Moses Pelham: „Ich will glücklich sein“

„Rap ist, wo er hingehört, Bitch, Frankfurt am Main“.
Mit „Herz“ erscheint heute das neue Studioalbum von Moses Pelham.
Gleichzeitig stellt „Herz“ das erste Album nach der „Geteiltes Leid“-Trilogie dar.
In Berlin haben wir uns mit dem Frankfurter Rap-Urgestein zum Zwischen den Zeilen Interview getroffen und mit ihm über die Entstehung der Platte gesprochen. Weiter sprachen wir mit ihm über sein Mitwirken der TV-Sendung „Sing meinen Song“ und die Auswirkung auf sein Schaffen, seine neu gewonnene Positivität, wieso er so sehr am Medium CD hängt und vieles mehr.

Moses, heute erscheint dein neues Album „Herz“. Die erste Frage, die sich stellt: Wie kam der Albumtitel zustande?

Moses Pelham: Wenn du 15 Jahre Musik machst und Alben oft ihren Vorgänger weiterführen, bist du natürlich ganz außer dir, wenn du dir mal einen neuen Titel ausdenken kannst. Das war wirklich eine Situation, die ich lange nicht hatte. Ich habe bestimmt drei Word-Seiten voll mit potenziellen Titeln und es hat mir auch Spaß gemacht, mir darüber Gedanken zu machen. Am Ende sprach einfach vieles für „Herz“. Ich weiß seit ca. zwei Jahren, dass die Platte so heißen wird. Inhaltlich kam dieses „Herz“-Thema immer wieder auf und ist wahrscheinlich die Essenz des Ganzen.
Ganz unromantisch: Ein Kollege von mir hat einen Sticker mit Moses Pelham Schriftzug gemacht, unten sah man außerdem noch ein Herz. Das hat mir gut gefallen und über die Zeit wurde es mir immer klarer, dass dieses Album einfach „Herz“ heißen muss.

Kannst du noch weitere Titel nennen, die für dich in die engere Auswahl kamen?

Moses Pelham: Ein Titel, für den zumindest mal ein Layout existiert hat, ist „Die Schreibmaschine Gottes“, aber das ist schon wieder so angeberisch. Am Ende hätte ich mich damit niemals wohlgefühlt.

Kannst du ein paar konkrete Thematiken nennen, die auf dem Album Platz finden?

Moses Pelham: Das ist schwer zu sagen, es ist immerhin kein Aufsatz. Die Dinge, die sich durch das ganze Album ziehen, sind Herz und Vernunft. Auch bei „You remember“ ist der Überbegriff ja zum Beispiel auch ganz klar Liebe. Es werden auch zwei, drei Details aus der Vergangenheit beschrieben, über die ich auch mal anders geschrieben habe. Ich habe nicht nur gute Erinnerungen aber ich werde mein Leben nicht damit verbringen, in Groll auf irgendetwas zu schauen. Ich will das Gute sagen, ich will mich lieber darauf konzentrieren.

Das klingt, als hättest du deinen Frieden gefunden.

Moses Pelham: Ich will auch glücklich sein. Es hängt davon ab, worauf ich meinen Blick richte. Wobei das nichts mit settlen oder so zu tun hat, so ist das nicht gemeint. Das ist ein sehr aufrichtiger Wunsch. Nach der „Geteiltes Leid“-Trilogie, die 15 Jahre meines Lebens eingenommen hat, kann ich folgendes sagen: Als ich damit anfing, suchte ich etwas ernsthaftes in meiner Kunst, das große Gefühl. Aber ich glaube, ich habe die Tiefe und Ernsthaftigkeit, nach der ich mich grundsätzlich in der Kunst sehne, auch gern mal mit einem Abgrund verwechselt. Ernsthaftes mit großem Leid. Wie ich im Intro von „Geteiltes Leid“ schon fast prophetisch sagte, ist es nicht nur so, dass ich auf das Leid geleuchtet habe, damit es seinen Schrecken verliert – ich habe natürlich auch mehr nach diesem Leid gesucht und im Endeffekt auch gefunden. Dann habe ich nicht nur Tracks darüber gemacht, sondern das ist auch eine Art, auf die Welt zu schauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Umstand auch die eine oder andere negative Auswirkung auf mein Leben und meinen Blick auf die Welt hatte. Einen großen Teil meines Lebens habe ich darauf ausgerichtet, vernünftige Kunst zu schaffen. Aber ich sage, dir, würde ich vor viel Wahl gestellt: Willst du große Kunst schaffen oder willst du glücklich sein? Ich will glücklich sein.

