BACKSPIN Unterwegs: Kosmonaut Festival 2017

Es liest sich wie ein modernes Märchen: Der pubertäre Felix Brummer entdeckt Rapmusik für sich und kann sich dank des Plattengeschäfts seines Vaters als Teenie auf dem splash! Festival herumtreiben – direkt in seiner Heimatstadt Chemnitz. Wenig später sollte er unter verschiedenen AKAs selbst versuchen auf eine dieser Bühnen zu kommen. Allerdings wollte das mit der eigenen Rapper-Karriere alles nicht so wirklich hinhauen. Als er sich jedoch mit seinen Freunden der Band Neon Blocks zu Kraftklub zusammenschloss, sollte sich das Blatt wenden: Kraftklub konnte in Windeseile sämtliche Bühnen deutscher Gefilde für sich gewinnen und brachte dieses Jahr ihr mit Spannung erwartetes drittes Album „Keine Nacht für Niemand“ heraus. Dass das splash! Festival jedoch weiter nach Ferropolis in die Nähe von Leipzig zog, wurmte die gebürtigen Chemnitzer. Also entschieden sie sich kurzerhand das Gelände zu nutzen um ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen: Das Kosmonaut Festival. Dies brachte nicht nur ein junges, kulturelles Happening zurück in die Karl-Marx-Stadt, sondern funktionierte so gut, dass sie dieses Jahr ihr fünfjähriges Bestehen feiern konnten. Als Gratulanten kamen unter anderem Motrip, Deichkind, Rin, SXTN, die 187 Strassenbande und ein geheimer Headliner vorbei.

Believe the Hype 

»Wie läuft’ bei dir, he? Bei mir läuft grad super« posaunte Gzuz vor einigen Monaten in die Deutschrap-Landschaft. Daran sollte sich nicht viel ändern, doch dazu später mehr. Ich möchte mich erst einmal einem Auftritt widmen, dessen Protagonistinnen sich im Line-Up etwas weiter unten befanden. Warum auch immer, denn ihr Album stieg in den Hip-Hop Charts auf die Pole Position ein. SXTN ließen die kleinere Atomino Bühne aussehen wie die Main Stage und überzeugten nicht nur durch Sympathie, sondern vor allem durch einen Turn Up sondergleichen. Die beiden Berlinerinnen machen derzeit vieles richtig.

Jemand von dem man ähnliches behaupten kann, kommt wie einige seiner Kollegen aus Bietigheim-Bissigen und hört auf den Namen Rin. Zwar müssen alt eingesessene Heads (von denen es nicht so viele auf dem Kosmonaut gibt) zwei mal tief schlucken, wenn sie seine Show sehen, aber eines können sie nicht bestreiten: er reißt ab. Warum schlucken? Ganz einfach – Rin repräsentiert wie kein zweiter, was die Live-Shows einer neuen Garde auszeichnet: Live Auto-Tune, viel Playback, wenig Schnickschnack und sehr viel Energie in der Crowd. Was der junge Schwabe im Publikum auslöste ist kaum zu beschreiben. Dass Zino stabile Bilder aus den Moshpits einfangen konnte darf mehr als bezweifelt werden – zu hoch war die Gefahr nur Wackelbilder aufzeichnen zu können.

Ganz ähnlich verhielt sich dies bei der 187 Strassenbande. Egal ob Bonez mit seinem Companero RAF Camora oder mit seinem Team unterwegs ist, volle Bühnen sind garantiert. So war es natürlich auch beim Kosmonaut Festival. Wenn selbst jede zweite Bushaltestelle der kleinsten Käffer dieses Landes mit 187-Tags versehen ist, weiß man, dass eine Aggro-ähnliche Überschwemmung stattfindet. Diese fast schon bedingungslose Liebe der Fans zahlen die Hamburger in aller Regelmäßigkeit mit starken Live-Shows zurück. Dass dieser Erfolg nicht allen schmeckt, lies sich am Samstag Abend jedoch auch beobachten als vereinzelt Becher in Richtung Bühne flogen. Davon angestachelt bot Bonez dem Publikum an starr dazustehen damit wenigstens mal einer treffen könne. Was mit drei, vier Idioten anfing, mündete in vereinzelten, aber durchgängigen Würfen gen Bühne. Dass sich die Hamburger in ihrem Leben aber schon mit deutlich gefährlicheren Situationen konfrontiert sahen, war ebenfalls zu sehen. Immerhin verteilten sie noch ein paar Whisky-Cola im Publikum damit es wieder etwas zu werfen gab. Wie meine Oma sagen würde: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Festival-Experten

