MC Sadri: „Die KunstWerkStadt ist Familie“

Bereits dreizehn Jahre sind bisher vergangen, seit mit „Chamäleon“ das Album des Hamburgers MC Sadri erschien. Im weiteren Verlauf seiner Karriere spielte die Straße immer wieder eine große Rolle für Sadri und seine Musik und er nutzte als einer der ersten Künstler in Deutschland den Begriff Straßenrap.
Inzwischen ist MC Sadri mit seiner Musik gereift – sein aktuelles Album „Denkmal“ entstand nicht nur in der sagenumwobenen KunstWerkStadt von Samy Deluxe, sondern wurde auch noch eigenhändig vom Baus produziert.
Wir trafen MC Sadri in Berlin zum Interview, um mit ihm über die wahre Bedeutung von Straßenrap, seine Platte „Denkmal“ und den Vibe der KunstWerkStadt zu sprechen.

MC Sadri, dein Album „Denkmal“ ist kürzlich erschienen. Dein Debüt „Chamäleon“ erschien 2004 – Wie hat sich deine Musik rückblickend betrachtet entwickelt?

MC Sadri: An der Botschaft hinter meiner Musik hat sich eigentlich nicht viel verändert. Das, was ich mache, ist lediglich mit der Zeit gereift und besser geworden. Natürlich kommen nach und nach andere Themen hinzu, aber die grundlegende Botschaft bleibt. Es geht immer auch um HipHop-Kultur und ums Menschsein.

Zwei deiner Alben tragen die Titel „Von der Straße für die Straße“ und „Sprache der Straße“. Wie definierst du für dich Straßenrap?

MC Sadri: Straßenrap ist ein Begriff, den ich als einer der ersten in Deutschland benutzt habe. 2005 habe ich mein Album „Von der Straße für die Straße“ aufgenommen und für mich war schon damals klar, dass ich keinen Gangstarap mache. Daher habe ich den Begriff Straßenrap genutzt, was dazu führte, dass ich einen Underground Hype hatte. Den Begriff haben danach viele für sich entdeckt und genutzt und irgendwann herrschte keine klare Trennlinie mehr. Wenn ein Gangstarapper heute mal nette Musik machen möchte, nennt er sein Schaffen mal kurz Straßenrap, wird danach aber trotzdem wieder Gangstarapper. Lustig war auch, dass Künstler, die bei Gangstarap-Labels wie Aggro Berlin gesignt waren, auch plötzlich das Wort „Straße“ benutzt haben. So kann ich auch verstehen, wenn Leute heute gar nicht mehr verstehen, was genau mit Straßenrap gemeint ist, damals war das aber eine ganz eigene Definition. Mittlerweile ist es ein Kommerz-Begriff.

Wie lautete deine Definition?

MC Sadri: Straßenrap ist im Grunde immer lyrisch und poetisch, was ich bei den wenigsten Straßenrappern aktuell sehe – zumindest habe ich das so für mich definiert. Er erzählt von den Alltagsproblemen des kleinen Mannes und vom Leben im System.

Rap ist auch auf kommerzieller Ebene mittlerweile sehr erfolgreich. Inwiefern hältst du es für einen Widerspruch, populären Straßenrap zu machen?

MC Sadri: An sich ist das kein Widerspruch. Schafft man es, selbst mit der Sache zu wachsen und als positives Beispiel für andere zu fungieren, finde ich es immer noch legitim. Das ist nicht der Fall, wenn Rapper so tun als würden sie ihr Geld immer noch durch krumme Straßengeschäfte verdienen, dann aber mit irgendwelchen Marketingabteilungen zu tun haben und mit krassen Plattenverkäufen um die Ecke kommen. Es gibt allerdings auch Künstler, die damit offen umgehen. Kollegah denkt sich beispielsweise eine fiktive Person aus – damit kann man dann eher umgehen, der zieht eine klare Linie. Mich stört einfach, wenn Künstler glauben, dass sie sich besser vermarkten können, wenn sie so tun als würden sie ihr Geld auf der Straße verdienen.