Was hat im Endeffekt deine Sicht auf die Welt verändert und dazu geführt, dass du deinen Blick nicht ausschließlich auf Leid gerichtet hast?

Moses Pelham: Ich finde spätestens ab „Ein schöner Tag“ auf „Geteiltes Leid 2“ merkt man, dass ich mich als Mensch nach einer gewissen Positivität sehne. Wenn du mit einer Situation unglücklich bist, verstehst du irgendwann, dass du selbst das einzige bist, über das du die Kontrolle hast. Dann fang ich doch da mal an, etwas zu ändern.

Bevor wir noch tiefer auf die inhaltliche Wende in deiner Musik eingehen, lass uns kurz über die Deluxebox deines Albums sprechen. Was hältst du generell von diesem Deluxeboxen-Kosmos im Deutschrap?

Moses Pelham: Ich habe mich immer sehr nach Instrumentals gesehnt und das nicht nur bei meinen eigenen Stücken.

Das ist witzig, dass du das sagst. Ich höre von Freunden oft nur die andere Seite. Besonders, wenn man Musik digital konsumiert und bei Streamingdiensten ein Album auf Zufallswiedergabe laufen lässt, werden ab und auch die Instrumentalversionen gespielt. Ich kenne hauptsächlich Leute, die davon genervt sind.

Moses Pelham: Ich hänge ja sehr am Medium CD und würde auch im Leben nicht auf die Idee kommen, mir ein Album in Zufallswiedergabe anzuhören.

Weil dir die Stringenz eines Albums dazu zu wichtig ist?

Moses Pelham: Ja, voll. Ich hänge an der Idee des Albums. Ich höre diese beispielsweise 12 Stücke von Anfang bis Ende und hoffe, dass sich irgendjemand Gedanken darüber gemacht hat, in welcher Reihenfolge die stehen. Ich habe das zumindest getan.

Der Trend bewegt sich ja momentan dahin, eigene Playlisten zusammenzustellen und Alben dementsprechend zu zerpflücken. Damit geht der rote Faden einer Platte natürlich vollkommen verloren.

Moses Pelham: Total. Ich bin auch ein großer Freund des Mixtapes gewesen früher. Ich verstehe, wenn man ein Album unzählige Male gehört hat und die zwei Lieblingsstücke anschließend in eine Playlist einordnet. Tut man dies allerdings beim ersten Hören, bleibt einem die Möglichkeit verwehrt, Schönheiten auf den zweiten und dritten Blick zu erkennen.

Da bin ich bei dir. Wie realistisch ist die Befürchtung, dass das klassische Medium CD demnächst künftig ausstirbt?

Moses Pelham: Jedes Medium bringt gewisse Eigenarten mit, die ihre Vor- und Nachteile haben. Ich glaube, dass das Medium LP im Moment keine Gefahr läuft auszusterben. Das liegt auch an die Renaissance des Vinyls.

Eine sehr schönes Phänomen, wie ich finde.

Moses Pelham: Ich muss sagen, ich hänge nicht am Vinyl. Ich tat es mal. Irgendwann habe ich aber eingesehen, dass das, was ich versuche abzubilden, auf einer CD viel geiler abzubilden ist als auf einer Vinyl.

In Sachen Soundqualität ist es ja auch ein völlig anderes Hörerlebnis, ein Album auf Vinyl zu hören oder es online zu streamen.

Moses Pelham: Für mich muss es auch noch etwas dazwischen geben. Wenn wir nur über Audioqualität reden, ist weder Musik auf Vinyl noch die runtergerechnete Soundvariante bei Streamingdiensten irgendwo in der Nähe von dem, was ich als optimal bezeichnen würde.

Was wäre denn für den normalsterblichen Musikkonsumenten da draußen in deinen Augen die beste Möglichkeit, Musik zu konsumieren?

Moses Pelham: Qualitativ ganz einfach die CD. Ich raffe nicht, wieso es im Audiobereich allen egal ist, aber jeder einen HD-Fernseher hat und du dir auf iTunes irgendwelche schlechten TV-Serien in HD runterladen kannst.

