Projekt Turmkunst 2010: Fight The Tower (#103)

Das ungebrochene Interesse an Streetart in all ihren Facetten zeigt sich hierzulande nicht nur an der wachsenden Aufmerksamkeit der Medien oder am zunehmend verzierten Großstadtstraßenbild, sondern auch in der Durchführung der einen oder anderen spektakulären Aktion. Genau darum handelte es sich zweifelsohne bei dem Projekt „Turmkunst 2010“.

Ort der Aktion war der sogenannte Bierpinsel, ein 46 Meter hohes Stück Poparchitektur aus den siebziger Jahren in Berlin-Steglitz, das im April/Mai 2010 ein neues Gesicht bekommen hat – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die renommierten Streetartists Flying Förtress, Honet und Sozyone haben der Turmkuppel Masken aufgesetzt und den Bierpinsel damit in eine der spektakulärsten und größten Freiluftgalerien Europas verwandelt. Der Amerikaner Craig „KR“ Costello hingegen wagte sich an den Stamm des Turms. „Wir wollten den Turm aus dem Dornröschenschlaf erwecken“, so Christoph Tornow, der als Geschäftsführer der Vicious Gallery in Hamburg als Kurator involviert war. „Damit haben wir uns für ein Gebäude engagiert, um das sich zehn Jahre niemand gekümmert hat.“ BACKSPIN hat mit den einzelnen Künstlern des Projekts gesprochen und sie auch zu ein paar visuellen Statements überreden können, denn: Bilder sagen mehr als 1000 Worte.

BACKSPIN#103 tumr 2Flying Förtress
Der gebürtige Münchner lebt und arbeitet vorwiegend in Hamburg und ist vor allem für seine „Teddy Troops“ bekannt. Er war bereits auf zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen, hat Bücher veröffentlicht und arbeitete als Grafiker und Künstler für viele renommierte Kunden aus dem Bereich Urban Culture.

Wie hast du reagiert, als du die Projektanfrage bekommen hast?
FLYING FÖRTRESS: Ich war natürlich begeistert und habe mich sehr gefreut. Ich kannte den Turm auch vorher nicht und war sehr beeindruckt, als ich ihn im Dezember letzten Jahres zum ersten Mal live gesehen habe. Das ist eine wahnsinnig spannende Herausforderung, die sich einem nicht allzu oft bietet. Der künstlerische Rahmen sprengt außerdem sämtliche Dimensionen, und das Einarbeiten der speziellen Architektur macht einen zusätzlichen Reiz aus. Auch die Kollaboration mit den anderen Künstlern ist toll und war für mich ein weiterer Grund, warum ich bei diesem Projekt unbedingt dabei sein wollte.

Wie muss man sich den Arbeitsprozess genau vorstellen? Wie seid ihr vorgegangen?
FLYING FÖRTRESS: Insgesamt haben vier Leute an der Außenfassade des Turms gearbeitet. Honet, Sozyone und ich haben den Kopf gemacht, während Craig Costello den Stamm fertigstellte. Die Kuppel besteht aus neun Teilen, jeder von uns Kuppelkünstlern hat also drei gemacht. Wir haben von einem sehr kleinen Lift aus gearbeitet, sodass wir nicht gemeinsam malen konnten. Aber durch die separierte Arbeitsweise konnte eben jeder seinen individuellen Style besser umsetzen. Die gemeinsame Thematik mit den Masken lässt das Gesamtpaket letztlich aber dennoch sehr homogen erscheinen.

Wie ist denn überhaupt die Idee mit den Masken entstanden?
FLYING FÖRTRESS: Uns erschien die Kuppel wie ein großer mechanischer Kontrollkopf aus der Zukunft, bei dem die Fenster wie Augen wirken, die einen ständig beobachten. Daher war die Idee naheliegend, diesem Kopf unsere personalisierten Masken aufzuziehen und ihn dadurch in drei verschiedene Himmelsrichtungen blicken zu lassen. Wir verkleiden schließlich das Gebäude. Masken als Motiv bieten sich da einfach an.

