Soundcheck mit F.R., Die Firma, Flying Lotus und Rhyme Asylum (#103)

BACKSPIN#103 soundcheck 1F.R.
„Wer bist du?“
Album/CD – Warner

Daraus, dass F.R. sein Abitur nun in der Tasche hat, macht er keinen Hehl. Fürs Erste richtet er sein Hauptaugenmerk aufs eigene Musizieren. Ergebnis: sein nunmehr viertes Soloalbum. Mit „Wer bist du?“ demonstriert er wie nie zuvor seine technischen Qualitäten, die die mancher älterer Rap-Kollegen locker in den Schatten stellen. Auch textlich lässt sich ein Entwicklungsschub feststellen. Er wirft einen reiferen Blick auf die Dinge, schafft es, Emotionen zielgerichteter zur Sprache zu bringen. So geht es hier um Entscheidungen, die gefällt werden müssen, da um Momente, die erlebt werden wollen, und dort um Erinnerungen, die zurück ins Gedächtnis drängen.

Eine gute Figur macht der 20-Jährige zudem bei der Wahl der Themen – wenn er etwa die in der Gesellschaft weit verbreitete Egozentrik aufzeigt („Ellenbogen raus“), das Positive aus Baustellenkrach oder per Post geschickten Mahnungen zieht („Wahl der Qual“) und sich schließlich auf Identitätssuche begibt („Wer bist du?“).

Dazu haben die emsigen Beatgees ihm einen Sound kreiert, der irgendwo zwischen melodischen, leicht poppigen Instrumentals und imposanten Brechern verläuft. Intensiver als zuvor harmoniert F.R. mit den Beats, weiß sich stimmlich den Melodien anzupassen und verzichtet dabei weder auf akrobatische Flow-Abfahrten und Wortspielereien noch auf berechenbaren, etwas zu pathetischen Chorussingsang.

So schwankt das Album stets zwischen Tracks mit ernsthafter Selbstreflexion, aussagekräftigen Zeilen und von Eminem inspiriertem Nonsens, der teilweise arg albern anmutet und eher der Skills-Offenlegung dient.

Zugegeben: Stellenweise fehlt es dem Herrn Römer an Überzeugungskraft. Bei aller Liebe zu betont komplexen Flows bleibt die Ungezwungenheit auf der Strecke, auch schränkt er sich dadurch ein, dass sich einige Inhalte eher an seine Altersgruppe richten. Doch insbesondere für die geistreicheren Tracks gilt: Der „Son Of A Preacher Man“ hat mit „Wer bist du?“ den Zeitgeist getroffen, weil er seine Generation wie kein anderer repräsentiert. (Steffen Köster)

BACKSPIN#103 soundcheck 2Die Firma
„Das sechste Kapitel“
Album/CD – La Cosa Mia

Die Firma macht Business. Oder besser: machte. Vor allem 2005 mit der Neuauflage von „Die Eine“. Das war vielleicht kein guter Song, aber ein Hit. Womit wir bereits beim Kern dieser Review wären, dem „Aber“. Die Firma ist nämlich nie nur eins, sie ist auf unbequeme Weise immer auch selbst gleich ein Gegenpol dazu. Die Firma macht vielleicht verpopten Chart-Rap, aber die Jungs sind trotzdem Hip-Hop bis auf die Knochen. Tatwaffe und Def Benski wollen zwar den Luxus und das Bling, aber sie kritisieren auch die Missstände auf der Welt. Sie finden dafür immer einfache und für wirklich jeden verständliche Worte, doch auch als Conscious-Rap-Vertreter alter Schule muss man sich von so viel glattgebügelter Message nicht peinlich berührt fühlen.

Leider macht es einem jedoch genau dieses „Aber“ oft schwer, das erfolgreiche, aber (!) in der Szene größtenteils verschmähte Phänomen Die Firma richtig einzuschätzen. Man muss die Band auf ihre Essenz herunterbrechen. Hat man das geschafft, kommt man nicht umhin zu sagen, dass die in eingängigen Pop gehüllte Consciousness der Jungs den Zeitgeist wohl um vieles eher trifft als alle Sozialschwarzmalerei aus’m Block, als aller aggressiv-politischer Anti-Rap oder als alle Mir-egal!-Sauf-ich-halt-Misanthropie, die aus lauter Gleichgültigkeit sogar auf Reime scheißt.

