieblingsbeat und eine Lieblingsline?

Torky Tork: Ich kann sowas gar nicht sagen. Ich kann dir auch nicht sagen welcher Song mir am besten gefällt, da sie alle gleichwertig auf irgendeine Art und Weise sind. Wir hatten auch wirklich Schwierigkeiten zu sagen, was der erste Hit ist. Die erste Single ist jetzt „Bimmies im Club“, weil der am meisten Reaktionen hervorgerufen hat. Lieblingsbeat kann ich nicht sagen. Ich finde „Familienfotos“ ist irgendwie ganz spannend, weil er sich die ganze Zeit ändert. Der hat auch dieses Vocal Sample, worauf Doz9 dann antwortet. Der ist auch kein Brett, aber man könnte sagen er ist vielleicht am interessantesten.

Doz9: Ich finde „Mein Freund“ am coolsten.

Torky Tork: Da finde ich den Beat total langweilig.

Doz9: Ich fand den zunächst auch belanglos. Ich fand den aber immer stärker, weil der ein schönes Gefühl mit sich transportiert. Der hat Ghettoromantik, würde ich sagen. Ich bin mit jedem Track recht zufrieden, aber der hat sich für mich noch so richtig gemausert.

Ihr habt beide einige andere Projekte.  Wie unterscheidet sich da die Arbeit mit der von T9?

Doz9: Wir sind schon eine Band, kann man sagen. Für mich ist T9 momentan das Main-Projekt.

Torky Tork: Ich kann eigentlich alles machen. Ich kann jedes Tempo vorgeben oder jedes Sample oder total weirde Beats machen, wo sonst niemand drüber rappen würde, weil es nicht ihr Stil ist oder weil sie es nicht können – Du kannst dem egal was geben und der zerpflückt dir das. Wir suchen irgendein Sample raus, dann mache ich den Beat, währenddessen schreibt er und wenn ich einigermaßen fertig bin, ist der auch fertig und dann wird der Song aufgenommen. Und dadurch ist das total harmonisch – es passt alles.

Wie groß ist der Einfluss von euch aufeinander? 

Doz9: Es ist schon synergetisch. Ich sage ihm: „Lass mal die Drums an der Stelle raus“, oder er sagt mir: „Setz mal lieber hier ein oder formulier das lieber so“ – es ist schon immer eine stetige Absprache. Durch das enge Zusammenarbeiten kann man davon ausgehen, dass man auch die gleiche Vision hat.

Wenn man die gleiche Vision hat, kann auch jeder pointiert sein und seinen Teil dazu beitragen und sicher gehen, dass der andere auch versteht, was er jetzt damit machen möchte.

Wie ist das mit Musik von außerhalb – Was habt ihr so während der Produktion gehört und was hat euch Input geliefert?

Doz9: Ich höre eigentlich gar nicht so viel Rap. Ich höre tatsächlich in letzter Zeit sehr oft Klassik im Auto. Ab und zu pumpe ich schon Rap, dieses Ganze Griselda Zeug, Westside Gunn und Conway. Da würde ich jetzt aber nicht behaupten, dass es Einfluss genommen hat auf das was wir gemacht haben.

Torky Tork: Ich höre mir schon aktuelle Sachen an. Es wird in letzter Zeit schon cloudiger, bzw. eher fast trappiger bei mir. Ich bezeichne es gerne als Boom Trap. Es ist nicht eins zu eins Trap, sondern eher nur die Drums und die Geschwindigkeit. Das hört man bei dem Album nicht wirklich.

Ich glaube es ist gerade ein weirder Übergang bei mir.

Es gibt so ein paar Rhythmen, die in die Richtung gehen – wobei es auch die klassischen Produktionen gibt, wie „Mein Freund“ oder „Treppengeländer“.

Doz9: Ich fand eigentlich gerade spannend damit zu spielen: Mit den Geschwindigkeiten von Trap, mit Halftime und Triolen.

Torky Tork: Er kann halt über alles in seinem eigenen Style drüber gehen und nicht in diesem typischen Flow, den man auf typische Trap-Beats macht. Ich könnte glaube ich auch gar nicht so einen typischen Trap-Beat machen. Das würde mir wahrscheinlich gar nicht gelingen.

Dadurch ist es eben so eine komische Melange aus alten und neuen und eigentlich auch jenseits von alldem.

Wenn ich jetzt sage da sind Trap-Einflüsse, dann werden es die Leute vielleicht gar nicht hören. Eher die Tempi, Rhythmen und so. Wahrscheinlich ist es den Boom Bap Leuten schon zu modern, zu weird oder nicht stringent genug und den Trap Leuten ist es zu off und zu Boom Bappig.

Eine Anlehnung an die beiden Vorgängeralben findet sich auf dem Cover mit dem ausgestreckten Arm mit dem Handy in der Hand wieder – Wer ist für das Artwork verantwortlich und was hat es damit auf sich?

Doz9: Robert Winter hat das Artwork gemacht. Außer das erste Cover, dass ist tatsächlich Torkys Hand. Mit einem alten Telefon ein Selfie zu machen hat auch wieder eine coole Ebene. Dann haben wir es beim Zweiten auch gemacht – Robert Winter hat voll abgekotzt und gesagt: „Ihr macht das beim Vierten nicht nochmal!“ Die Hand muss immer gleich groß sein, du kannst es aber nicht nochmal exakt so fotografieren.

Torky Tork: Beim letzten Cover hatten wir den Arm als Sticker darauf geklebt – Auf der Plastikhülle war ein großer Sticker, darunter war die Vinyl und du konntest immer drei verschiedene Cover auswählen.

Doz9: Und dieses Mal hat der den Sticker, den wir da hatten, abgerissen und hat das neue Cover gebastelt und abfotografiert. Das ist eine Collage.

Man sieht zum ersten Mal Menschen darauf – hat das eine höhere Bedeutung?

Doz9: Das ist unser Management.

Torky Tork: Wir wollten eigentlich die Leute verarschen und glauben machen, dass wir in Tokio waren, um das Album aufzunehmen.

Doz9: Wobei das auch unmöglich gewesen wäre in Japan aufzunehmen, weil ich gar nicht so lange fliegen kann. Bei dem nächsten Album, was auch schon bald fertig ist, wird es bestimmt auch nochmal eine Session geben wo wir wegfahren. Das ist schon geil, wenn du einfach wegfährst. Wenn du einen schlechten Tag hast kannst du trotzdem ganz bestimmte Ressourcen und Denkweisen aufrufen.

Wie geht es nach Release für euch weiter?

Torky Tork: Wir haben eine Tour im Februar, Schlussakt ist dann vorerst Tapefabrik. Die andere Platte ist auch schon in der Mache – die ist eigentlich schon relativ weit, wie man auch an unserer Promo gesehen hat: Unser erstes Video war die erste Single vom vierten Album, als Promotion fürs dritte Album. Dieser Song ist nicht auf der jetzt erscheinenden Platte, der ist dann auf der nächsten.

Doz9: Der Vorverkauf vom Dritten läuft schon länger, aber es hat noch nie jemand ein Stück von diesem Album gehört. Das ist mal eine Promostrategie die top läuft. Die Leute, die die T9 Sachen auf dem Schirm haben kaufen die neue Platte einfach blind, weil sie sich darauf verlassen, dass die bei den alten Sachen anschließt. Ich hoffe, dass sie nicht enttäuscht werden.

Auf der nächsten Seite geht es weiter mit der Tracklist konkret. 

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Meine Mehr- oder Wenigkeit heißt Anna. Ich bin hier, um straight aus dem Gangstarap-Richterstuhl mein Urteil fällen zu können.

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