Das war ein sehr passender Vergleich. Lass uns mal über Feedback zu „Herz“ sprechen. Wer sind die Leute in deinem Umfeld, deren Meinung du dir während eines Produktionsprozesses einholst?

Moses Pelham: Menschen, von denen ich weiß, meine Musik ist in ihrem Leben und von denen ich mich gut verstanden fühle. Ich habe einen Homeboy, der auch rappt. Vor ein paar Wochen habe ich ihn eingeladen, weil ich ihm gern mein Album vorspielen und wissen wollte, was er dazu sagt.

Und was hat er schlussendlich gesagt?

Moses Pelham: Er meinte danach zu mir: „Ich sag’s dir ganz ehrlich. Ich hatte ein bisschen Angst, weil ich mich gefragt habe, wie du „Geteiltes Leid 3“ toppen willst – aber: Läuft bei dir“. Das fand ich sehr schmeichelhaft. So unangenehm das in dem Moment auch sein würde, aber ich würde lieber von meinen Freunden hören, wenn irgendetwas nicht cool ist als es dann im Nachhinein von außen zu hören.

Ich weiß, das ist für Künstler selbst oft schwierig aber kannst du deinen Lieblingssong von „Herz“ benennen?

Moses Pelham: Ja, „Wir sind eins“. Das ist aus meiner Sicht mit das Krasseste, was ich je geschrieben habe.

Gab es rund um den Albumprozess Schwierigkeiten oder irgendwelche Stolpersteine, die den Prozess verzögert haben?

Moses Pelham: Ach, das ist doch mein täglich Brot. Ein Bruder von mir sagt Gott gibt, Gott nimmt. Das wäre übrigens nicht meine Formulierung. Das ist der tägliche Versuch, ein Wunder zu provozieren und ständig die Arme offen zu halten und darauf zu warten, etwas geschenkt zu bekommen. Dabei lässt es sich natürlich gar nicht vermeiden, dass du auch mal abgeturnt nachhause kommst und dir denkst: Okay, wir haben heute genau nichts erreicht. Dabei kommt es immer darauf an, sich nicht entmutigen zu lassen und es am nächsten Tag frohen Mutes aufs Neue zu versuchen.

Wir haben vorhin schon kurz über das Boxen-Game gesprochen. Rapper verkaufen Deluxeboxen, weil die Charts nach Umsatz und nicht nach verkauften Einheiten berechnet werden. Welche Relevanz haben die Charts heute für dich?

Moses Pelham: Eine Chartplatzierung ist auch eine Form der Anerkennung ein Zeichen dafür, wie relevant man ist. Da möchte ich gar keinen Hehl draus machen. Am Ende ist es auch ein weiteres Marketing-Tool. Um es aber direkt wieder zu relativieren: In meinen Augen gibt es heutzutage nicht mehr die Charts. Jeder Streaminganbieter hat seine eigenen Charts, die täglich gemacht werden. Früher erschienen Dienstag die Charts und es war so: Ich bin jetzt eine Woche lang König, egal was passiert (lacht).
Ich bin aus der Phase raus, wo alles nur höher, schneller, weiter sein muss. Mir schreiben Leute, dass ein Stück gerade ihr Leben gerettet hat. Das ist sicher stellenweise auch eine Übertreibung und bedeutet nur, es hat jemandem in einer dunklen Stunde Licht gespendet. Selbst, wenn die Platte gar nicht in die Charts geht, das ist nicht nichts.

Hast du schon Pläne, wie es nach Albumrelease weitergehen soll? Was steht dieses Jahr noch bei dir an?

Moses Pelham: Wir basteln an einer Tour, die im April nächsten Jahres stattfinden wird. Im Januar bin ich noch mit Glashaus unterwegs. Ich sage ehrlich, so schlimm das auch klingt: Das ist die dritte Platte, die ich in 15 Monaten veröffentliche. Dazwischen habe ich noch in der TV-Sendung mitgewirkt. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht und ich bin dankbar für die Gelegenheit, versteh mich nicht falsch. Allerdings bräuchte ich mal drei oder vier Wochen, in denen ich nichts mache. Das ist überhaupt nicht meine Art, würde mir aber gerade sehr entgegen kommen.

Auf Seite 2 geht’s weiter mit der Tracklist konkret.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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