Lass uns mal wieder über deine Musik sprechen. „Denkmal“ ist komplett von Samy Deluxe produziert – wie kam diese Produktion zustande?

MC Sadri: Samy hat in der Vergangenheit schon einmal einen Song für mich produziert und zwar „Helfen uns selbst“ auf dem Album „Das ist HipHop“, das 2011 erschien. Im Studio bin ich sowieso ständig mit Samy. Wir hatten seit langer Zeit geplant, mal gemeinsam ein Album zu machen, allerdings war nie definiert, wie genau. Für „Denkmal“ wollte ich gesamtkonzeptionell den nächsten Schritt wagen und ich weiß, dass Samy ein guter Producer ist und einen eigenen Sound hat.

In einem Teil der MC Sadri Story erzählt Vito, dass du plötzlich Teil der KunstWerkStadt warst. Kannst du dich erinnern, wie du das erste Mal mit dem KunstWerkStadt-Umfeld in Berührung gekommen bist?

MC Sadri: Ich bin in Eimsbüttel unterwegs und bin Samy ständig über den Weg gelaufen, ohne dass er mich je richtig registriert hat, glaube ich. 2007 bin ich durch deutsche Justizvollzugsanstalten getourt und brauchte noch einen DJ. Zu der Zeit hatte ich viel Kontakt zu DJ Vito. Jedenfalls sagte Vito mir dann zu, zu der Zeit habe ich aber auch schon ab und zu mit Samy gechillt. Der Kontakt wurde dann immer intensiver.

Man hört immer von Samy und der KunstWerkStadt, in der viel gute Musik entsteht. Was macht die KunstWerkStadt aus?

MC Sadri: Die KunstWerkStadt war bereits in den 70er Jahren ein Tonstudio, in der große deutsche Künstler Musik aufgenommen haben. Irgendwann lag es brach und Samy kam und hat das ganze Ding wieder aufgemöbelt. In der KunstWerkStadt herrscht ein richtig geiler Vibe, den findest du in Studios heutzutage nicht mehr. Man fühlt sich sehr wohl dort. Allerdings ist auch immer der Hausgeist des Baus da (lacht).

Mit Appletree hat Samy vergangenes Jahr das erste KunstWerkStadt-Signing bekannt gegeben. Bist du noch deiner alten Labelheimat treu?

MC Sadri: Ich bin Teil der KunstWerkStadt. Das ist mein Studio, mein Label und meine Gemeinschaft. Trotzdem habe ich die Marke DIHH, die meine musikalische Heimat darstellt. Die KunstWerkStadt ist aber auch mehr als Business, das ist Familie. Ich bin da mehr als bloß ein Signing.

In einer weiteren Folge der MC Sadri Story wird erzählt, dass dir zunächst niemand geglaubt hat, dass du die Texte zu „Denkmal“ selbst verfasst hast.

MC Sadri: Ja, das war auf jeden Fall lustig. Den Moment hatte ich ein paar Mal, dass Samy oder Afrob mir unterstellt haben, ich hätte Texte nicht selbst geschrieben. Ich habe aber erst später gecheckt, wie die das gemeint haben – nämlich, dass die Texte einfach so krass sind.
Für mich sind Afrob und Samy die größten Rap-Artists in Deutschland und wenn die zu mir sagen, ich bin der Mann mit den Lyrics, ist das natürlich ein krasses Kompliment. Ich glaube auch nicht, dass sie es netter hätten ausdrücken können (lacht).

Wie betrachtest du denn selbst die Entwicklung deiner Schreibe?

MC Sadri: Ich glaube, das Talent war schon immer da. Über die Jahre habe ich einfach noch mehr über Songstrukturen gelernt. Wenn wir noch einmal auf „Das Chamäleon“ zurückblicken: Damals wusste ich nicht einmal, was 16 Bars sind. Ich habe gehört, wie lang Ami-Songs sind und habe nach Gefühl geschrieben. Bei „Sprache der Straße“ wusste ich dann zum ersten Mal, wie man Songs richtig aufbaut. Mittlerweile kann ich auch sehr viel reflektierter schreiben. Mir wird nachgesagt, dass ich in Deutschland einer der krassesten Storyteller bin.

Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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