Haiyti: „Die Leute sagen immer: ‚Sei doch einfach der Popstar, der du bist.'“

Haiyti - Montenegro Zero

Inzwischen sollte allseits bekannt sein, dass Haiyti keineswegs nur eines der vielen Ziehkinder Moneyboys ist, sondern im Gegenteil schon Jahre vor dem Glo Up Dinero Gang-Gründer aktiver Teil der Szene war. Nach kontinuierlichem Output in Form von EPs, Videos, einzelnen Tracks oder Feature-Parts, folgt heute das Release des zweiten Albums der Hamburger Künstlerin. Was auf „Havarie“ noch alles in Eigenregie entstanden ist, findet inzwischen unter kritischen Major-Label-Augen statt. „Montenegro Zero“ ist zwölf Tracks stark, beinhaltet keinerlei Features und wurde über Vertigo Berlin veröffentlicht. Bei Universal hat sie seit Oktober letzten Jahres einen Bandübernahmevertrag. Bereits lange vor Major-Label Zeiten wurde die Hamburgerin als zukünftiger Star gehandelt, mit dem Deal scheinen die Voraussichten von damals ihre Berechtigung zu erhalten.

Haiyti - Montenegro Zero

Am späten Nachmittag eines Novembertages machen wir uns auf den Weg in Richtung Hafencity, um eine der gefragtesten weiblichen Künstlerinnen der aktuellen Rap-Szene zu treffen. Seit geraumer Zeit befindet sich die Hamburgerin Haiyti in aller Munde. Und obwohl gefühlt jeder etwas zur Künstlerin zu sagen hat, richtig Bescheid weiß keiner. Eine Mischung aus Zurückhaltung, Schutz des Privatlebens und musikalischer Thematisierungen, die von Drogenkonsum über Familiengeschichten bis hin zum ehrlichen Glauben an die Liebe reichen, führt dazu, dass man trotz stundenlanger Beschäftigung mit Haiyti aka. Robbery nie das Gefühl bekommt, sie wirklich durchschaut zu haben. Wo fängt die Kunstfigur an und wo hört die Privatperson auf? Falco hat einst gesagt „Hans Hölzel ist 1981 angetreten, um Falco zu werden. In der Zwischenzeit ist er es hoffentlich.“ Einige Jahre weniger im Showbusiness als der Österreicher, scheint die ehemals als „Miami“ bekannte Künstlerin, sich auf einem ganz ähnlichen Weg zu befinden. Zwar sagt sie selbst, Kunstfigur und Privatperson würden sich sehr voneinander unterscheiden und wenn man sie als zwei differenzierte Personen sehe, wahrscheinlich nicht mal mögen, ist sich aber einen Moment später schon gar nicht mehr sicher, ob sie wirklich eine Grenze ziehen könne. Dass sie eigentlich seit jeher zwei Leben führt, erzählt sie uns bereits nach wenigen Minuten. In ihrer Kindheit habe sich alles zwischen Mittelmeerleben bei ihrem Vater in Kroatien und dem Leben bei ihrer Mutter in Deutschland abgespielt. Schon damals sei sie damit zwei sehr extremen Lebensstilen ausgesetzt gewesen, die sich zwar schlecht vereinen ließen, die sie aber beide schätzt. Die Extremen lebt sie bis heute. 

„Ich bin so das Mutterschiff und daraus entwickelt sich die Figur „Haiyti“, ich weiß nicht mal, ob ich sie kenne, ob ich sie mag. Das vermischt sich alles.“

Während ein Stockwerk tiefer Leute einchecken, scheinbar wichtige Dinge an ihren Laptops erledigen oder super entspannt am Kickern sind, sitzt die Hamburger Künstlerin schon seit mehreren Stunden in der „Vinyl Lounge“ eines vier-Sterne-Hotels in der Hafencity und beantwortet seit zwölf Interviews die Fragen neugieriger Musik-Journalisten. Fast schon unverschämt kommen wir uns vor, als wir Platz nehmen, um den Marathon fortzuführen. Umgeben von Regalen voller Platten, in einem Raum dessen Gemütlichkeit durch den künstlich auferlegten Flohmarkt-Charme kaum erzwungener sein könnte, gesteht uns Haiyti, den eigenen Promotag vergessen zu haben und deshalb noch sehr verkatert zu sein. Dann steigen wir doch direkt mit der Frage ein, ob sie nicht lieber ihre Musik für sich sprechen lassen würde, anstatt sich dauerhaft in Gesprächen erklären zu müssen, damit irgendwelche „Journalisten“ anschließend pseudopsychologische Texte zu ihrem Dasein verfassen. Während die Cloudrap und Trap-Szene nicht allzu selten als inhaltslos abgetan wird, finden wir in Haiytis Musik gefühlt ihr ganzes bisheriges Leben vor. Inhalte, die viel mehr Privates preisgeben, als jedes bisher veröffentlichte Interview mit der Künstlerin. Ehrlichkeit, deren weiterer Bestand einige durch den Vertrag bei Universal vielleicht in Frage stellen würden. Wer das Album inzwischen gehört hat, sollte jedoch vorerst besänftigt sein. Selbst Sampha empfand Haiyti in unserem Format „What about Deutschrap“ bereits nach dem Hören von „Angst“ als nicht besonders greifbar, umschrieb sie aber dennoch als sehr interessant und durchdacht, während Yung Hurn mit seiner Love Hotel Band auf den britischen Musiker wie eine Parodie wirkte. 

