Warum das Album nicht aussterben wird, sondern an Prestige gewinnt

Einen Song machen, hochladen und in eine Playlist packen. Und zwar so lange, bis man diese Playlist als fertiges Album betrachten kann. Genau so möchte das Stuttgarter Label Chimperator in Zukunft alle seine Releases vermarkten. Ein Schritt in Richtung Zukunft ohne Alben oder nur ausgefallener Marketing-Schnickschnack?

2018: Die Streamingdienste stellen den Musikmarkt auf den Kopf. Das Geschäft wird schnelllebiger, die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer und das damit verbundene Hörverhalten verändert sich ebenfalls. Vorbei scheinen die Zeiten in denen man eine CD ausgepackt, sich das Booklet durchgelesen und anschließend das Album von der ersten bis zur letzten Sekunde durchgehört hat. Heute regieren Singles, Playlisten und die Jagd nach dem nächsten Hit. Das geht natürlich nicht spurlos an der Industrie vorbei.

Die Art und Weise, wie Chimperator in Zukunft releasen will, ist auch nicht komplett neu. Genau so veröffentliche Ahzumjot über die letzten Monate hinweg sein Album „Raum“. Seit dem 03. Mai gilt das Release als fertig. In der Playlist wurde die Reihenfolge der Tracks geändert, die sich nun durchhören lassen wie ein ‚ganz normales Album‘. Auch das Keine Liebe-Signing Errdeka versuchte bereits neue Wege zu gehen. Hinsichtlich seines letzten Albums „Solo“, veröffentlichte er im Zwei-Wochen-Takt je fünf Songs, bis das 15 Tracks starke Release vollständig war. Joshi Mizu ging sogar noch einen Schritt weiter und machte aus „Kaviar & Toast“ ein interaktives Album. Seit Release ersetzt er jeden Monat die zwei Songs, die am wenigsten gehört wurden, durch zwei neue.

Checke hier unseren Artikel vom Januar über neue Vertriebswege in der Musikwelt.

Alle drei folgten dabei amerikanischen Vorbildern: Drake, der sein letztes Release „More Life“ als Playlist vermarktete und betonte, dass es sich nicht um ein Album handele sowie Kanye West, der an seinem letzten Album „The Life of Pablo“ selbst nach der Veröffentlichung noch weiter herumdokterte und man sich bis heute nicht wirklich sicher sein kann, ob das Album komplett fertig ist oder der wahnsinnige Kanye doch noch einmal Hand anlegt. Oberflächlich betrachtet, kann schnell der Eindruck entstehen, das Album als Format sei tot. Als ginge es nur noch um einzelne Songs, um Singles, um Hits. Als ginge es nur darum, in die „Modus Mio“-Playlist (ehem. „Generation Deutschrap“) zu kommen, die mit rund 720.000 Followern den deutschen Markt beherrscht. Im Fall von Joshi Mizu könnte man sich wirklich fragen, ob man hier nicht sogar schon von reiner Dienstleistung sprechen sollte. Sollte das wirklich der Fall sein und das Album 2018 seine letzten Atemzüge tätigen, stellt sich die Frage:

Was würden wir verlieren?

Spätestens hier wird es kompliziert. Es gibt keine allgemeingültige Definition des Begriffs „Album“. Beim Bundesverband Musikindustrie e.V.  spricht man von einem Album, wenn ein Musikprodukt länger ist als 23 Minuten und mindestens sechs Titel umfasst. In der allgemeinen Auffassung ist das natürlich anders. Dort würde ich von einem emotionalen Albumbegriff sprechen, der sich stetig verändert und meist mehr mit den Vorlieben des Hörers zu tun hat als mit echten Fakten. Hier mal eine kleine Sammlung von dem, was man in Hip-Hop-Deutschland als „Album“ versteht:

  • ein in sich geschlossenes Werk
  • nicht zwingend ein klares Konzept, aber ein erkennbarer roter Faden
  • oftmals mit Intro, Outro, Interludes oder Skits, um eben diesen roten Faden zu untermauern
  • eine ‚sinnvolle‘ Reihenfolge der Tracks, einen Spannungsbogen
  • oftmals persönlichere, größe Inhalte und Themen als auf Mixtapes/Singles

Kurz: Ein Album ist ein Gesamtkunstwerk, das dafür bestimmt ist, es in der gegebenen Reihenfolge an einem Stück durchzuhören. Frei nach dem Motto: „Eine gute Single kann ja jeder mal schaffen!“, gilt es immer noch als die Königsdisziplin, ein Album abzuliefern, was die genannten Kriterien zumindest weitestgehend erfüllt. Auch heute werden die meisten Newcomer weiterhin hauptsächlich an ihrem Debütalbum gemessen. Ganz egal, wie interessant sie davor erschienen – was zählt, ist das Album.