Auf „Das sechste Kapitel“ wird auf pompösen Hip-Pop-Produktionen das Leben gefeiert, es werden sich Oberflächlichkeiten erlaubt und es werden Triebe ausgelebt. Doch es wird sich immer auch selbst hinterfragt, es wird gezweifelt an der Entwicklung von Mensch und Gesellschaft, es wird das Unrecht kritisiert. Damit ist Die Firma trotz der drei typischen Kommerz-Singles glaubhafter als viele ihrer Kollegen, die nach außen immer auf Realness pochen, insgeheim aber (!) doch von der ganz großen Kohle träumen. (Georg Rackow)

BACKSPIN#103 soundcheck 3Olli Banjo
„Kopfdisco“
Album/CD – Headrush

Aus Gründen der Nonkonformität meiner Meinung über Olli Banjo mit der einhellig scheinenden Meinung der Szene sehe ich mich genötigt, ein paar Sachen vorwegzuschicken: Olli Banjo ist einer der talentiertesten Rapper, die ich je gehört habe. Er hat eine maximal ausdifferenzierte und perfektionierte Technik. Er hat einen völlig eigenen Style, ist eine interessante Persönlichkeit und verfügt darüber hinaus noch über eine markante und kraftvolle Stimme. Er könnte der Allergrößte sein. Doch für mich war Olli Banjo nie mehr als nur die Summe dieser Teile. Einen Mehrwert seiner Musik suche ich bis heute vergebens.

Nun will ich nicht behaupten, dass bei seinem vierten Soloalbum „Kopfdisco“ gar kein Unterschied zu früher zu hören wäre, doch man kann problemlos sagen, dass er die Tradition fortsetzt. Es finden sich vor allem, und wie gewohnt, sehr viele Songs über schlechte Rapper auf dem Album. Banjo’s simple Begründung dazu im Intro „Szenecountdown“: „Rap ist mir wichtig […] ich muss einfach batteln.“ Im Prinzip ein nobles Anliegen, doch in der vorliegenden Banjo-Matrix so ausgelutscht wie ein Calippo-Cola. Hölzerner Beat, simple Repeat-Hook und „Du bist ein Scheißrapper“-Statements in beliebig vielen Variationen zwischen genial und grundlos. Damit tut Banjo sich keinen Gefallen mehr. Und Rap ebenso wenig.

Am stärksten ist (und war) Olli Banjo schon immer dann, wenn er es schaffte, den Hörer zum Mitdenken herauszufordern, oder besser: Wenn er es schaffte, sich selbst herauszufordern. Im vorliegenden Fall wäre das: eine simple Handlung aus dem Alltag zu dramatisieren („Briefkasten“), das Songkonzept in Richtung Surrealität zu peitschen („Quando“), den Blickwinkel aufs Spiel zu verändern („Straight Outta Compton“) oder glaubhaftGefühle zu offenbaren („Schrei nach Liebe“).

Das Album hat, wie die gesamte Karriere Banjo’s, wirklich starke Momente, doch reicht das für ihn wiederum nicht aus, um die Herrschaft über das Spiel an sich zu reißen. Es gibt einige, die aus weniger Talent mehr gemacht haben. (Georg Rackow)

BACKSPIN#103 soundcheck 4Roc Marciano
„Marcberg“
Album/CD/LP – Fat Beats

Seit geraumer Zeit ist Roc Marciano für einige eingefleischte Rap-Fans die große Hoffnung, für andere mag der MC aus Hempstead, Long Island, noch unbekannt sein, daher zunächst ein Überblick seines Schaffens: Nachdem die Jahrtausendwende nicht die von Busta Rhymes prophezeite Apokalypse brachte, war Roc Marcy für kurze Zeit Teil des Flipmode Squad, nachzuhören auf Busta’s Album „Anarchy“ sowie den ersten Alben von Rah-Digga, Tony Touch und Da Beatminerz. Später führte er die vierköpfige Crew U.N. an, mit der er 2004 das starke, aber weitgehend ignorierte Album „U.N. Or U Out“ veröffentlichte.

Trotz guter Kontakte zu Pete Rock und Large Pro hat der seither hoch gehandelte MC sein nun vorliegendes Solodebüt komplett in Eigenregie produziert. Eine gute Entscheidung. Entstanden ist ein konsequentes, rundum schlüssiges Gesamtwerk.
Rohe, reduzierte Beats getrieben von meist düsteren Samples lassen Roc Marcy’s Qualitäten am Mic voll zur Geltung kommen. Einziger Gast ist Ka, den man von GZA’s „Firehouse“ kennt. Ansonsten liegt der Fokus auf dem Protagonisten, der sich bei den Aufnahmen in die Zeit vor der Rap-Karriere zurücksetzte.