Sozyone
Der auch als Musiker aktive Sozyone gilt als einer der bekanntesten Graffiti- Künstler Europas. Er hat in Brüssel erfolgreich eine Kunstschule besucht und besitzt zudem eine sehr starke Affinität zur französischen Interpretation von Kunst.

Auf welche projektspezifischen Eigenheiten musstet ihr beim Bemalen eines solchen Objekts besonders achten?
SOZYONE: Das Gebäude selbst hat bereits eine sehr starke Persönlichkeit, die durfte man nicht einfach übermalen. Erst wenn man es schafft, diese Persönlichkeit in sein Schaffen mit einzubinden, kann wirklich etwas Großes daraus entstehen. Es geht um die richtige Balance zwischen der natürlichen Strahlkraft des Gebäudes und der eigenen künstlerischen Vision, die es mithilfe der Architektur hervorzuheben galt.

BACKSPIN#103 turmWorin lagen die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung?
SOZYONE: Wir haben aus einem sehr kleinen Lift heraus gearbeitet, das war ungeheuer schwierig. Und wenn es zu windig war oder geregnet hat, konnten wir nicht arbeiten. Und ich meine: Wir waren in Berlin. Hier regnet es ständig. Außerdem gab es eine Menge technischer Spezifikationen zu beachten, daher waren auch immer Leute vom TÜV und der Aufzugsfirma vor Ort, um permanent alles zu überwachen. Und da wir eben nur einen einzigen Lift einsetzen konnten und schlechtes Wetter einplanen mussten, hat die Umsetzung ganze sechs Wochen gedauert. Sonst hätten wir vermutlich nur zwei gebraucht.

Habt ihr die Idee mit den Masken gemeinsam entwickelt oder stand die schon von Anfang an fest?
SOZYONE: Als wir uns zum ersten Meeting für das Projekt trafen, gab es noch keinerlei Ideen. Aber als wir uns dann mal ernsthaft die Frage gestellt haben, was wir eigentlich malen wollen, haben wir das Maskenthema sehr schnell gefunden. Jeder von uns konnte sich sofort damit identifizieren, zumal wir als Writer natürlich alle den Umgang mit Masken kennen. Im Zuge der eigenen Identitätsfindung sucht man zudem ständig nach Möglichkeiten und Wegen, man selbst zu sein, indem man jemand anderes ist. Das Alter Ego wird plötzlich zum wahren Ich. Und wenn man Graffiti macht, sich einen neuen Namen zulegt und ein komplett neues Universum um diesen Namen herum kreiert, sich zu bestimmten Gruppen zusammenschließt, Schriftzüge und Charaktere entwirft, dann hat das alles einen ähnlichen Ausgangspunkt wie das Tragen von Masken. Man möchte jemand anderes sein, weil man in seinem Leben nicht der sein kann, der man eigentlich ist.

Honet
Die Tate Modern in London beschreibt den Franzosen als einen der erfolgreichsten Urban-Art-Künstler der Welt. Der 38-Jährige war als Künstler bereits überall auf dem Globus aktiv und zieht aus Graffiti sehr viel mehr als nur eine Inspiration für sein nächstes Bild.

In einem Interview hast du Graffiti mal als eine Reflektion von Umgebung und Atmosphäre beschrieben. Welchen Einfluss hatte dahingehend die futuristische Architektur der 1970er Jahre auf dein Motiv am Turm?
HONET: Als Graffiti-Künstler versuche ich stets, all das einzubinden, was mich umgibt. Und das beinhaltet selbstverständlich auch die Art und Weise, wie ich in der Stadt lebe und sie wahrnehme. Also ist alles, was ich male, auch eine Reflektion dessen, was ich sehe, was mich umgibt oder beeinflusst – sei es Atmosphäre oder Architektur. Es hängt alles zusammen. Und wenn ich als Künstler am Turm arbeite, wird die dort ausgeführte Arbeit auch meine Interpretation der Stadt Berlin enthalten. Man kann meine Gefühle gegenüber der Stadt aus diesem Bild herauslesen.

