Frauen, Tiere, Emotionen: MC Kaur über die Szene Indiens

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Illustrationen: Joey Peine

Die Artikelserie „Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop“ hält verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel von weiblichen Akteuren zur Thematik Sexismus im HipHop fest. Noch immer ist er auf und abseits der Bühne präsent, doch wann wird die künstlerische Freiheit zu bitterem Ernst? 

„Ich heiße Manmeet Kaur aka MC Kaur. Ich bin 25 Jahre alt und der erste Female MC Indiens – eine musikalische Nomadin, die durch Rap-basierte Dichtung einen Weg gefunden hat, ihr Leben zu bereichern. Vor Kurzem ging meine selbstorganisiertes Tourdebüt durch Europa zu Ende. 8 Länder, 54 Tage, 20 Auftritte und ein Album mit dem französischen Producer Fatbabs.“

Manmeet, welchen Stellenwert hat HipHop in Indien? Welche Charakteristika und Einflüsse stechen besonders heraus?

MC Kaur: Seit etwa 28 Jahren haben die HipHop Sounds Indien erreicht. Die Kultur ist eine historische Quelle vieler rationaler Philosophen gepaart mit Überlebens-Know-how, Erfindungen und Revolution. Es ist nicht verwunderlich, dass HipHop hier Einzug gefunden hat: Hier herrscht ein vertrautes soziales Ungleichgewicht und so brechen die bewährten Führer des HipHop immer wieder die imaginären Grenzen der Nationen.

Die Situation für Frauen in Indien ist noch immer sehr schwierig, obwohl ihre Stimmen in der Öffentlichkeit lauter sind als je zuvor. Wie beurteilst du die Situation aktuell?

MC Kaur: Ich fühle mich verantwortlich inmitten all der ruhigen Frauen, die für die Wahrheit und ihre Rechte einstehen. Ich gehe zurück nach Hause, um daran zu erinnern, dass wir die antiken Einflüsse der Kultur in ein Geschenk verwandeln müssen. Und zwar so, dass das Wachstum von Individuen nicht durch geschlechtsspezifische Vorurteile bedingt ist. Es ist eine ernste Zeit. Angefangen bei Pärchen bis hin zu Freunden, sehe ich, wie ich mich besonders mit „Widerstand“ beschäftigen muss: Vom Schlafen auf indischen Straßen neben Obdachlosen oder in einer Cypher voller männlicher MCs, das Mic zu behaupten. Wenn ich mein eigener DJ bin trage ich einen BH, um mich perfekt in Szene zu setzen (ich kämpfe noch immer mit meiner Konditionierung), um besser bezahlt zu werden. Es ist offensichtlich und schwierig. Es ist alles gut, solange wir Frauen haben, die sich nicht selbst zum Opfer machen und ihre Schwangerschaftsstreifen nicht vor Männern verstecken.

Wie nimmst du die Reaktionen auf dich als weiblichen MC wahr?

MC Kaur: Ein weiblicher MC ist ein Dichter am Mic, der eine besondere Verantwortung und Attribute trägt. Diese Welt fordert sie heute auf, das Mikrofon richtig zu halten und die richtigen Worte zu sagen. Jetzt muss man sich die Frage stellen, wie sehr sie die Welt mit ihren Erkenntnissen herausfordert.

Wovon handeln deine Texte? Besprichst du auch die Rollen der Geschlechter und wenn ja, wie gehst du an das Thema ran?

MC Kaur: Ich spreche darüber, was Einfachheit ist und weswegen über ihre aktuelle Notwendigkeit. Zu viele Optionen und ungenutzte Ressourcen haben den Minimalismus seine Unschuld verlieren lassen. Ich möchte ihn zurückbringen, indem ich dem ich jeden Tag demütig dazulerne und das regelmäßig mit groovigen Musikern aus aller Welt dokumentiere. Endlich kann ich ein ehrliches Payback zu den 13 Jahren sehen, die ich in meine Musik gesteckt habe.

Bist du innerhalb der Szene bereits mit Sexismus konfrontiert worden?