So ist „Marcberg“ ein klassisches Debüt, das ähnlich introspektive Qualitäten wie „Illmatic“ oder „Reasonable Doubt“ aufweist. Roc Marcy gelingt es, mit seinen messerscharfen Raps lebendige Bilder der Schattenseiten New Yorks Mitte der Neunziger zu zeichnen, und lässt den Hörer dabei in die Coming-of-Age-Geschichte eines vom großen Ruhm träumenden Kriminellen eintauchen. Konkret heißt das: Die Vorbilder sind Nino Brown und Fat Cat, im Tapedeck läuft Ron G., und die Farbe der Carhartt-Mütze passt zu den Timberlands. Und wenn man am Ende eines Songs die gesamte Crew im Hintergrund hört, fühlt man sich unmittelbar an die Zeit von „The Infamous“ erinnert. Filmsamples zwischen den Songs verstärken den filmischen Charakter.

„Marcberg“ ist ein Werk, das irgendwie nicht in die heutige Zeit passt, aber gerade deshalb von vielen genau so herbeigesehnt wurde. (Christian Luda)

BACKSPIN#103 soundcheck 5Reflection Eternal
„Revolutions Per Minute“
Album/CD – Warner

Eine Dekade und etliche Soloprojekte der beiden Protagonisten später erscheint mit „Revolutions Per Minute“ der lang erwartete Nachfolger des Klassikers „Train Of Thought“. Dass unverbesserliche Optimisten, die auf eine Blaupause des ersten Albums gehofft hatten, enttäuscht würden, war abzusehen. Übrig blieb die Hoffnung, dass jene Pessimisten, die angesichts der Erwartungshaltung ein musikalisches Fiasko prophezeit haben, ebenfalls Unrecht hatten.

Nach dem ersten Hören stellt sich wohltuender Realismus ein. Schon nach wenigen Anspielstationen ist klar, dass das scheinbar in die Jahre gekommene Konzept der Symbiose von Rapper und Produzent keinesfalls überholt ist. Der treibende, minimalistische Grundgroove von Hi-Teks Produktionen passt zu Kweli’s Stimme und seinem entspannten Stakkato-Flow nach wie vor zeitlos gut wie saubere Air Max Classics zum ersten Sommertag. Neben Tracks wie „Lifting Off“, „Ends (feat. Bilal)“ und „My Life“, die stark an den relaxten Vibe des Vorgängeralbums erinnern, finden sich mit „Midnight Hour (feat. Estelle)“ oder dem grandiosen, an Gnarles Barkley erinnernden „Get Loose (feat. Chester French)“ auch gut tanzbare Nummern, die eindrucksvoll von der musikalischen Weiterentwicklung beider Akteure zeugen.

Ein weiteres Highlight ist „Just Begun“, bei dem sich Kweli, J.Cole, Jay Electronica und Mos Def den von einem dezenten Trompetensample getragenen Beat teilen und für reichlich Quotables sorgen. Nimmt man das inhaltsschwangere „Ballad Of The Black Gold“ dazu, hat man eigentlich alle Zutaten für einen potenziellen Klassiker zusammen – wären da nicht Songs wie „Got Work“, „In The Red“ oder „So Good“ die, wenn auch experimentell gemeint, deplatziert wirken. Das Vorhaben, das der mehrdeutige Titel impliziert, nämlich revolutionäre Kunst in einer Stunde Spielzeit respektive 17 Tracks unterzubringen, konnte nur bedingt umgesetzt werden. Nichtsdestotrotz machen ein lyrisch gewohnt versierter Kweli und ein wiedererstarkter Hi-Tek „Revolutions Per Minute“ zu einem guten bis sehr guten Album und würdigen Nachfolger von „Train Of Thought“. (Phil)

BACKSPIN#103 soundcheck 6Nas & Damian Marley
„Distant Relatives“
Album/CD/2 LPs – Def Jam/Tuff Gong

Als es einst um die Krone des King of New York ging und sich Jigga und Nas eines der legendärsten Hip-Hop-Battles überhaupt lieferten, hieß es aus vielen Ecken, Nas hätte zwar die Schlacht, nicht jedoch den Krieg gegen Jay-Z gewonnen. Dahinter liegt verborgen, dass Nas zwar der bessere Rapper ist, Jay jedoch die größeren Alben ablieferte als sein inzwischen wieder geschätzter Kollege aus Queensbridge.