Welches waren deine ersten Assoziationen zu der Maskenidee?
HONET: Masken haben für mich per se einen ganz engen Bezug zu Graffiti, weil man im Graffiti eben auch seine Persönlichkeit ändert und zu jemand anderem wird. Man kann auf einmal Dinge tun, zu denen man im normalen Leben nicht in der Lage wäre. Wenn du im wahren Leben ein Loser-Typ bist, schlüpfst du plötzlich in deine Writer-Identität, gehst nachts raus, hast eine Maske vorm Gesicht und wirst plötzlich zu einem Gewinnertypen, der Dinge umgesetzt bekommt, die er im normalen Leben nicht hinbekäme. Man wird freier, stärker, selbstbewusster und hat keine Angst mehr. Ich habe zum Beispiel Höhenangst und fürchte mich davor, in die Leere zu stürzen – eigentlich schlechte Voraussetzungen, um einen Turm von außen zu bemalen. Aber ich war eben nicht mehr Cedric, wenn ich da rausging, sondern Honet – und der hat das geschafft. Sobald ich mich in Honetverwandelt habe, habe ich keine Angst mehr vor irgendwas. Ich bin dann nicht mehr ich selbst.

Du hast auch mal betont, dass es dir beim Malen gar nicht so sehr um das Endergebnis geht, sondern viel mehr um den Kreationsprozess. War das bei diesem Projekt auch so?
HONET: Natürlich habe ich mich auch schon darauf gefreut, am 15. Mai das Resultat zu sehen. Dennoch war der Spaßfaktor für mich ein ungemein wichtiger Teil dieses Projekts. Mir geht es bei Graffiti nicht ums Geld oder darum, die Welt zu verändern. Ich will Spaß haben, Leute treffen, Orte sehen und neue Aufgaben meistern. Und das ist es, was Graffiti mir stets ermöglicht hat.

„UNS ERSCHIEN DIE KUPPEL WIE EIN GROSSER MECHANISCHER KONTROLLKOPF AUS DER ZUKUNFT, BEI DEM DIE FENSTER WIE AUGEN WIRKEN, DIE EINEN OHNE UNTERLASS BEOBACHTEN.“ (FLYING FÖRTRESS)

Craig „KR“ Costello
Craig hat bereits in sämtlichen Metropolen der Welt gemalt. Konnte man seine Arbeiten früher eher in U-Bahnhöfen und Hauseingängen bewundern, findet man sie heute vor allem in Galerien. Aus seiner „Farbtropfen“-Kunst entstanden irgendwann außerdem seine berühmten „Krink“-Stifte.

Warum wolltest du bei diesem Projekt dabei sein?
Das war einfach eine wundervolle Gelegenheit, ein Wahrzeichen Berlins zu bemalen. Europa scheint mir da viel aufgeschlossener zu sein als die USA.

Was war deiner Meinung nach der schwierigste Part?
Das Gebäude ist sehr hoch, und es gibt viele verschiedene Räume und Flächen. Ich mag es eigentlich, solche kleinen Details in meine Arbeit einzubinden, aber der Bierpinsel hat wirklich viele Lücken und Kanten, das hat es ungemein schwierig gemacht.

Worauf hast du dich am meisten gefreut?
Darauf, mit diesen tollen Leuten aus Europa arbeiten zu dürfen. Und natürlich auf die Stadt selbst, die historisch sehr interessant ist – gerade für einen Amerikaner. Der Blick von der Kuppel des Turms aus war wirklich beeindruckend.

Der neue Look des Bierpinsels ist übrigens nicht für die Ewigkeit gedacht. Kommendes Jahr entscheiden Anwohner und anliegende Geschäftsleute, ob die Bilder bestehen bleiben dürfen oder ob sie entfernt werden sollen. Deshalb hat man den Turm mit einer Wachsschicht überzogen, die es ermöglicht, die Kunst problemlos wieder zu entfernen – ganz wie auf den heutigen Nahverkehrszügen …

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Daniel absolvierte 2014 ein Praktikum als Redakteur bei der BACKSPIN. Zur Zeit studiert er Kommunikations- und Medienwissenschaften in Bremen und bleibt der BACKSPIN als freier Mitarbeiter erhalten.

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