Frauen, Tiere, Emotionen: Wanja über das Frauenbild in der deutschen und amerikanischen Szene

Alle Illustrationen von Joey PeineDie Artikelserie „Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop“ hält verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel von weiblichen Akteuren zur Thematik Sexismus im HipHop fest. Noch immer ist er auf und abseits der Bühne präsent, doch wann wird die künstlerische Freiheit zu bitterem Ernst?

„Ich bin Wanja, 33, in Berlin zu Hause und Hip-Hop-Head seit ich mit 8 meinem Bruder das „Vier Gewinnt“ Tape geklaut habe. In den Jahren danach habe ich gerappt, mich an Breakdance versucht und bin daran gescheitert, Graffiti praktiziert, Künstler interviewt und erzogen (aka gemanagt), Mixtapes gemacht, auf Podcasts sehr viel über Hip-Hop gesprochen, die USA bereist und auch dort sehr viel über Hip-Hop gesprochen, Merchandise verkauft, Europatouren gebucht und erlebt, einen Blog gestartet und mittlerweile 10 Jahre am Leben erhalten, viel Sexismus erlebt, Frauen motiviert, Promo und PR zu meinem Beruf gemacht, Instagram dominiert und vor allem Hip-Hop von all diesen Seiten immer wieder lieben gelernt.“

Wie sieht dein Support für Frauen im Hip-Hop aus?

Wanja: Zum einen bin ich immer offen ein Mentor für Frauen zu sein. Mir schreiben viele Frauen und erhoffen sich Rat von mir. Da bin ich immer sehr gern behilflich. Ich spreche mich einfach gern öffentlich aus, weil sich viele andere Frauen das nicht trauen. Ich sage einfach die Dinge einfach wie sie sind. 

Nun sieht sich der Hip-Hop immer wieder berechtigterweise damit konfrontiert, dass die Geschlechtsrollen ungleich verteilt sind. Inwiefern bemühst du dich, die Stellung der Frau zu verändern?

Wanja: Repräsentanz ist wichtig. Man muss immer wieder darauf hinweisen, dass es viele Frauen im Hip-Hop gibt, selbst wenn sie vielleicht nicht so sichtbar sind. Diese Repräsentanz ist wichtig, weil sich viele junge Frauen nicht in dieser Musik und in dem Business sehen und entmutigt werden, überhaupt einzusteigen. Es gibt ja viele junge Mädchen die Hip-Hop lieben, rappen wollen oder sonst gerne etwas damit machen möchten. Wenn die sich selbst nicht auf den Bühnen, den Radios und in den Medien positiv repräsentiert sehen, dann ist das entmutigend. Da arbeite ich dagegen.

Es gibt ein Gap zwischen dem theoretischen Kunstbegriff, der beispielsweise die Anfeindungen im Battle gegen alles und jeden ermöglicht und dem wahren Leben backstage, mit Übergriffen. Wie beurteilst du dieses Gap?

Wanja: Im künstlerischen Teil kann ich das teilweise akzeptieren. Wobei ich finde, dass ein Text nicht davon handeln muss, wie eine Frau vergewaltigt wird oder ihr Schmerz angetan wird. Ich finde, da sollte es Grenzen geben. Der Künstler ist doch auch ein Mensch, der eine Mutter, oder vielleicht sogar eine Tochter oder Schwester hat. Da sollte das Menschliche greifen und sagen: „Nein, das ist nicht cool“. Manche Leute haben diese Grenzen nicht und klar kann man argumentieren, dass es Kunst ist. Persönlich finde ich es nicht ok, akzeptiere aber, dass es Teil des Games ist. Allerdings darf es nicht auf die persönliche Ebene übergreifen. Es ist ein großer Unterschied ob ein Typ auf der Bühne steht oder ob er dann backstage einer Frau an den Arsch fasst und irgendwelche Sachen sagt, die unangebracht sind. In einem professionellen Umfeld hat das nichts zu suchen.

Welche Erfahrungen hast du persönlich schon gemacht?

Wanja: Sehr viele. Sexuelle Übergriffe passieren ja auf verschiedenen Ebenen. Das „harmlose“ E-Mail Anschreiben mit „Hey Beautiful“ oder „Hey Sexy“ oder anderes. Wenn mir jemand auf der professionellen Ebene begegnet und mit mir arbeiten möchte, dann hat das da nichts zu suchen. Wenn du mir persönlich schreibst und das cool findest – ok, whatever. Seitdem ich 18 bin, habe ich sehr oft Künstler interviewt und Anmachen waren fast immer der Fall. Weil viele denken, dass sie dich danach noch in ihr Hotelzimmer mitnehmen können. Und das passiert noch immer.