Nas’ Meisterstück ist nun 16 Jahre alt, und seine Anhänger haben ihm allerhand Ausrutscher und merkwürdige Aktionen verziehen, und keiner hat die Hoffnung aufgegeben, dass er noch mal sein unerschöpfliches Talent und seine überragenden
Fähigkeiten bündelt und ein Überalbum abliefert. Die Erwartungen waren deshalb nicht unbedingt riesig, als man von einer Albumkollaboration zwischen ihm und Marley-Sohn Damian „Jr.Gong“ hörte. Auf dessen grandiosem Album „Welcome To Jamrock“ war Nas schon mal als Gast auf dem Track „Road To Zion“ zu hören. Aus dieser guten Chemie wurde auf „Distant Relatives“ nun richtige Magie. So entstand ein Album, das dem großen Anspruch, ein Reggae-Hip-Hop-Hybrid zu sein, vollkommen gerecht wird.

Relativ autark sind die Produktionen von Nas, Damian, seinem Bruder Stephen, Afry, K’naan und 9th Wonder geworden. Sie wollen bewusst kein hundertster Aufguss des Sean-Paul-Dancehall- Clubfiebers sein. Als Gäste holte man sich K’naan, Joss Stone, Lil Wayne, Stephen Marley und Dennis Brown, was aber nebensächlich ist, weil das Charisma der beiden Hauptprotagonisten sowieso nur leichte Ergänzungen zulässt. Mit „As We Enter“ landen sie einen brachialen Sureshot, der über den Sommer hinaus überall rotieren wird. Und immer wenn der Schwerpunkt etwas mehr in Richtung Hip-Hop geht, wie auf dem bombastischen „Nah Mean“, hat man astreine Bretter. Mutmacher wie „Strong Will Continue“ spiegeln den allgemeinen Positivity-Tenor der Platte. Ruhigere Töne werden nicht ausgeschlossen („Friends“, „Leaders“), und so präsentiert sich ein kohärentes Werk, das jetzt schon völlig zurecht in den Jahreslisten steht. (Peter Hagen)

BACKSPIN#103 soundcheck 7DJ Spinna
„Underground Forever“
Compilation/CD – Octave

DJ Spinna ist ja eine Art Kosmopolit. Der Mann besitzt eine der größten und umfangreichsten Plattensammlungen der USA und wird auf der ganzen Welt als DJ gebucht. Spinna gehört zu der aussterbenden Zunft jener Plattenleger, die sich in vielen Metiers bestens auskennen. Dafür wird er rund um den Globus hoch geschätzt. Danach definiert sich auch seine Beschäftigung. So hat er Samstags ein House-Set in Singapur, Sonntags legt er im benachbarten Tokio ein Set
mit NuJazz, Broken Beats und Future Funk auf, um am Mittwoch in Berlin den Rare-Groove-Jüngern feinsten Soul, Reggae, Jazz und Funk der 1960er und 1970er Jahre vorzusetzen.

Auf der anderen Seite bleibt Spinna’s Liebstes der Hip-Hop – der Ort, an den er nach seinen Soundexpeditionen immer wieder zurückkehrt. Bei seiner Hommage an den vermeintlichen Untergrund verbirgt Vince Williams, so sein bürgerlicher Name, seine Herkunft und seine Zuneigung nicht. Er lässt keine Zweifel daran, dass der richtige Scheiß aus den Neunzigern kam.

