Geht es euch eigentlich genauso wie mir? Ständig habe ich einen Ohrwurm und frage mich: „Wo um alles in der Welt hast du denn den Schrott jetzt wieder aufgeschnappt?“ Beim Autofahren, beim Malen, beim Tippen dieser Kolumne, ständig verfolgt mich irgendeine Melodie mit seelenlosen Texten von Dieter Bohlen oder Xavier Naidoo. Zum Teil macht mir das richtig Angst.

Dammdadididammdamm!“ Hilfe! Der psychiatrische Hintergrund ist es jedoch nicht, der mir die Nackenhaare hochstehen lässt, sondern die Unberechenbarkeit, mit der diese zum Teil echt bescheuerte Musik über mir hereinbricht. Und dann ist es meist auch noch Musik, die ich in meiner Freizeit nicht einmal mit einem Achselzucken beachten würde. Wenn ich wenigstens ständig einen der Situation angepassten Soundtrack zu meinem Leben hören würde, könnte mich das eigentlich recht versöhnlich stimmen, das gilt auch für die eine oder andere banale Popmelodie. Leider ist dies nicht so.

Wie gerne würde ich, wenn ich mal wieder vor irgendwelchen Fahrern wegrennen muss, weil ich unvorsichtig war, härtesten Techno mit 200 Beat per Minute in meinem Kopf wahrnehmen. Vielleicht könnte ich dann einen Zahn zulegen. Oder wie gerne würde ich beim Zusammentreffen mit jemandem, mit dem ich Beef habe, den „Fight Song“ von Marilyn Manson in mir spüren. Dann könnte ich meine eigene Gewaltbereitschaft eventuell besser kanalisieren, nämlich mitten ins Gesicht von jemandem, der es wirklich verdient hat, und nicht erst nach dem Zusammentreffen. Dann müssen nämlich meist irgendwelche leblosen Gegenstände, die nun wirklich nichts mit der Sache zu tun haben, dran glauben. Gott stehe bitte all den umgetretenen Mülleimern bei, die meinen Lebensweg pflastern.

Bei der nächsten Bundestagswahl würde ich mich über den Track „Death To Tyrants“ von Sick Of It All in meinem Kopf freuen. Ihr könnt euch wohl denken, warum. Leider ist es so gut wie nie der Fall, dass ich Musik, die der Situation irgendwie zuträglich wäre, in mir höre. Schade, insbesondere deswegen, weil Musik mich zum Teil wirklich sehr gut antreiben kann. Zu ernsten Gesprächen lallt Kylie Minogue im Hintergrund. In fröhlichen Momenten höre ich den pseudotragischen Gesang von Evanescence oder das Gejammer von den Söhnen Mannheims.

Natürlich höre ich ab und an, meist im Auto, Radio, schalte den einen oder anderen Abend mal bei MTV oder Viva rein; es kann ja schließlich nicht ständig Bildungsfernsehen sein. Am nächsten Tag, ähnlich wie bei einem Kater vom Saufen, ist dann da etwas in meinem Kopf, und das geht einfach nicht weg. „Dammdadididammdamm.“

Ich hatte ja erwähnt, dass ich, selbst wenn ich malen gehe, immer wieder einen Ohrwurm habe. Mein Aberglaube bringt mich mittlerweile sogar so weit, dass ich mich fast schon unsicher fühle, wenn ich am Zug stehe und male und kein seichtes Gedudel durch meinen Kopf zieht. In der Regel geht dann auch irgendetwas schief, und sei es nur, dass die Karre bis zum nächsten Morgen geputzt wurde und ich mal wieder kein Tag-Foto mehr von meinem Piece bekomme. Mein Aberglaube geht manchmal sogar so weit, dass ich ab und an erst gar nicht an den Zug rangehe, wenn ich bestimmte Dinge in einer bestimmten Reihenfolge vorher nicht getan habe. Zum Teil artet das fast schon in Zwangshandlungen aus, die eigentlich einer klinischen Begutachtung bedürften. Aber ich denke, dass ich das noch im Griff habe, bevor es völlig unüberschaubare Ausmaße annimmt.

Oft werde ich ja auch eines Besseren belehrt, wenn es mal wieder ganzspontan und schnell gehen muss, dann bleibt überhaupt keine Zeit für ein gewisses Ritual vor dem Sprühen. Der Ohrwurm kommt dann beim Malen von ganz allein. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Was mich jedoch am meisten wundert, ist die Tatsache, dass ich äußerst selten Rap unbewusst vor mich hinsäusele, und das, obwohl ich doch eine Kolumne in der BACKSPIN schreibe. Allerdings, wenn ich jetzt den „Sonnenbankflavour“ von Bushido unbewusst vor mich hinrappen würde, gäbe es für mich keinen Grund mehr, mich nicht doch der nächstbesten Psychiatrie anzuvertrauen.

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