Dass Kraftklub nicht nur ein Festival auf die Beine stellen können, sondern auch wissen, worauf es bei einem Festival ankommt, zeigte sich an vielen schönen Kleinigkeiten. Da wäre zum einen die liebevolle Gestaltung des Festivals, das sowieso kaum idyllischer positioniert hätte sein können. Zum anderen gab es auch abseits der Musik viele Möglichkeiten sich abzulenken, wie zum Beispiel mit Minigolf, der Herzblatt Bühne, vielem und vor allem guten Essen sowie – jetzt kommt’s – der Flunky Ball Arena. Niko musste ich erklären, was Flunky Ball ist. Euch hoffentlich nicht. Die Gastgeber ließen es sich auch nicht nehmen selbst anzutreten und brachten mit Annenmaykatereit gleich noch einen Headliner als Gegner mit. Dass die Organisation eines solchen Festivals aber auch Kraft kostet, zeigte sich in der dann doch deutlichen Niederlage. Auch der Titel ihres dritten Albums „Keine Nacht für Niemand“ ist nicht nur so dahergesagt. Denn am Samstag-Morgen gegen 7.30 Uhr rollte auf einmal ein Konvoy über das Zeltgelände, der den Campern ihren wohlverdienten Schlaf rauben sollte. Dass sich die verkaterten Jugendlichen nicht zähneknirschend und maulend das Kissen über die Ohren klemmten, sondern die Beine in die Hand nahmen, war dem simplen Fakt geschuldet, dass Kraftklub mit einer mobilen Live-Show einen Weckruf starteten und so den zweiten Festival-Tag einläuteten.

Geheimer Headliner

Für den zweiten Festival-Tag war auch der Slot des geheimen Headliners vorgesehen. Und auch hier noch einmal ein Lob an die Veranstalter, denn: bei den meisten Festivals bekommt man es schon irgendwie raus, wer nun der ominöse geheime Künstler sein soll, da er sich entweder auf dem Gelände herumtreibt oder weil sich jemand verplappert hat, aber hier? Fehlanzeige. Völlige Ratlosigkeit. Dieses Geheimnis sollte sich allerdings sehr schnell lüften als die ersten Töne aus den Boxen hallten. Diese Bässe waren einfach zu markant und so tönte es umgehend aus mehreren tausend Kehlen: »Was los, Digga, ahn’ mal«.

Kein Casper, kein Marteria und auch nicht die Beatsteaks oder die Ärzte standen auf der Hauptbühne. Die Beginner waren des Rätsels Lösung und bestätigten den Eindruck aus dem letzten Festival-Sommer. Sie haben immer noch Böcke und das Publikum immer noch Böcke auf sie. Ey Kosmonauten, ich freue mich schon jetzt auf euer sechstes Jahr. Cheers!

 

 

Checkt hier die Fotos vom Wochenende. Unter anderem mit OK KID, Mädness & Döll, LGoony, Rin und der 187 Strassenbande. Der Festival-Bericht von Zino kommt!

Alle Fotos von Parq.Media

Frisch aus dem norddeutschen Dorf in die norddeutsche Metropole gestolpert, hat er sich in der Backspin Redaktion wiedergefunden und schreibt nun über das, was ihn eh beschäftigt: Hip-Hop.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.