Wie reagierst du in so einem Fall?

Wanja: Es kommt auf den Vibe im Allgemeinen an – man lernt einzuschätzen, ob man das noch als Spaß abtun und darüber lachen kann. Aber wenn es zu krass wird, dann gehe ich. Das Schlimme ist, dass man allgemein als Frau in der Welt lernt, Dinge einfach abzutun, weil sie dir dauernd passieren. Ob dir auf der Straße hinterhergerufen wird oder dir im Club an den Arsch gefasst wird. Irgendwann baust du eine Barriere auf, denkst dir deinen Teil und gehst einfach weiter. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diesbezüglich oft selbst von mir enttäuscht bin. Bei Künstlern sage ich noch immer zu selten etwas dagegen, weil ich oft im Zwiespalt bin, mir geschäftlich nichts zu versauen. Und dann lache ich halt und sage nichts. Der Idealfall wäre aber, wenn Frauen immer ihren Mund aufmachen.

Eines der großen Stichworte im Hip-Hop ist die Authentizität. Für Frauen wäre die in diesem Fall besonders wichtig.

Wanja: Absolut. Andererseits ist es aber auch schwierig, weil man in solchen Momenten oftmals alleine ist, umgeben von Männern. Die Grunddynamik auf der Welt ist, dass du als Frau unterlegen bist. Auch körperlich. Man weiß nie wie das ausgeht, wenn man einem Mann einen Korb gibt. Es gibt Frauen, die geschlagen oder sogar umgebracht werden für sowas. Deshalb nimmt man sich als Frau aus Angst oftmals zurück.

Ohne die Vorkommnisse zu relativieren, dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass es derart ausartet, im Deutschrap aber ziemlich gering sein.

Wanja: Natürlich! Das war ja auch ein Extrembeispiel. Gleichzeitig bewege ich mich aber mehr im US-Rap, als im Deutschrap. Da gibt es große gesellschaftliche Unterschiede. Ich sehe, dass deutsche Männer in der Regel viel zurückhaltender sind – es passiert seltener, dass dir Leute auf offener Straße hinterherrufen. In New York City passiert das dauernd. Amerikanische Männer sind sehr viel aggressiver in ihrer Anmache. 

Was sich de facto auch bei den Rappern widerspiegeln dürfte.

Wanja: Vor allem bei Rappern, die einen gewissen Legendenstatus genießen. Viele fühlen sich sehr sicher und meinen: „Wer bist du denn, der mich abweisen kann?“

Das dürfte unter anderem daher rühren, dass viele Frauen diesen Rappern nachgeben. Er fühlt sich also auf ironische Art und Weise legitimiert.

Wanja: Absolut. Und da befinde ich mich auch wieder im Zwiespalt. Einerseits bin ich absolut gegen Slutshaming und jede Frau sollte ihre Sexualität frei ausleben dürfen. Andererseits kommt es nicht von Ungefähr, dass Frauen bei Rapshows als Groupies gesehen werden. Das ist eben schwierig für andere Frauen und mich, die darauf keinen Bock haben. Es gibt aber auch männliche Groupies und die sind meist noch anstrengender, als weibliche Groupies (lacht).

Hip-Hop bietet durch seinen offenen Sexismus in der Kunst eine leichte und breite Angriffsfläche. Gleichzeitig ist das aber natürlich nicht nur ein szene-spezifisches Problem. Welche Unterschiede siehst du zwischen Hip-Hop, anderen Szenen und dem alltäglichen Leben?

Wanja: Auch, wenn ich hier und da mal Geschichten aus anderen Szenen gehört habe, kenne ich mich dort nicht genug aus. Allerdings glaube ich glaube nicht, dass Sexismus in der ursprünglichen Kultur des Hip-Hop verankert ist. Die Unausgeglichenheit der Geschlechter führt zu mehr Sexismus. 

