Prezident: „Das romantische Akzentuieren des Makels zieht sich als roter Faden durch mein Schaffen“

Es ist Anfang 2016 und passend zur Jahreszahl steht das 16te Release von Prezident an. Der Wuppertaler beschäftigt sich seit seinem 13ten Lebensjahr mit deutschsprachiger Rapmusik und das merkt man auch. Fernab von Gangster-, Cloud- oder klassischem Battlerap, hat Prezident aka. Whiskyrap seine eigene, nicht wirklich definierbare, Sparte in besonders lyrischem Sprechgesang gefunden. Statt „das Leben“ oder „die Straße“ als seine Hauptinspirationsquellen zu nennen, schöpft Prezi seine Kreativität aus Werken von Kafka, Hemmingway oder Bukowski. Unheimlich offen und dadurch as real as it gets, rappt Prezident seine Geschichten und Gedanken über roughe Beats. 14 von seinen 16 Veröffentlichungen waren, EPs, Kollaboprojekte oder Mixtapes. Mit „Limbus“ steht dieser Tage das Release seines zweiten „richtigen“ Albums an. Grund genug um sich mit dem Whiskyrapper über Vergangenheit, Zukunft und kreatives Schaffen zu unterhalten: 

Letzte Woche Querschläger 2: Kintsugi und jetzt steht schon der Limbus“ in den Startlöchern und auch sonst ist es eher eine Ausnahme länger als ein Jahr keine neue Musik von dir zu hören. Sowas wie Kreativpausen oder Schreibblockaden kennt ein Prezident nicht, oder?

Prezident: Nope. Maximal in Interviewsituationen.

Anschließend an die erste Frage. Ich glaube ich habe kaum einen deiner Tracktitel mal bei einem anderen Künstler gelesen – das kann man sonst kaum von einem anderen Rapper behaupten. Woher nimmst du diese Titel. Suchst du Titel wie Kintsugi bewusst oder finden die genauso in deinem normalen Wortschatz statt?

Prezident: Das ist schön, umgekehrt aber auch traurig, wenn man es von „kaum einem anderen Rapper behaupten“ kann, über ein eigenes Vokabular zu verfügen. Der Kintsugibegriff ist über ein Internetforum in meine riesige Notizblockdatei gewandert.

Stichwort: Kintsugi. Das ist eine Reparaturmethode von zerbrochener Keramik, in der auch Gold verwendet wird – sie hebt zwar Makel hervor, repariert aber dafür das Gefäß und erhöht sogar dessen Wert. Inwiefern lässt sich das auch auf dich und/oder deine Musik anwenden?

Prezident: Als Titel eines Mixtapes, das einzeln erschienene Tracks in eine bestimmte Ordnung und eine Art lose Albumform bringt, verweist der Ausdruck natürlich auf die Wertsteigerung, die mit dieser Zusammensetzung einhergeht. Und das romantische Akzentuieren des Makels zieht sich ja eh als roter Faden durch mein Schaffen. Oder als goldener dann eben.

Dein Output habe ich gerade schon mal angesprochen. Neben der Musik machst du auch Merchandise, Booking und alles andere selber. Außerdem sprichst du in deiner Musik häufiger von einem Lehramt-Studium und Whisky-Eskapaden. Wo bleibt da die Zeit zum Leben, bzw. was kommt zu kurz?

Prezident: Wieso, ist doch viel Leben, das Genannte. Zu kurz kommt nichts oder alles ein bißchen, je nach Stimmungslage.

Zu deinem neuen Album. „Limbus“ klingt noch ein Stück rougher und dreckiger als die Releases davor. Zum Teil hast du komplett auf klassische Elemente verzichtet, wie man z.B. auf „Knapp 9000m tief im Köhlerliesel“ oder „Dr.Eisenstirn / Kaffee hilft“ hören kann. Bewusste Entscheidung um die Lyrics in den Vordergrund zu rücken oder ist das einfach so passiert?

Prezident: Bewusste Entscheidung.

Auf dem Album sagst du sowohl: „Ich piss seit Jahren Releases in den Wind – ist gar kein Ding für mich“, als auch: „Schlage mir den Schädel ein an Mauern, bestehend aus Steinen die ich mir selbst im Weg verteile“. Damit meinst du sicherlich deinen Untergrundstatus, den du trotz deiner 16 Releases und einer stabilen Fanbase hast. Wie erklärst du dir das? Bist du bzw. deine Musik nicht massenkompatibel genug?

Prezident: Keine Ahnung, es ist mir selbst ein Rätsel und Faszinosum.