Musterknabe Ufo 361

Einer, der anno 2018 dabei wirklich alles richtig zu machen scheint, ist Ufo 361. Denn der Berliner macht es wirklich allen recht. Seit seiner Neuerfindung vor knapp drei Jahren als deutscher Trap God, macht er dem Rest von Deutschrap einiges vor. Zunächst folgte die „Ich bin ein Berliner“-Mixtape-Trilogie, wovon Ufo in Deutschland bis heute ein ziemlich einsamer Verfechter ist. Deutschrap scheint keine Mixtapes zu verstehen, aber dazu später mehr. Nach der Veröffentlichung von „Ich bin 3 Berliner“ folgten vier einzelne Singles für zwischendurch, ehe Ufo am 13. April sein Album „808“ releaste. Eine Platte, die nach der vorangegangen Definition den Namen „Album“ wahrlich verdient hat und nicht nur in unserem Soundcheck 2.0 viel Lob kassierte.

Worin ist er der Konkurrenz voraus?

Ufo schafft es, durch eine sehr hohe Frequenz an Output, dauerhaft im Gespräch zu bleiben und nie wirklich von der Bildfläche zu verschwinden. So weit, so unspektakulär. Was aber noch viel entscheidender ist: Er deckt mit der Art seines Outputs jedwede Präferenzen seiner Fans ab. Wer alle paar Wochen Bock auf unabhängige Singles für die Playlist hat, bekommt sie. Wer Bock auf zwanglose Mixtapes hat, bekommt sie. Wer Bock auf ein waschechtes Album hat, bekommt auch das. Um das Ganze zu verdeutlichen: Nur zwei Wochen nach „808″, droppte Ufo mit „Acker jeden Tag“ schon wieder eine neue Single.

Gut, hohen Output haben heutzutage viele. Was den Berliner jedoch von einem Großteil der Szene unterscheidet, ist, dass er den Status eines Albums höher zu stellen scheint als die meisten. Der gewöhnliche Deutschrapper bringt jedes Jahr ein Album raus. Das hat gute Gründe: Er muss Geld verdienen, er muss in der Öffentlichkeit präsent sein, er hat gegebenenfalls Labelkosten zu zahlen. Darum gibt es rund alle 12 Monate, manchmal mehr, manchmal weniger, ein neues Album. Zwischen zwei Alben war der gewöhnliche Deutschrapper auf Tour, im Urlaub und geht anschließend wieder ins Studio. Das bedeutet, der gewöhnliche Deutschrapper hat lediglich drei bis sechs Monate Zeit, um sich Themen, Sound und Gesamtvision seines neuen Albums zu überlegen. Dass das nicht in jedem Fall gut gehen kann, versteht sich wohl von selbst.

Dabei liegt die Lösung doch so offensichtlich auf der Hand: Macht es wie Ufo! Macht Mixtapes! Verdient Euch euer Brot mit Mixtapes, Singles und Momentaufnahmen. Investiert parallel Zeit und Sorgfalt in den Albumprozess. Stellt den Wert eines Albums auf ein höheres Podest und erschafft langlebige Kunstwerke! Keine Produkte, um Fixkosten zu decken.

Nach der Formel: Mehr Mixtapes = mehr Geld = mehr Zeit = bessere Alben.

Wie wird es also weitergehen?

Das Album wird weiterhin bestehen bleiben, so viel ist sicher. Alleine schon, weil es Künstler gibt, die ohne gar nicht existieren könnten. Man denke an Moses Pelham, Vega, Haze oder generell an den ganzen Deutschrapuntergrund, der bei Diskussionen, die ‚die Lage der Szene‘ betreffen, grundsätzlich immer ignoriert wird. Das sind keine Künstler, die sich nur mit Singles über Wasser halten könnten wie es ein Capital Bra kann oder ein Miami Yacine. Zudem zeigen selbst wilde, unkonventionelle Gamechanger wie Rin, Yung Hurn, Haiyti oder auch Cardi B in den USA, dass das Album, allen voran das Debütalbum, auch 2018 noch das wichtigste ist, was ein Künstler zu leisten hat. In welcher Form die Labels diese an den Mann bringen werden, ist eine andere Sache. Aber das Format wird nicht aussterben. Im Gegenteil: Vielleicht hört man ja sogar auf meine Worte und das Album gewinnt an Stellenwert…

 

 

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