Der schlimme Terroranschlag auf das World Trade Center in New York City, sowie das Pentagon in Washington  11. September jährt sich heute zum bereits 16. Mal. In Hip-Hop-Kreisen gibt es allerdings noch eine weitere, deutlich positivere Assoziation zum diesem Datum. Am 11. September in 2007, sprich heute vor genau zehn Jahren, erschienen die Alben „Graduation“ von Kanye West, sowie „Curtis“ von 50 Cent. Dieser Doppel-Release stellte den Siedepunkt des wohl bedeutendsten Hip-Hop-Beef der Nuller-Jahre dar. Ebenfalls gilt der 11. September 2007 als das Datum, an dem sich vor allem der Sound und die Erscheinung von Hip-Hop in den Staaten entscheidend wendeten. Auf der einen Seite stand der damals als unschlagbar geltende 50 Cent, der mit den Vorgängeralben „Get Rich or Die Trying“ und „The Massacre“ bis heute zusammen fast 27 Millionen Platten verkauft hat und wie kein anderer für Radio-Tauglichen Bling-Bling-Gangsterrap stand. Auf der anderen Seite fand sich der ebenfalls mit zwei recht erfolgreichen Alben, sowie mit einem in damaligen Hip-Hop-Zirkeln sehr umstrittenen Ruf zwischen Louis V-Bandana, Teddy-Bär-Sidekick und Skinny-Jeans ausgestatteten Kanye West wieder. Was die beiden allerdings teilen ist eine sehr große Klappe. 

Musikalisch schlug sich die Andersartigkeit deutlicher nieder: Schaut man in die Produzenten-Liste von „Curtis“ offenbart sich ein recht breites Spektrum von Küste zu Küste. Namentlich finden sich neben Dr. Dre und Eminem, die auch Großteile der Vorgänger produzierten, Timberland, The Bizness, Jake One und Mobb Deep-Hälfte Havoc. Kein Produzent hat dem Album mehr als zwei Tracks beigesteuert. An großen Feature-Stimmen mangelte es mit Justin Timberlake und Akon nicht. Am Ende bleiben aber irgendwie auch nur die Songs mit Ebendiesen hängen. Dazwischen werden viele Themen und Sounds angerissen, eine wirklich stimmige Atmosphäre entsteht leider nicht. Thematisch sollte es bei „Curtis„, im Gegensatz zu dessen Vorgängern, tiefer und um die Zeit vor seinem Durchbruch gehen, was am Ende allerdings eher weniger der Fall war. 

Graduation Curtis

Auf der anderen Seite will Kanye gerade diesen ganz großen Durchbruch schaffen. Nicht mehr mit U2 als Voract touren, sondern selbst die Hallen füllen. Genau das sollte ihm auch gelingen. Dafür öffnete Kanye seien Blick für Samples jenseits von Soul, Funk und Jazz, sowie für Elecro-Pop-Syntheziser und große Pop-Stimmen. Als Sample-Quellen zieht sich West, der sich abgesehen von „Big Brother“ in den Producer-Credits zu jedem Track wiederfindet, von Elton John, über Daft Punk bis hin zur Kölner Kraut-Rock-Band Can ein sehr weitläufiges Portfolio hinzu. Genau das schlägt sich dann auch im Sound des Albums nieder. Von Stadion-Hymnen wie „Homecoming“ mit Chris Martin, bis zu wirklichen Hip-Hop-Brettern á la „Can’t Tell Me Nothing“ springt „Graduation“ mit der anno 2007 noch strenger gezogenen Linie zwischen Hip-Hop und Pop seil. Und dennoch gelingen alle Experimente. „Stonger“ wird zum weltweiten Hit, der am ende siebenfach Platin geht. Das Album läuft mit acht Nominierungen bei den Grammys auf und holt am Ende auch den Hip-Hop-Album des Jahres Preis. 

Graduation Curtis

Der Ausgang dieses, einem Wahlkampf gleichenden Beef sollte bekannt sein. Während „Curtis“ mit 691.00 Platten in der ersten Woche gegenüber seinen Vorgängern Einbußen an Verkaufszahlen hinnehmen muss, kratzt Kanye mit 957.000 Platten in Woche Eins knapp an der magischen Millionen-Grenze. Heute besingen viele Kritiker diesen Ausgang und das damit verbundene Datum 11. September 2007 gerne mit dem großen Wendepunkt im Hip-Hop. Weg vom recht stumpfen Rap über das nächste, noch teurere Auto und die nächste, noch schönere Frau, hin zu poppig positiven, aber auch selbstreflexiven Tracks. Allgemein dürfte aber vor allem die Freude über einen insgesamt so kräftigen Hip-Hop Release-Day mit zusammengerechnet über anderthalb Millionen verkauften Platten in einer Woche überwiegen. In einer im Jahre 2007 gebeutelten Musikindustrie ein dickes Ausrufezeichen. 

Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang: Die Wahl zum Hip-Hop Bundeskanzler hätte anno 07  50 Cent gemacht. Dieser stieg in den deutschen Charts zwar auch nur auf Platz Zwei ein, jedoch hieß, anders als in Amerika, sein Bezwinger nicht Kanye West. Yeezy landete immerhin auf Platz Zehn, während sich Bushido mit seinem Album „7“ die Krone holte. 

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt seinen Charakter ganz gut.