Frauen, Tiere, Emotionen: Pilz über ihr Battle bei DLTLLY und Sexismus im Hip-Hop

Illustrationen: Joey Peine

Die Artikelserie „Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop“ hält verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel von weiblichen Akteuren zur Thematik Sexismus im HipHop fest. Noch immer ist er auf und abseits der Bühne präsent, doch wann wird die künstlerische Freiheit zu bitterem Ernst? 

„Hallo, ich bin Pilz. Ich mache Rapmusik – aggressiv und gesellschaftskritisch. Schenk mir ein Ohr. Oder ich mach wie Tyson.“

Eigentlich ist die Rechnung im Battlerap simpel: Du steckst ihm einen Lockenwickler in den Arsch, während er dich als blöde Fotze beleidigt. Sexistisch ist Battlerap allemal – aber ist er zwischen den Geschlechtern auch wirklich unfair?

Pilz: Mit der Geschlechterrolle hat das nichts zu tun. Battle-Rap ist Sport. Wenn ich die besseren Punches habe, die Crowd mitreißen kann und über bessere Skills verfüge, gewinne ich ein Battle.

Du hattest wahrscheinlich schon mit heftigen Reaktionen gerechnet, als du die Idee mit dem Kopftuch hattest. Aber dachtest du dabei auch an Morddrohungen?

Pilz: Über die Ausmaße habe ich mir keinerlei Gedanken gemacht. Vor Ort hat mich die ganze Crowd gefeiert. Ich habe während des Battles keine Buh-Rufe oder ähnliches wahrgenommen. Am meisten geschockt hat mich die Tatsache, dass dieser mehr-sekündige Ausschnitt, völlig zusammenhangslos tausendfach im Internet so rasant verbreitet wurde. Mich haben Menschen darauf angesprochen, die überhaupt nicht mit unserer Kultur vertraut sind. RTL hat mich übrigens auch angefragt – ich habe das Gespräch letztendlich aber abgelehnt.

Auf dem Tapefabrik-Festival wurdest du augenscheinlich unterstützt.

Pilz: Ja klar! Die Leute vom Tapefabrik Festival sind alle super und stehen hinter mir. Das gleiche gilt auch für das gesamte Team von DLTLLY. Wir sind alle nach wie vor in Kontakt. Außerdem haben mich viele Rap-Kollegen privat kontaktiert und mir Mut zugesprochen. Manche haben ja sogar öffentlich Stellung bezogen, wie zum Beispiel mein Bruder Marcus Staiger. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch mal bei allen bedanken, die hinter mir stehen – egal, ob es sich dabei um meine Anhänger handelt oder es Menschen aus der Szene sind.

Wie verlief der weitere Abend? Wusste man, dass das Battle eine Art Skandal auslösen würde?

Pilz: Dass das Battle einen Skandal auslösen würde war nicht abzusehen. Aber das gesamte Battle bewegte sich auf einem hohen Level. Die Energie war spürbar im gesamten Raum. Der Raum war komplett überfüllt. Leute, die das Battle sehen wollten mussten draußen bleiben, weil niemand mehr reinpasste. Ich habe den ungeschlagenen Champion der Liga besiegt. Und in Deutschland gab es bis dato kein Live-Battle, wo eine Frau so stark abgeliefert hat. Dass das Battle also in irgendeiner Form für deutschen Battle-Rap geschichtsträchtig werden würde, war eventuell spürbar – ja.

Hat sich seitdem generell etwas am Umgang mit dir verändert?

Pilz: Nein, absolut nicht. Ich fokussiere mich weiter auf die Arbeiten an meinem Album und bleibe dran.

Kürzlich erschien dein Mixtape „Hack“, auf dem du auch mit King Orgasmus One zusammengearbeitet hast. Wie kam der Kontakt zwischen euch zustande und die Idee einen Song zu machen?

Pilz: Mit Orgi bin ich schon sehr lange sehr cool. 2013 habe ich ihn zufällig am Telefon gehabt. Er hat mich damals zu seiner Show in Hamburg eingeladen. Seitdem sehen wir uns mehrmals im Jahr. Er hat mich auf seinem Album gefeatured, ich habe ihn auf meiner Platte gefeatured. Das sind Dinge, die dann einfach passieren, denke ich.

Für wen hättest du Partei ergriffen bei der Auseinandersetzung im Fernsehen zwischen Alice Schwarzer und King Orgasmus One?

Pilz: Pro Orgi! Alice Schwarzer hat die Kunst nicht verstanden. Alice Schwarzer möchte diese Art von Kunst auch nicht verstehen. Probs an Orgi, dass er sich in ihre Sendung gesetzt hat. Noch besser ist der Remix auf dem ILM Sampler 2, wo Orgi dann einfach Alice Schwarzer gesampelt hat und sie die Texte von ihm auf einem elektronischen Beat rappt. Das ist genau meine Art Humor – s/o an Orgi!

Es muss ermüdend sein, dass dein Geschlecht mal wieder Gegenstand des Gespräches ist. Wirst du, und inwiefern, das Thema auf deiner nächsten Platte angehen?

P: Ich habe mein Geschlecht bisher auf keinem meiner Alben thematisiert. Das brauche und will ich auch nicht. Ich mache Rap und ich bestimme die Themen. Ich rechtfertige nicht mein Geschlecht.

Die folgenden Beiträge von Edoardos Kolumne Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop werden in den kommenden Tagen und Wochen hier auf BACKSPIN.de erscheinen.

Alle Illustrationen dieser Artikelserie stammen von Joey Peine.

Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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