Warum die Goldene Schallplatte ihren Wert verliert

Alle wollen sie, fast niemand bekommt sie. Oder etwa doch?

Die Rede ist von der Goldenen Schallplatte. Einer Auszeichnung, die ein Künstler in Deutschland für 100.000 verkaufte Alben oder 200.000 verkaufte Singles erhält.

Während hierzulande hauptsächlich Schlageracts wie Helene Fischer oder Andrea Berg in ihren Goldauszeichnungen baden können, schien es im Hip-Hop immer eine Seltenheit und ein großer Achtungserfolg zu sein, wenn ein Rapper eine solchen Erfolg verbuchen konnte. Man denke  zurück an das Musikvideo zur vierten „Aggro Ansage“, in dem Sido wegen der Goldauszeichnung seines Debütalbums „Maske“ Starallüren an den Tag legt und keinen Grund darin sieht, sich zu beeilen. Schließlich war er jetzt ein Gold-Rapper:

„Komm mal klar jetzt…ey Sido, komm mal klar jetzt. Mach mal hinne. Wir müssen los!“

„Ne man, ich hab Gold!“

Oder im Jahr 2013, als Kollegah und Farid Bang mit ihrem Kollaboalbum „Jung, Brutal, Gutaussehend 2″ in der ersten Woche stolze 80.000 Einheiten verkauften und nach nur drei Wochen ihre Goldene Schallplatte feiern konnten.  Dieser riesige Erfolg war der Beweis, dass Deutschrap zwar fernab von Reichtenweiten-Monopolen wie Radio oder Musikfernsehen stattfindet, aber dennoch kommerziell erfolgreich sein kann. Hinzu kommt, dass JBG 2 im Folgejahr von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wurde, was den Erfolg natürlich noch bemerkenswerter macht. 

Heute hingegen verkündet gefühlt jede Woche ein Deutschrapper eine Goldauszeichnung. Meistens jedoch nicht für Alben, sondern für einzelne Singles. Letzte Woche waren es Capo und Nimo mit „Lambo Diablo GT“, gestern verkündete Miami Yacine mit „Bon Voyage“ bereits sein zweites Single-Gold in diesem Jahr. Für die Krönung sorgte Raf Camora, der seine Fans auf Instagram darüber informierte, dass „Primo“, eine Singleauskopplung seines letzten Albums „Anthrazit“ in circa vier Wochen Goldstatus erreiche. 

Doch wieso verliert die Goldene Schallplatte deswegen ihren Wert? Was unterscheidet den Erfolg von Sido von dem Erfolg von Miami Yacine?

Ganz einfach: Zu den Hochzeiten von Aggro Berlin gab es noch keine Streamingdienste. Jede der 100.000 verkauften Einheiten von „Maske“ ging über die Ladentheke. Seit Spotify, Deezer und Apple Music den Musikmarkt weitestgehend übernommen haben, kann nicht mehr wirklich von „verkauften Einheiten“ gesprochen werden. Denn seit dem vergangenen Jahr werden Streams, die über einen Premiumaccount erfolgen, in die Ermittlung der Chartplatzierungen einbezogen. Gewertet wird ein Stream ab 31 Sekunden. Der Wert eines Streams ergibt sich dabei nach der Formel:

Anzahl Premium-Accounts            x       Durchschnittlicher Wert eines Premium-Abos
———————————————————————————————————–
           Anzahl der durch Premium-Nutzer getätigten Streams

