Prezident – „Limbus“

Prezident-Limbus-Cover

Dante hat also Vergil gekriegt. So behauptet es zumindest Prezident auf seinem neuen Album „Limbus“ gleich zu Beginn der ersten Strophe und wirft somit direkt die entscheidende Frage auf, die man sich beim ersten Mal Hören stellen muss: Erwartet uns ein pseudointellektuelles Namedropping in Plattenform oder ist „Der ewige Ikea“ eine Einleitung in ein dystopische, visionäre Geschichte in Albumlänge?

Zumindest thematisch passt das Bild von Vergil, der in der „Göttlichen Komödie“ den Protagonisten durch die Hölle führt, zum großen Thema, das „Limbus“ durchzieht: der Monotonie unserer westlichen Kultur. Protagonist in dieser Analogie-artigen Geschichte, in der nur der äußerste Kreis der Hölle erkundet wird, ist natürlich Misanthrop Prezident höchstselbst. Das düstere Thema spiegelt sich in Titeln wie „Melancholia“ oder „Fressfeind“ wieder und in dieser menschenfeindlichen Umgebung ist höchstens Platz für transzendente Begleiter wie Absztrakkt. Im Mittelpunkt stehen auf vermeintlich minimalistischen Soundgerüsten die Klagelieder des Whiskeyrappers. Vermeintlich deswegen, weil bei den Produktionen genügend Zeit für Spielereien und Experimente bleibt, wenn alle Worte gesprochen sind. „Feiern wie sie fallen“ beispielsweise nimmt am Ende noch mal richtig Fahrt auf und schlängelt sich mit vergiftetem Apfel durch die Vorhölle.

Prezident sieht sich als „Speerspitze des Untergrunds“ und das Feindbild ist schnell ausgemacht: Mal gesichtslos, mal sogar direkt benannt als beispielsweise Genetikk. Rapper, die von Architektur beeinflusst sind, gibt es in der Welt eines Untergrund-Rappers nicht. Wer Vergleiche sucht, landet bei Audio88 & Yassin. Irgendwie ist die Kritik am hedonistischen Mittelstand ähnlich. Irgendwie ist es auch wieder ganz weit weg. Zwar ist in Prezidents Welt immer mal wieder für ein kurzes Lächeln Zeit, wo bei den Berliner Kollegen allerdings Zynismus steht, tun sich beim Wuppertaler Abgründe auf, deren Untiefen sich nicht mehr vergessen lassen.

„Limbus“ ist kein Album zum Genießen, sondern zum Erfahren, beiseite legen und erneut anhören. Und dann wieder und wieder und wieder. Denn die Angst vor prätentiöser Kulturkritik ist vollkommen unberechtigt. Prezident hat mit seinem neuen Album eines der intelligentesten Alben des Jahres geschaffen und nicht nur das: Ein Werk, das jeden Tag weiter wächst. Das letzte Kapitel der „Göttlichen Komödie“ erzählt übrigens vom Paradies. Man darf gespannt sein, wo Prezident nach dem „Limbus“ landet.

Schlägt bei FIFA entweder den Gegner oder den Tisch kaputt und findet nicht, dass Kollegah wie Rakim rappt.

1 Comment

  1. Aun

    13. April 2016 at 17:39

    >pseudointellektuelles

    >transzendente Begleiter

    >hedonistischen Mittelstand

    Selber Pseudointellektuell.

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