Das sehe ich auch so. Schließlich erinnern sich viele Female MCs der 80er, dass in den Anfängen ausschließlich die Dopeness und nicht das Geschlecht zählte. Erst ab Mitte der 90er tauchten dann die ersten konstruiert hypersexualisierten Frauenbilder wie Lil Kim auf. Welchen Wandel hast du beobachtet seitdem du in der Szene unterwegs bist?

Wanja: Ausgehend von meinen persönlichen Erlebnissen, habe ich um das Jahr 2000 auch schon Sexismus erlebt. Zwar weniger als heute, aber es war dennoch präsent. Lil Kim hat klar ein hypersexualisiertes Bild einer Frau dargestellt – das sieht man allein schon auf dem Albumcover (Hard Core, Anm. d. Red.), wie sie dahockt. Und so wie ich die Geschichte kenne, war sie von Biggie auch so instrumentalisiert worden. Sie war eine schöne Frau, die rappen konnte und „sex sells“. Und wenn du eine schöne Frau sexualisierst, ist dir der Erfolg sicher. 

…genau wie Männer auch sexualisiert werden.

Wanja: Natürlich. Aber ein Mann kann eben auch Erfolg haben, ohne sexy zu sein. Und da sind Biggie und Lil Kim ein gutes Beispiel. Biggie wurde nie sexualisiert, hatte aber riesen Erfolg, hat sich dann Lil Kim geschnappt und sie zum Megastar gemacht. Das zeigt, dass sehr viele Männer im background waren, die wussten, in einem Bikini würde sie mehr Erfolg haben, als eine Queen Latifah zum Beispiel. Ich glaube das waren reine Businessmoves. Auch das bringt mich wieder in einen Zwiespalt, weil ich als Frau natürlich auch Vorteile habe in dem Business. Ich stehe dazu sie zu nutzen, weil es eigentlich nur die Nachteile ausgleicht. Und deshalb kann ich auch Nicki Minaj nicht dafür verurteilen. Sie ist eine Frau, die krass rappen kann. Sie sah auch ganz anders aus, als sie angefangen hat. Aber die Gesellschaft bringt uns bei, dass man den Erfolg erst bekommt, wenn man sich gewissermaßen präsentiert. Und weil Nicki das mit sich gemacht hat, ist sie ein Weltstar geworden. Und ganz ehrlich: More power to her. Ich kann sie dafür nicht verurteilen.

Macht und Aufmerksamkeit, die sie in Zukunft nutzen könnte. Allein schon dafür, dass sie trotz ihrer überzogenen Weiblichkeit, in der Szene auch von ausgemachten Machos respektiert wird. 

Wanja: Obwohl ich Nicki persönlich nicht kenne, habe ich nicht den Eindruck bei ihr, als würde sie das persönlich fertigmachen. Solange man sich nicht in eine Rolle drängen lässt, in der man völlig unglücklich ist – mach dein Ding und nutze es. Aber andere Frauen werden rein gezwängt und die macht das dann natürlich fertig. Ich glaube, Lil Kim sieht man zum jetzigen Zeitpunkt an, dass das alles nicht gut für sie gut war. Da muss man auf den Einzelnen schauen.

Wenn ich für mich persönlich spiegele, wer für mich die Top 5 MCs der letzten Jahre waren, würde ich mehr Frauen nennen, als Männer. Akua Naru, Rapsody, Princess Nokia oder Ana Tijoux beispielsweise.

Wanja: Ich liebe Princess Nokia! Ich kam auf sie durch das Mixtape „1992“, das ich eine Weile lang rauf und runter gehört habe. Ich finde ihre Musik super, ihre Give-a-fuck-Attitude

Brauchen wir Leute wie sie, um die Grenzen endlich aufzuweichen und zu überwinden?

Wanja: Ja, unbedingt. Allerdings weiß ich nicht welchen Impact sie auf Sexismus und auf unsere Kultur hat. Das kann ich nicht einschätzen. Aber: Je mehr Frauen wir haben wie sie, desto besser wird es. Generell sehe ich, dass Frauen weltweit mehr und mehr lernen sich von ihrer gesellschaftlichen Rolle zu befreien. Das wird auch seinen Impact auf Rap haben. Wir sind zwar noch weit vom Ideal entfernt, aber ich sehe positiv in die Zukunft.

Die folgenden Beiträge von Edoardos Kolumne Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop werden in den kommenden Tagen und Wochen hier auf BACKSPIN.de erscheinen.

Alle Illustrationen dieser Artikelserie stammen von Joey Peine.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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