Gangsta-Rapper sahen sich schon immer mit der Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit konfrontiert. So auch N.W.A, jene Gruppe, die das Subgenre Gangsta-Rap 1988 mit „Straight Outta Compton“ weltweit berühmt machte. Während Eazy-E und Co. später in der Hollywoodkomödie„CB4“ als Studiogangster parodiert wurden, rief 2002 ein anderer Film, „Paid In Full“, eine legendäre, aber weitgehend unbekannte Rapgruppe aus Harlem in Erinnerung, die im Gegensatz zu ihren Kollegen niemals ein Glaubwürdigkeitsproblem hatte: Mobstyle. „Paid In Full“ erzählt die Geschichte der Freunde Ace, Mitch und Rico, basierend auf der wahren Geschichte von Azie „AZ“ Faison, Richard „Rich“ Porter und Alberto „Alpo“ Martinez. Das Trio aus Harlem kommt in den frühen achtziger Jahren mit dem Handel von Kokain zu schnellem Reichtum. Auf der Straße werden sie verehrt und in den legendären Uptown-Clubs wie dem Rooftop und dem S&SClub sind sie die wahren Stars. Shoutouts auf frühen Mixtapes von Brucie B. und Kid Capri dokumentieren dies. AZ fährt Autos, die noch gar nicht auf dem Markt sind, und Rich und ‚Po etablieren Modetrends wie maßgeschneiderte Dapper-Dan-Anzüge und große Goldketten, die bald von bekannten Rapgrößen übernommen werden. Aber bekanntlich sind kriminelle Karrieren ebenso wie Rapkarrieren meist nur von kurzer Dauer: Rich Porter wird 1990 ermordet, Alpo 1992 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. AZ schafft als einziger den Absprung. 1987 wird er in der Bronx in einem Apartment seiner Tante überfallen, das als Drogenversteck dient. Die Tante und zwei weitere Personen werden bei dem Überfall ermordet. AZ selbstwird siebenmal angeschossen und überlebt nur knapp. In der Folge steigt er aus dem Kokaingeschäft aus und gründet gemeinsam mit drei Leuten aus seiner Crew – Pretty Tone Capone,Gangsta Lou und Whip Wop – die Rapgruppe Mobstyle. Das von AZ produzierte Debütalbum „The Good, The Bad, The Ugly“ erscheint 1989auf Grove Street Records. Der Besitzer des kleinen Indielabels ist Vaughan Mason, bekannt durch den viel gesampleten Discohit „Bounce,Rock, Skate, Roll“. Gangsta-Rap aus New York ist zu dieser Zeit eher die Ausnahme. Einige Rapper wie Just-Ice und Kool G Rap pflegenzwar Gangsterimages, aber Mobstyle sind die ersten New Yorker, die auf Albumlänge Street-Storys präsentieren, die glaubhaft sind. Während sie versuchen die Schattenseite ihres bisherigen Lebens aufzuzeigen – allen voran AZ mit dem Anti-Crack-Song „The Pipe“ – drücken Mobstyle gleichzeitig ihre Verachtung für in ihren Augen unglaubwürdige Gangsta-Rap-Kollegen aus. Obwohl „The Good, The Bad, The Ugly“ ohne Promotion sowie lediglich auf Tape und limitiertem Vinyl erscheint, wird ihre Botschaft an der Westküste wahrgenommen: Auf „Real Niggaz“ von N.W.As „100 Miles and Runnin‘“-EP ist eine unterschwellige Antwort von Eazy-E zu hören, in der die Titel von drei Mobstyle-Songs auftauchen: „Back, the good,the bad, the ugly – see?/A lil’ streetwise nigga,you know me/rollin’ with some real niggaz playing for keeps/but you muthafuckas know whorun the streets.“ Ein von Pretty Tone Capone angeführter Mob sorgt der Legende nach 1991dafür, dass N.W.A inmitten ihres Konzerts im Apollo Theater die Bühne fluchtartig verlassen müssen. Im selben Jahr veröffentlicht AZ sein Soloalbum „Street Wise“, das nur auf Tape erscheint. Kurioserweise existieren zwei Tapeversionen: eine auf dem eigenen Label Espionage Records und eine weitere auf dem bekannten Old-School-Label Sugar Hill Records, das seit1986 eigentlich nicht mehr existiert. Noch mehrals auf dem ersten Mobstyle-Album zeigt sich AZ als geläuterter Mann. Auf der eindringlichen Single „What‘s Goin‘ On Black“, die auf Vinyl und ebenfalls über beide Labels erscheint, verarbeitet AZ den Überfall auf ihn sowie die Morde an Rich Porter und dessen 12-jährigen Bruder Donell, der Ende 1989 entführt und kurz darauf tot aufgefunden wurde. Außerdem deutet er an, dass er Alpo als Mörder von Rich verdächtigt („It had to be someone he trust“). Diese Vermutung bestätigt Alpo Jahre später selbst in einem Interview, das er dem F.E.D.S. Magazine aus dem Gefängnis heraus gibt. Pretty Tone Capone, sicherlich der talentierteste Mobstyle- Rapper, landet unterdessen bei Ill Labels, einem Tochterlabel von Rick Rubins Def American. Dort veröffentlicht er 1992 und 1993 die zwei starken Singles „Case Dismissed“ und „Across 110th Street“, deren jeweilige B-Seiten „Kidnapped“, und „Marked 4 Death“ weitere unterhaltsame Ansagen in Richtung Eazy- E sowie nun auch Death Row bieten. 1992 erscheint – erneut independent – das zweite Mobstyle- Album „Game Of Death“, auf dem Pretty Tone Capone nur noch als Gast vertreten ist. Nachdem auf „Kidnapped“ Eazy-E entführt wurde, leihen sich Mobstyle für die Albumsingle „Live And Let Die“ den Beat von Ice Cubes „Bird In The Hand“. Ungefährzur selben Zeit beginnt AZ, ein Drehbuch zu schreiben, aus dem später „Paid In Full“ entsteht. Das von Damon Dash produzierte Gangsterdrama mit Wood Harris, Mekhi Phifer und Cam‘ron in den Hauptrollen zählt zu den besseren seiner Art. AZ zeigt sich in der Folge jedoch unzufrieden mit dem Film, der ihm zu verherrlichend ausfällt. Seine eigene Version erzählt er ein Jahr später in der Dokumentation „Game Over“, der ersten „Street Stars“-DVD von Regisseur Troy Reed. In der populären DVD-Reihe erscheint später auch „Game Over II – The Alpo Story“. Hier kommt auch Kay Slay zu Wort, der Alpo aus Kindertagen kennt und diesen 2000 als Host für sein Mixtape „Original Gangsters Pt.2“ verpflichtet. Über Alpo wird spekuliert, dass er sich mittlerweile im Zeugenschutzprogramm an einem unbekannten Ort aufhält. Von AZ ist 2007 das Buch „Game Over: The Rise and Transformation of a Harlem Hustler“ erschienen.

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