Sony wagt mit der PlayStation VR die Einführung der virtuellen Realität in den Massenmarkt. 40 Millionen kompatible Playstation 4 Systeme sind bereits in den Wohnzimmern vorhanden: beste Voraussetzungen also. Doch kann die günstige VR-Lösung überzeugen? Hält die Brille was sie verspricht: Immersion, virtuelle 3D-Grafik und einzigartige Erlebnisse? Wir haben das Headset getestet und sind in andere Realitäten abgetaucht.

Gleich drei VR-Systeme sind dieses Jahr auf den Markt gekommen: die Oculus Rift, die HTC Vive und nun auch die PSVR. Das neue Gaming, das ungeahnte Dimensionen der Immersion, dank Head-Tracking, 3D-Bildern und moderner Rechenpower erlaubt, liegt endlich in den Regalen. Die damaligen Projekte von Sony oder Nintendo scheiterten stets an den technischen Grenzen der Hardware, sodass Sci-Fi-Fantasien der 80er Jahre 2016 endlich Realität wurden.

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Das Ganze Paket bitte

Packungstechnisch auf höchsten Niveau in eine kleine Box geschlichtet, liegen dem eigentlichen Headset noch eine Vielzahl an Kabeln und sogar eine Prozessorbox bei, die beim Aufbau mit USB- und HDMI-Kabel zwischen Konsole und Fernseher geschaltet wird. Die kleine Box, die fast schon wie eine Model-PS4 aussieht, ist für den 3D-Sound der Brille und die TV-Ausgabe zuständig. Im Gegensatz zu den anderen beiden Headsets, trägt man die PSVR wie eine Mütze und nicht wie eine Schimaske, sodass die Brille auch keine typischen Trageabdrücke hinterlässt. Die Entfernung des Displays zu den Augen kann dann mit einem Knopfdruck angepasst werden. Eine Gummimanschette verhindert zusätzlich den Lichteinfall in das Headset und die mitgelieferten In-Ear-Kopfhörer können in eine kleine Fernbedienung am Kabel eingestöpselt werden. Mit 610g wiegt die PSVR ungefähr so viel wie die HTC Vive, aber weniger als die Oculus Rift. Dennoch ist Sonys Brille die komfortabelste, da die Fixierung über den Kopfbügel das Gewicht gleichmäßig verteilt.

PSVR_Brille_Kamera_PS4-Kontroller

Das sind die Minimalvoraussetzungen für VR.

Das Start-Lineup bestehend aus 30 Spielen, umfasst Exklusivtiteln wie Rez – Infinite, Rush of Blood oder Drive Club VR. Daneben werden noch weitere VR-Anwendungen wie Allumette (eine kleine Geschichte), LittlStar (eine Art VR-Kino) und die Media-Player App, mit der man VR-Bilder und –Videos anschauen kann, angeboten. Bisher fehlt jedoch die Möglichkeit WebVR darzustellen und die Youtube-App ist auch nicht in der Lage, bereits bestehenden VR-Content zu zeigen. Bis Ende 2016 sollen insgesamt etwa 50 Spiele für PSVR erhältlich sein und laut Sony arbeiten mehr als 230 Entwickler und Publisher derzeit an weiteren Titeln, wie etwa Resident Evil 7.

Damit der ganze Spaß aber losgehen kann, benötigt man die PS4 Kamera, die für das Tracking im Raum zuständig ist. Manche Spiele setzen zudem die Move Kontroller von 2010 als primären Input voraus (z.B. Job-Simulator), sodass neben den 400€ für das Headset nochmal bis zu 150€ für die nötige Peripherie investiert werden muss. Genialer Schachzug Sony, um so nochmal die Restbestände effektiv verwerten zu können.