„Man muss halt aufpassen, was man sagt. Das fällt mir mega schwer. Weil ich mit vielen Sachen halt auch einfach mit Humor umgehe. Viele Leute wissen das einfach nicht. Natürlich geht damit auch etwas von mir verloren, aber das ist der Preis, den man zahlen muss.“

Auf erste Nachfragen bezüglich der strukturellen Veränderungen ausgelöst durch den Major-Deal, wirkt Haiyti, als wäre zumindest für den Moment alles sehr tragbar für sie. Wie viel Unsicherheit aber tatsächlich vorhanden ist, wird deutlich, wenn plötzlich alles in Frage gestellt wird, was mit dem eigentlichen Leben eines Stars in Verbindung gebracht werden könnte.

„Die Leute sagen immer „Sei doch einfach der Popstar, der du bist.“.

Wie Fehl am Platz das „einfach“ in diesem Satz ist, ergibt sich nach wenigen Minuten Gespräch. Aussagen, die deutlich machen, sie wolle eigentlich gar kein Star sein, überschneiden sich mit Wunschvorstellungen, auf Platz Eins zu charten und endlich kommerziell erfolgreich zu werden. „Ein Mal den Markt rasieren.“ Widersprüche die größer kaum sein könnten und zugleich die Unruhen, die Haiyti als Kunstfigur so interessant machen. Es scheint kurzzeitig, als könne sie sich einzig in ihrer Musik wirklich so darstellen, wie sie ist. Dass es neben der Musik aber auch noch andere Kunstformen gibt, die sie vergleichbar stark zu schätzen weiß, erfahren wir, als es um ihr bis vor kurzem ausgeführtes Studium an der Kunsthochschule in Hamburg geht. Zwar könne sie da nicht mehr einfach aufkreuzen, weil die Leute ihr keinerlei Privatsphäre mehr gönnen, weiterhin Malen wird sie trotzdem. Was ihr immer wieder im Weg steht, sind die Rahmenbedingungen. Beim Malen das Beschaffen von Leinwänden, Pinseln und Farben, beim Aufnehmen das Organisieren eines Studios. Einzig und allein das wären die Hürden, die sie von ständigem Produzieren abhielten. Während die Veröffentlichungfreude riesig zu sein scheint, ist der Konsum von Musik geradezu unwichtig für Haiyti. Nach eigenen Angaben wird diese eigentlich gar nicht und falls doch nur sehr unbewusst konsumiert.

„Ich bin Upload-süchtig.“

Klar ersichtliche Unsicherheiten, die man vergebens sucht, wenn man mit Haiyti über ihre Musik spricht. Schon alleine die Art der Veröffentlichungen, die sie in den letzten Monaten gewählt hat, weist eine Überzeugung auf, wie man sie selten vorfindet. Kurzfristige Momentaufnahmen verpackt in Musikvideos zu Tracks, die in wenigen Minuten entstanden sind. Die Art der Releases hat sich inzwischen zwar geändert, die Sicherheit wird trotzdem noch immer aus der Musik gezogen. Ähnlich sprunghaft, wie Haiytis Wesen (und das ist in diesem Kontext überhaupt nicht negativ gemeint), kommt „Montenegro Zero“ daher. Die bisher veröffentlichten Videoauskopplungen können sehr gut als Sinnbild für das hohe Maß an Abwechslung auf der Platte herangezogen werden. In „100.000 Fans“ bewegt sich Haiyti irgendwo zwischen 50er-Jahre-Filmstar und Berghain-Jugend, während sie in „Mafioso“ die coole Gangsterbraut gibt und in „Gold“ und „Sunny Driveby“ in alter Manier Einblicke in Urlaubs-Handyaufnahmen gibt. Soundtechnisch bekommen die Hörer gezeigt, wie vielseitiger Umgang mit Auto-Tune funktioniert und wie sich das mit minimalsten Synthies, rasselnden Snares und NDW-Einflüssen verbinden lässt. Am Ende entsteht ein Pop-Album, das in den richtigen Momenten hoch professionell ist, aber dabei die erwartete Belanglosigkeit, die die Sache so raffiniert macht, nicht zu kurz kommen lässt. Inszeniert, aber echt. Nicht ganz zu verstehen, aber trotzdem offengelegt. Zerbrechlich, aber gleichzeitig eiskalt. Mit Major im Rücken und trotzdem voller Spontanität. „Montenegro Zero“ bietet so einiges. 

„Ich habe Jahre lang dafür gekämpft, nicht funktionieren zu müssen. Über Umwege bin ich nun doch im System gelandet, aber wenigstens bin ich mein eigener Chef.“

Am Ende des Tages können wir jetzt vielleicht behaupten, ein, zwei Fakten mehr über Haiyti zu kennen. Ob uns das in irgendeiner Weise wirklich mehr über sie wissen lässt, bleibt fraglich. Die Raffiniertheit der Kunst steckt oftmals vor allem darin, sie alleinstehend für sich sprechen zu lassen und an dieser Stelle unnötige Hinterfragungen zur Schafferin zu vermeiden. Während sich einige große Stimmen der Musikindustrie bereits ganz sicher sind, in der Hamburgerin das neue Pop-Sternchen gefunden zu haben, ist sich die Hamburgerin selbst wohl noch überhaupt nicht sicher, ob sie dieses Spiel überhaupt zu Ende spielen möchte. 

BACKSPIN Podcast: Das Album des Monats „Montenegro Zero“

Ohne Worte mit Haiyti 

Haiyti zeigt uns ihre Untergrund-Tipps Teil 1

Haiyti zeigt uns ihre Untergrund-Tipps Teil 2

 

 

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