Dabei zählen 100 Premium-Streams als Kauf einer Single. Bedeutet, 20 Millionen Premiumstreams ergeben 200.000 verkaufte Einheiten und somit eine Goldauszeichnung. Klingt erstmal erdrückend viel. Doch wenn man bedenkt, dass zeitgenössische Hit-Singles wie „Lambo Diablo GT“ oder „Primo“ von Spotify direkt in Playlists wie „Generation Deutschrap“ mit rund 580.000 oder „Deutschrap Brandneu“ mit circa 260.000 Followern gepackt werden, erscheinen solche hohen Zahlen durchaus realistisch. Davon abgesehen gibt es ja auch genug Beispiele auf YouTube die beweisen, wie klickstark deutscher Rap sein kann. Bedeutet also im Umkehrschluss, dass Künstler, die auf Spotify einen Hit- und damit in allen relevanten Playlists landen, langfristig dafür entlohnt werden.  Ein erfolgreiches Album spielt also auch Monate nach dem Erscheinen noch Verkäufe ein, weil die Fans es immer wieder hören. Ahzumjot liefert mit seinem neuen Projekt „Raum“ die Blaupause, wie Künstler die Streamingdienste optimal für sich nutzen können. Statt eines kompletten Albums mit vereinzelten Singles zu droppen, fügt er immer wieder neue Songs einer Playlist hinzu, bis ein komplettes Album fertig ist. Dabei erhascht er mit jedem neuen Song natürlich auch automatisch wieder Streams und Verkäufe für Songs, die bereits enthalten sind. Während die CDs von „Maske“ hingegen nur einmal als verkauft zählten. Völlig egal, ob sie im Regal verstaubten oder täglich drei Mal durchgehört wurden. An der Stelle sollte man auch die Frage stellen, wieso Aufrufe bei Spotify chartrelevant sind, YouTubeklicks in Millionenhöhe hierzulande aber weiterhin einfach unter den Tisch fallen?

Letzten Endes bleibt mir nur zu sagen, dass es einer Neuregelung bedarf. Streaming hat den Musikmarkt so verändert, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Goldene Schallplatten unter den gleichen Bedingungen zu vergeben wie 2004. Alleine finanziell besteht ein viel zu großer Unterschied zwischen dem, was durch tatsächliche Verkäufe beim Künstler hängenbleibt und dem, was Streamingdienste an Künstler zahlen. 

Oder was meint ihr?

Irgendwo zwischen Feuilleton und Bahnhofskneipe

4 Comments

  1. xcfg

    19. Oktober 2017 at 11:37

    Warum genau bedarf es einer Neuregelung? Verstehe die Schlussfolgerung nicht. Nur weil ein paar mehr Leute jetzt eine goldene Schallplatte verliehen bekommen? Könnte ja auch einfach daran liegen, dass diese Musik populärer geworden ist und das abzubilden wäre ja nicht per se schlecht. Darüber hinaus ist die Aussage „Streaming hat den Musikmarkt so verändert, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Goldene Schallplatten unter den gleichen Bedingungen zu vergeben wie 2004.“ ja ein Widerspruch in sich. Es hat sich doch verändert – Streaming wird mit einberechnet. Über den Schlüssel kann man ja diskutieren.
    Ebenso ist der letzte Satz ein wenig am Thema vorbei. Wünschenswert wäre m.E.n. eine Kritik daran, dass überhaupt derartige „Preise“ verliehen werden… dies bleibt aber leider aus.

  2. ICHBIN23JAHREALT

    18. Oktober 2017 at 20:04

    Früher musste man noch mit Sprintern durch die Mediamärkte pilgern und Geld ausgeben um Verkäufe zu faken heute reicht es einfach sein Handy beiseite zu legen auf Replay zu drücken und den Song auf Streaming Portalen durchlaufen zu lassen..

    • xcfg

      19. Oktober 2017 at 11:32

      das reicht aber sicher nicht aus. Das müssen schon ein paar tausend leute machen.

  3. eins

    18. Oktober 2017 at 18:34

    „Letzten Endes bleibt mir nur zu sagen, dass es einer Neuregelung bedarf. Streaming hat den Musikmarkt so verändert, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Goldene Schallplatten unter den gleichen Bedingungen zu vergeben wie 2004. Alleine finanziell besteht ein viel zu großer Unterschied zwischen dem, was durch tatsächliche Verkäufe beim Künstler hängenbleibt und dem, was Streamingdienste an Künstler zahlen.“
    Streaming zählt erst seit 2014 rein. Und eben mit einem faireren Schlüssel, verglichen mit Verkäufen, weil tatsächlich von gehörter Musik ausgegangen wird.

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