MC Kaur: Verdammt, ja! Meine eigenen Erfahrungen stellen viele Schwestern in der Musik dar: ich bin von der Bühnenmitte für meine problematischen Texte ausgebuht worden, wurde in einer Cypher voll wütender Teenager als Hure beschimpft, weil ich nicht richtig beatboxen konnte, wurde als Grund genannt für das Ende der Crew meines Ex-Mannes und kann mich nicht mit gewissen Künstlern in Verbindung stellen, weil ich deren Battle-Rap nicht supporte. Jemand schrieb drei Diss-Songs gegen mich, daraus habe ich mir aber nichts gemacht – die Leute, die Stress suchen, müssen es ziemlich schwer finden, die Tribe niederzuknüppeln. Die letzten drei Jahre auf Reisen brachten mich zu vielen starken Frauen und mich auf die Idee mit ein paar weiblicher Enthusiasten ein Street-Team aufzubauen, die einander helfen und die Botschaft mit verschiedenen Kunstformen verbreiten.

Was hat die motiviert im Namen von HipHop um den Globus zu backpacken? 

MC Kaur: Ich habe mein Haus und meine Beziehungen bewusst verlassen. Meine Kernabsicht bleibt, mit minimalem Bedarf zu reisen und Musik für und mit Menschen zu schaffen. Europa hat viele kulturelle Zweige und eine hohe musikalische Dichte. Ich fühle mich geehrt, für verschiedenste Crowds dort aufgetreten zu sein. Ich musste wissen inwiefern meine Musik an weit entfernten Orten funktioniert, um ihren Wert zu festigen. Jetzt sehe ich die Zivilisationen mit einer klareren Perspektive auf ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede und habe mehr Sinn für Rap. Es ist ein Prozess.

Wie beurteilst du die lokale Szene?

MC Kaur: Ich muss erwähnen, dass ich keine besonders positive Meinung zur aktuellen Definition von „Szene“ vertrete. Viele Hip-Hop-Partys in einer Stadt, die ihre CDs oder Vinyls verkaufen, machen noch keine Szene für mich. Wenn Indien das erreicht, ist es immer noch keine Szene für mich. Jetzt leben wir in einem Land, in dem die Armen aus dem Slum anfangen HipHop zu feiern und Erfolg darin finden, ein Slum-Reiseunternehmen für Touristen zu machen. Wie paradox ist das denn? Sie könnten eine Menge alternativer Medien dafür bekommen, aber das ist keine „Szene“! Ich sehe eine ganze Menge von Battlerappern, die ziemlich unlogische, unreife, unproduktive, aber durchaus poetische Pointen setzen. Viele der neuen Kinder und alten Moderatoren organisieren Battle-Events. Aber in meiner Vision, wird sich der Klang verbessern, wenn man mit Instrumentalisten immer besser zusammenzuarbeitet. Sobald die Popmusik stoppt die Straßenrealität auf VH1 zu faken und wenn MTV India/Viacom beginnt, unabhängige Künstler wie mich rechtzeitig zu bezahlen, werden wir eine Hip-Hop-Szene in Indien haben. Ich hatte es bereits davor gesagt: Ab jetzt fühle ich mich verantwortlich (lacht).

Was hast du von deiner Tour mitgenommen und wie fließen die Eindrücke in deine Pläne für die Zukunft ein?

MC Kaur: Die Eindrücke der Tour werde ich in meinem zweiten Album teilen, das ich zusammen mit dem Beatmaker Fatbabs im Legal Shot Sound Studio in Rennes, Frankreich, aufgenommen habe. Ich werde die nächsten fünf Monate in Goa bleiben, dieses Projekt beenden und Auftritte absolvieren, um meine Europatour für das nächste Jahr und diesmal mit einem Manager zu starten!

Die folgenden Beiträge von Edoardos Kolumne Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop werden in den kommenden Tagen und Wochen hier auf BACKSPIN.de erscheinen.

Alle Illustrationen dieser Artikelserie stammen von Joey Peine.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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