Tear-Down: Die Hardware Specs

Ist die Brille einmal richtig angeschlossen und auf dem Kopf positioniert, zeigt ein 5,7“ großer OLED Display mit einer Auflösung von 1920 mal 1080 Bildpunkten ein glaubwürdiges und immersives Bild der Spielewelt ab. Zwar hat das Display eine geringere Auflösung als bei der bereits erschienen Konkurrenz, aber durch die Subpixel-Matrix kann eine ähnliche Schärfe bei weniger Rechenpower erzeugt werden. Außerdem reduziert Sony durch diesen Kniff die Bewegungsunschärfe und den Fliegengittereffekt, der bei Rift und Vive durch die Pentile-Displays technisch bedingt deutlicher wahrnehmbar ist. Ein Treppenstufeneffekt, sogenanntes Aliasing, aber auch Dithering ist im Headset von Sony leider erkennbar – die teuren Brillen haben hier definitiv die Nase vorn.

Das Sichtfeld von 100 Grad liegt knapp unter dem der Konkurrenz und kommt dem des menschlichen Auges von 135° sehr nahe. Objekte, die sich aber am Rand befinden – also außerhalb des Sichtfeldes der Brille sind – sehen dadurch etwas unscharf aus. Daneben verfügt das Headset noch über ein eingebautes Mikrofon, einen Beschleunigungssensor und ein Gyroskop, die zusätzliche räumliche Information erfassen können. Die Kamera lokalisiert den Spieler über neun LED-Punkte am Kopf, wodurch auch eine 360°-Grad Drehung möglich ist.

Aufsetzen, Abtauchen!

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Sitzt die Brille ersteinmal, kann man in andere Realitäten abtauchen.

Sind einmal der Display justiert und die Stöpsel in den Ohren, vergisst man die Welt um sich herum komplett und fühlt sich direkt im Spiel – Immersion pur. „PS VR versetzt die Spieler mitten ins Geschehen, so dass sie buchstäblich in fantastische neue Welten eintauchen können. […] Man muss es einfach selbst erlebt haben um es erfassen zu können.“ sagt Jim Ryan, Präsident Global Sales und Marketing SIE. In Spielen in denen der Move-Controller zum Einsatz kommt, verstärkt sich dieses Gefühl „dort zu sein“ ungemein. Jedoch wird hier auch der größte Abstrich der PSVR im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten deutlich: das Tracking. Anstatt Infrarot nutzt Sony die alte Move-Technik, die auf unterschiedlichen Lichtquellen basiert. Zwar wird das Headset im Sitzen meist einwandfrei erkannt, sobald man aber mit zwei Move Controllern stehend vor dem Gesicht herumfuchtelt, fängt das Bild schon mal zu hüpfen an. Das Gefühl der Immersion kann bei manchen Personen dann schnell zu einem Unwohlsein führen, getrübt hatte es das VR-Erlebnis aber nur kurz. Nach einer schnellen Justierung konnte man wieder ins Spielgeschehen abtauchen und sich völlig der virtuellen Realität hingeben.

Um in einem bestimmten Preissegment bleiben zu können und durch die Limitierung der Playstation 4, mussten bei Sonys Brille zwar Abstriche gemacht werden, aber durch gekonnte Kniffe in der Darstellung und der Berechnung der Bilder wurden diese kompensiert. So gut sogar, das die Unterschiede zur Konkurrenz nur marginal sind. Aber wehe dem Tracking, denn hier ist bisher das größte Manko zu verzeichnen. Häufig passiert es im Stehen mit zwei Move-Controllern, dass das Bild durch ungenügendes Tracking springt. Dafür verantwortlich sind die Lichtquellen der Move-Controller, die mit den Headset-LEDs ungewollt interagieren. Ob dies mit einem Softwareupdate zu beheben ist, bleibt abzuwarten. Damit VR nicht wie 3D in der Feature-Schublade verstaubt, muss Sony neben den 30 Launchtiteln genügend guten Content nachliefern und die Preispolitik für manches Spiel überdenken. Außerdem sollten die Youtube-App und der Webbrowser schleunigst VR-tauglich gemacht werden. Im Großen und Ganzen liefert Sonys Brille aber ein großartiges immersives Erlebnis, ganz im Sinne von VR und das auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Eine solide und günstige Lösung für Jedermann also.

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