Zwischen Premo-Beats und Rawkus-Independence liegen viele Herzen der Liebhaber vergraben. Spinna war damals ein Teil davon. So verwundert es nicht, dass er all die Helden hier noch mal in einen Mix gesellt: L Da Headtoucha (!), J-Live, Mike Zoot & Mos Def, Greg Nice, seine Gruppe Jigmasters sowie die Premo-affinen Paula Perry und Shadez of Brooklyn treffen auf die Hardcore-Bande von Non Phixon und die fast vergessenen IG Off & Hazadous. Die lustigen Oldschool-Hustler Ugly Duckling stellen da eher die Ausnahme. Ein wirklich rundum gelungener Mix, der die Neunziger-Nostalgie lebt, ohne die Über-Hits zu bemühen, die auf jeder „Bring It Back“-Party laufen. (Peter Hagen)

BACKSPIN#103 soundcheck 8Sido
„MTV Unplugged live ausm MV“
Album/CD/DVD – Universal

Es ist ein seltenes Glück, wenn man als einfacher Zuhörer den Entstehungsprozess eines Albums live miterleben kann. So geschehen bei den Aufnahmen zu eben diesem Unplugged-Album des Ex-Maskenmannes. An einem verschneiten Abend hatte das Label ins Märkische Viertel geladen, um in Gesellschaft etwas Monumentales zu schaffen. Klar, dass ausgerechnet Sido die Chance bekam und nicht Bushido, Samy Deluxe oder Kool Savas. Da dürfte, neben Gründen der Kunst, auch die Vertragssituation des ehemaligen Aggro-Berliners eine Rolle gespielt haben.

Es passiert eben alles aus einem guten Grund. Und vielleicht hätte es auch sonst nicht ein solches Ensemble gegeben wie das hier zusammengestellte, das sich auch auf der CD wiederfindet. Keine üblichen Verdächtigen wie B-Tight, Alpa
Gun oder Harris sind dabei, sondern eine Gästeauswahl, die auf den ersten Blick witzig, spannend und außergewöhnlich wirkt, auf den zweiten eher nach Stallorder riecht, aber dadurch nicht wirklich an Klasse verliert: K.I.Z. dürfen mittanzen, Adel Tawil liefert den Beigesang zur Single, und die Frau seines Herzens darf auch mitsingen.

Wenn dann aber auch noch Kurt Krömer herrlich schräg durch den Saal klingt, und auf einmal eine Deutschpop-Legende wie Stefan Remmler sein „Da Da Da“ zum Besten gibt, bekommt der lange Abend im „Fontane-Haus“ im MV das gewisse Etwas. Nicht zuletzt dank der Musiker im Saal, die es schaffen, den Hip-Hop-Sound akustisch so umzusetzen, als hätten sie nie was anderes gemacht. Ein Highlight war hier sicher Ray King, ein New Yorker, der seit fast 20 Jahren in U-Bahnhöfen auf leeren Eimern trommelt und Kultstatus genießt.

Klar, live hören ist nicht live sehen. Doch die DVD im Package kann da zumindest ein wenig versöhnen. Aber auch ohne dieses Extra macht das Album klar, dass Kollege Sido erwachsen geworden ist. Sowohl sein Sound als auch der Typ dahinter. Darum passt das Ganze auch mitten ins Märkische Viertel, den Startpunkt seiner Karriere. Wie ein Kreis, der sich schließt. (Niko Hüls)

BACKSPIN#103 soundcheck 9Flying Lotus
„Cosmogramma“
Album/CD/2 LPs – Warp Records

Als Dilla starb, hinterließ er eine Lücke, die bis heute nicht geschlossen ist. Oft umschlich einen das Gefühl, dass man fast schon panisch nach einem Nachfolger suchte. Die Kritiker, besonders die Meinungsmaschine aus England, hatten sich
früh auf gewisse Protagonisten im bunten Untergrundgetümmel zwischen London, Manchester, Tokio, New York, Stockholm oder Los Angeles eingeschossen. Einige Namen waren Schall und Rauch, einige sind geblieben und schüren inzwischen wirklich die in sie gesetzte Hoffnung.

Der aus L.A. stammende Beatfrickler Steve Ellison hat im Web wahre Blogstürme ausgelöst. Doch was war das wirklich Besondere an diesem jungen Kalifornier? Erst mal seine ungewöhnliche Offenheit gegenüber jeglichem Musikstil. Dann seine Beatskizzen, die dem Anspruch gerecht wurden, eine wahrlich futuristische Freejazz-Sause zu sein. Dabei waren ihm der Boom und der Bap nicht unbekannt. Seine Sample-Abenteuer hatten jedoch anderes vor. Und das konnte der Mann auch umsetzen, weil er als Amerikaner Dubstep nicht für eine Fußkrankheit hielt, fleißig West- London-Broken-Beats studierte und auch Dilla als Denkanstoß nahm.