Im Limbus treffen sich diejenigen, die ein wertloses und gleichgültiges Dasein auf Erden fristeten. Sie lebten sowohl ohne große Sünde als auch ohne Ruhm. Du selbst sagst, du stehst am Rande und guckst dir diese dröge Scheiße an. Warum und womit hast du es verdient im Limbus, dem ewigen Ikea, zu sein?

Prezident: Ich hoffe ja nur zu Besuch dort zu sein, wie Dante in den Jenseitsreichen.Wenn aber nicht, dann sicherlich für die beiden itunes-Bonustracks.

Dein Album beginnt mit dem Weg zum Limbus. Warum fährst du von einem YouTuber/Vice Redakteur in einem Ford Focus dahin begleitet und warum ist MoTrip der passende Soundtrack auf dem Weg zur ewigen Langeweile?

Prezident: „Warum ist MoTrip der passende Soundtrack auf dem Weg zur ewigen Langeweile?“, warum ist das überhaupt als Frage formuliert?

Du hast dich auf anderen Song schon mal (halb-)negativ zu Savas geäußert. Auf Limbus erwähnst du auch Genetikk und eben MoTrip in den Kontext der Langeweile. Gerade diese drei Parteien gelten in der Szene als technisch sehr versierte Rapper. Was stört dich an ihnen und gibt es überhaupt jemanden, außer deinen Featuregästen, mit denen du dich musikalisch zusammenfinden könntest?

Prezident: Ich lese zum ersten Mal davon, dass irgendjemand Genetikk bzw. Karuzo für technisch versiert halten würde und schenke dieser Behauptung keinen Glauben. Und klar kann ich mich mit Leuten musikalisch zusammenfinden, meine Featuregäste werden ja aus meinem freien Willen heraus zu solchen.

Wenn Dante Vergil als Begleitung bekommen hat, wer sollte dich in deiner eigenen (göttlichen) Komödie begleiten?

Prezident: Young Thug auf einem Schimmel.

Auf dem Cover von „Limbus“ findet man verschiedenste Personengruppen. Fußballfans, Hipster, Leute die mit ihrem Bürostuhl verwachsen sind, einen Hip-Hopper in Klischee-Montur und ich meine auch Steve Jobs erkannt zu haben. Wer landet nicht im Limbus?

Prezident: Also z.B. Adolf Hitler, Klaus Kinski und diesem Pharma-Albaner, der Beef mit Ghostface hat, kann man jeweils vieles vorwerfen, aber keineswegs Mittelmäßigkeit.

Insbesondere stechen einem die personifizierten Smartphones ins Auge, die ein kleineres Kind gefangen halten und mit anderen Menschen um die weiße Fahne tanzen. Sind Smartphones eher Last als Bereicherung?

Prezident: Ich würde jetzt sagen, dass Smartphones kleine Fenster zur Hölle sind, wenn sich das nicht mit meinem Limbus-Entwurf beißen würde.

Auf „„Rosa Blume““ rappst du: „„…noch immer fühlt es sich so an, wie ein Witz auf meine Kosten“ und„ noch immer fühlt es sich an wie auf ‘ner Party und nicht eingeladen…“.“ Fühlst du dich so fremd in der Szene?

Prezident: Da gehts nicht unbedingt um die Szene, sondern eine allgemeine soziophobische Ader meinerseits und ein Mißtrauen gegenüber der eigenen Erscheinung und Wirkung auf andere.

Sicherlich hast du auch die durch das „epische Interview“ ausgelöste Realness-Debatte mitbekommen. Stichwort: „Ich bin schon nüchtern nichts als ehrliche Haut“ (Melancholia). Du bist auf eine andere Art real. Man glaubt dir deine Geschichten. Wie wichtig ist dir diese Realness?

Prezident: Sie ist essentiell.

Die Vergangenheit hat ja gezeigt, dass du dir wenig Pausen gönnst was die Musik angeht. Arbeitest du schon am nächsten Prezident-Projekt oder liegt der Fokus jetzt erst mal auf der Tour?

Prezident: Naja, die Tour habe ich das letzte Jahr über geplant, jetzt passiert sie halt und wird dann ja auch ziemlich schnell wieder vorbei sein. Über neues Material denke ich nach, aber nicht ernsthaft, sondern eher, weil ich mich aus einem Moment der Trägheit heraus weiter mit den Ideen und Beats beschäftige, die es nicht auf Limbus geschafft haben.

Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

3 Comments

  1. Pingback: Prezident - "Melancholia" (Video)

  2. irgendwer

    6. April 2016 at 22:11

    richtig behinderte, oberflächliche fragen.
    und man merkt so richtig, wie prezi da keinen bock drauf hat.
    sehr schade, dass ihr da keinen kompetenten interviewer genommen habt.

  3. Pingback: Prezident - "Fressfeind" (Video)

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