Tales of a dirty old man (aus BACKSPIN #118)

Als das vergangene Jahr zu Ende ging, war ich sauer und traurig zugleich. Sie kamen und waren nicht aufzuhalten, die Tränen. Eine Emotionsregung, die mich dermaßen gepackt hatte, dass ich nicht mehr wusste, wohin mit meiner Wut und Trauer, wobei Letzteres überwog. Ein Gefühl von totaler Ohnmacht, hervorgerufen durch ein einziges Foto. Ihr habt es alle gesehen, das Bild des toten dreijährigen Alan Kurdi am Strand der türkischen Küste. In solchen Momenten hinterfrage ich den Sinn unserer westlichen Zivilisation. Wir, die so in unserer Zivilisation frei sind, dass wir zum Beispiel Graffiti als eines unserer protestlerischen Mittel sehen, um unserer Stimme Gehör zu verschaffen. Wir, die so viel Geld besitzen, dass mal locker jeder etwas für das Gleichgewicht in unserer Welt tun könnte, ohne dass wir unter irgendeinem Mangel leiden müssten.

Dieses Jahr, 2016 also, ist es so weit. Applaus, Applaus! Ein Prozent der Menschheit besitzt mehr Reichtum als die restlichen 99 Prozent zusammen. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern ist! Ungerechtigkeit ist ein Thema, bei dem mir der Kragen platzt. Leider müssen immer die darunter leiden, die am wenigsten dagegen unternehmen können und dann geht ein Magazin wie der angesehene Stern her und bringt in der Ausgabe 38 vom 10. September 2015 gleich nach einem langen Bericht über die Flüchtlingswelle und das Schicksal des oben genannten Kindes ein Interview mit der reichsten Frau Deutschlands. Geil! Wie wenig Empathie besitzt die Medienmaschinerie in Deutschland denn noch? Wäre es zu viel gewesen, dem objektiven Journalismus, zu dem sich der Stern ja gerne bekennt, mal so etwas wie Anstand abzuverlangen und das nun wirklich wenig tagesak- tuelle Gespräch mit Frau Klatten auf die nächste oder übernächste Ausgabe zu verschieben und dann eventuell die Reihenfolge im Heft etwas zu überdenken?

Die Art und Vorgehensweise des oben genannten Journalismus hatte meines Erachtens nach ein geringeres Niveau als jede Folge „Dschungelcamp“ auf RTL. Ich gehe ja auch nicht los und male Flüchtlingszüge mit Pieces voll, auch wenn ich ganz bestimmt schneller bekannt wer- den würde dadurch, da diese ja ständig in den Medien zu sehen sind. Oben hängen noch die Beine eines Flüchtlings aus dem Zugfenster und darunter steht mein Name, und alle so: „Yeah!“ Lieber würde ich kostenfreie Graffiti-Workshops an Asylantenheimen durchführen, damit in den tristen Alltag der Flüchtlinge wieder etwas Farbe kommt. Denn die hängen hier in Deutschland rum und dürfen monatelang bis zu ihren ersten Anhörungsterminen warten und nichts tun. Viel- leicht sollten wir, also wir Writer, diese Flüchtlinge zu unseren Werkzeugen umfunktionieren und ihnen das Sprühen nahebringen, dann können die nervigen Salafisten diese nicht anwerben. Schließlich bewiesen die  Geflohenen meistens ein unglaubliches Durchhaltevermögen und auch Geschick. Sie liefen tagelang durch die unwirtlichsten Gebiete, scheuten keine Risiken, um in die Region der Welt zu kommen, die ihnen Gutes verhieß, sie schafften es durch alle Umzäunungen und zeigten all denen, die dem Stacheldrahtwahn an den südlichen Grenzen zum Opfer elen, eine lange Nase. Bei diesen Eigenschaften sehe ich Parallelen zu uns Writern, auch wenn wir durch alles andere als wirklich existenzielle Not getrieben werden. Da wird nur deutlich, dass wenn man etwas errei- chen will, es auch möglich ist.

All die gerade genannten Umstände habe ich zum Teil bei den übelsten Verfolgungsjagden selbst schon erlebt – und das nur, um ein wenig Farbe auf Zügen aufzutragen und nicht, um eine gute Lösung für die Zukunft meiner Familie zu finden. Man, sind meine Mitstreiter aus der Szene und ich verwöhnte Bengel! Wohlstandsblagen, die sich gegen ein System auflehnen, das von seinem Wohlstand im Endeffekt doch nichts abgeben möchte. Da wird die einzige menschliche Regung unserer Kanzlerin Frau Merkel in all ihren Regierungsjahren, nämlich Asylanten aufnehmen zu wollen, vom rechten Flügel ihrer eigenen Partei zugrunde diskutiert, sodass man eigentlich nicht mehr weiß, was nun gut oder schlecht ist. Und wer macht mit? Die Medienmaschine mit all ihrer Macht! Hoffentlich kommen bald mal wieder ein paar zumindest halbwegs schlaue Köpfe auf die Idee, dass Berichterstattung nicht nur reißerisch und Sensationsgeilheit-befriedigend statt finden sollte. Menschlichkeit würde uns allen in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft guttun. Seht ihr die Zusammenhänge und die Unterschiede? Ich hoffe, ja, denn es gibt nichts, was uns weiter zu unmenschlichen Wesen macht als das, was von uns erwartet wird: nämlich ein funktionierendes Rädchen im Apparat „Kapitalistisches System“ zu sein.

In diesem Sinne! Euer dreckiger, alter F…

 
Porsche

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.