Das Resultat, nämlich ein komplett eigenständiger Sound, gehört zu den wirklichen Überraschungen der letzten Jahre. Dabei hat niemand behauptet, dass Flying Lotus leicht konsumierbare Kost ist. Er hat eher den Charakter eines Carl- Craig-Remixes, der Soundbahnen legt. Erst wenn man fast bis zum Ende gelangt ist, offenbart sich die Genialität, die Größe – ja man kann hier sogar von einer Revolution sprechen. „Cosmogramma“ ist Coltrane, der alte BDP-Tapes und Aphex Twin auf dem iPod hat.

Genrenazis streiten genau in diesem Moment stundenlang irgendwo auf der Welt darüber, ob das jetzt experimenteller Hip-Hop („Zodiac Shit“), verjazzter Techno („Recoilt“) oder modernste Electronica („Galaxy In Janaki“) sind – während sie die Tiefe und den Mut dieser Scheibe nicht kapieren. Nerdshit? Ganz sicher. Ein Science- Fiction-Soundtrack feinster Etage. Und wirklich spannend. (Peter Hagen)

BACKSPIN#103 soundcheck 10Brenk & X Fid Milla
„Hi Hat Club Vol. 4“
Album/LP/CD – Melting Pot Music

Was dem MC seine Punchlines, sind dem Produzenten seine besonderen Kicks, Snares, Hihats, Samples und Sounds. Was dem Rapper seine Doppelreime, sind dem Produzenten seine geshuffelten Drum-Patterns und seine raffinierten Sequenzen und Arrangements. Dass das eine auch ohne das andere funktionieren kann, zeigen nicht nur die bei Konzerten gern geforderten Acapellas sowie die immer beliebter werdenden Instrumental-Scheiben. Wobei die Produzenten hier eindeutig im Vorteil sind. Oder würdest du lieber ein Acapella-Album hören als ein Instrumental- Album? Eben.

Nun gibt es ja sogar von einigen herausragenden Rap-Alben Instrumentalversionen. Sie alle werden übertroffen von jenen Releases, die von vornherein ohne Vocals auskommen. Wer sich überzeugen will, dem sei etwa die mit viel Liebe gemachte „Hi Hat Club“-Reihe von Melting Pot Music aus Köln empfohlen.

Die neueste Veröffentlichung der Serie stammt von den beiden Wiener Produzenten Brenk und Fid Milla. „Chop Shop“ lautet der Untertitel. Und der darf als Anspielung verstanden werden auf das, was hier geboten wird. Samples, Samples und noch mal Samples, und zwar bestens ausgewählte. Meist gestückelt, um nicht zu sagen gechopt, manchmal mutig etwas länger ausgespielt als nur einige wenige Viertel. Dazu ein paar knarzige Bässe und andere Synthesizer-Sounds und eben jene knackigen Drumsounds, die man sich schon selbst zusammensuchen muss, will man den warmen Sound, den Freunde von Hi-Tek oder Dilla so lieben. Mal im Loop, mal mit Gefühl programmiert, halten sie hier alles zusammen, lassen einen mitnicken oder lenken das Gehör auf die Samples und Basslines.

Einige der Instrumentals sollen übrigens auch noch berappt werden. Zwingend nötig ist das nicht. Hier funktionieren die Beats wunderbar auch ohne Vocals. Und so haben Brenk und Fid Milla nicht nur bewiesen, dass sie mit Recht den vierten Teil des „Hi Hat Club“ bestreiten, sondern dass sie sich auch in der spannenden Wiener Tradition bewegen, erstklassige Musik zu produzieren. (Dennis Kraus)

BACKSPIN#103 soundcheck 11Meth, Ghost, Rae
„Wu Massacre“
Album/CD/LP – Def Jam

Allein die Ankündigung, dass Method Man, Raekwon und Ghostface Killah ein gemeinsames Album planen, ließ die Herzen der Wu-Tang-Fans höher schlagen. Ein Monsterprojekt, das nächste dicke Ding. Vier verschiedene Cover-Editionen im Comic-Stil eines „Liquid Swords“ – Meth, Ghost und Rae präsentieren sich als nicht zu bändigende Killermaschinen. Der Titel des Albums könnte die Erwartungen im Vorfeld des Releases nicht besser beschreiben. Doch Pustekuchen. Auf ein Massaker wartet der Hörer vergeblich.

Dafür aber auch nicht lange: Die Gesamtspiellänge des Albums beläuft sich auf gerade mal 30 Minuten. Zwölf Tracks, davon zwei Skits. Für drei Rapper, die ihre Sache nicht erst seit gestern und dazu noch hauptberuflich machen, ist das wenig. Hinzu kommt, dass Ghostface Killah, Method Man und Raekwon lediglich auf drei Songs gemeinsam vertreten sind. Rae ist überhaupt nur auf vier Stücken präsent. Enttäuschend. Enttäuschend auch die wenigen Tracks, die „Wu Massacre“ letztlich zu bieten hat.

Natürlich können die Jungs rappen, keine Frage, aber der Hörer wird hier mit absoluter Durchschnittsware konfrontiert. Die Beats sind so unspektakulär, dass man fast meint, RZA, Scram Jones, Allah Mathematics, Ty Fyffe, Emile, Digem und BT seien ihre B-Ware losgeworden. Inhaltlich bekommt man, nicht mehr und nicht weniger, die herkömmlichen Hood-Geschichten aus den New Yorker Problembezirken geboten.

Nun sollte man nicht außer Acht lassen, dass Meth, Ghost und Rae gar nicht den Ansatz verfolgten, den Begriff Rap neu zu definieren. Songs wie „Criminology 2.5“ und „Meth Vs. Chef 2“ sollen vielmehr die Zeiten vergangener Wu-Tang- Veröffentlichungen Mitte der 1990er Jahre neu beleben. Doch sie verfehlen den roughen Charme um Längen. Keiner der Songs bleibt hängen, da können auch Features wie Inspectah Deck, Street Life und Solomon Childs nicht gegenanrappen. Die Performance ist zu routiniert, leidenschaftslos. Das Album in sich ist durchaus rund, es fehlt einfach der Banger. „Wu Massacre“ ist das auf CD gepresste Mittelmaß. (Tim Kinkel)


BACKSPIN#103 soundcheck 12Rhyme Asylum

„Solitary Confinement“
Album/CD – Rhyme Asylum Records

Als ich „State Of Lunacy“, die Debütplatte der britischen Rapcrew Rhyme Asylum, das erste Mal hörte, traf es mich fast wie ein Blitz: Mit einem Album auf höchstem lyrischem Niveau, dessen düsterer Soundteppich aus Boom Bap mit britischem Flavour gewebt ist und das man von Anfang bis Ende sehr gut durchhören kann, hätte ich nicht unbedingt gerechnet.

Mit ein paar Vorabinfos wäre das anders gewesen: In der Heimat gilt das Trio – Possessed, Psiklone und Skirmish – als einer der besten Rapacts fernab von Grime und ähnlichen Genres. Und „State Of Lunacy“ wird von vielen Hörern als beste britische Rap-LP aus dem Jahr 2008 bezeichnet. So sind die Startbedingungen der neuen LP natürlich gänzlich andere: Man hat hohe Erwartungen, weiß aber auch, dass eine Folgeplatte diese in den meisten Fällen nicht erfüllen kann.

Doch schon die ersten Nummern auf „Solitary Confinement“ lassen mich wieder auf hohe Qualität schließen. Allen voran „For The Hate“ und der an die Heimatstadt London gerichtete Song „This Is Where“. Gerade im Bereich Battle-Rap kann die Gruppe punkten. So verfehlen Punchlines nicht ihr Ziel, wenn es wie auf „Next Level“ heißt: „When the fists fly, your face is the landing strip“. Battle-Rap-Höhepunkt und damit ein rauer, ungeschliffener Diamant des Albums ist „The Art Of Raw“, dessen Beat den Song noch einmal besonders herausstechen lässt. Gelungen sind auch die drei Tracks mit Gastbeiträgen von Crooked I, Darkstar & Ill Bill sowie von Reain. Nachdenklich präsentieren sich die drei auf „I Know“ oder „Life Support“, dem würdigen Abschluss des Albums.

Auffallend ist, dass im Vergleich zum Vorgänger (fast vollständig produziert von Leatherface) weniger britischer Sound übriggeblieben ist und es mehr in Richtung Eastcoast geht. Das mag daran liegen, dass neue Produzenten für die Instrumentals verantwortlich sind. Trotzdem erscheint es wie aus einem Guss. Der britische Akzent der Protagonisten bringt erneut viel Erfrischung mit sich, und die durchgehend starke Scheibe, gespickt mit einigen Schmuckstücken, kann die hohen Erwartungen erfüllen. (Malte Jochem)

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