Frauen, Tiere, Emotionen: Helen Fares über ihre Erfahrung als Hip-Hop-Journalistin


Alle Illustrationen von Joey Peine

Die Artikelserie „Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop“ hält verschiedene Erfahrungen und Blickwinkel von weiblichen Akteuren zur Thematik Sexismus im HipHop fest. Noch immer ist er auf und abseits der Bühne präsent, doch wann wird die künstlerische Freiheit zu bitterem Ernst?

 

„Ich bin Helen Fares, 22 Jahre alt. Ich moderiere seit 4 Jahren am Openair Frauenfeld, war zwischenzeitlich bei Hiphop.de, mache seit anderthalb Jahren mit meiner Kollegin Josi Miller die Radiosendung „Homegirls“ und studiere Wirtschaftspsychologie. Ich bin neuerdings an der Doku „Homo Digitalis“ für arte/br/orf tätig. Ich mache Mucke die unter strengem Verschluss bleibt, bis ich meinen inneren, perfektionistischen Schweinehund überwinden kann.“

Wie fandest du deinen Einstieg in den Hip-Hop und als Moderatorin?

Helen: Der Einstieg war smooth. Ich habe vor allem über Gospel und Lauryn Hill zum Hip-Hop gefunden. Ich habe dann viel Fugees, Nas, Mobb Deep, MF Doom und so Stuff gehört. So wurde die Brücke geschlagen, die jetzt unabdingbar steht. Im professionellen Bereich des Hip-Hop hatte ich auch keine Schwierigkeiten beim Einstieg. Die Leute, die mit Verantwortung hinter den organisatorischen Dingen im Hip-Hop stehen, sind meistens entspannte Zeitgenossen. Hiphop.de und ich wurden durch das Frauenfeld Open Air aufeinander aufmerksam. Darum ich wurde eigentlich immer mit offenen Armen empfangen.

Wie hast du auf den Übergriff im Backstage auf dem diesjährigen Frauenfeld unmittelbar danach reagiert? Wurdest du von dem Umstehenden unterstützt?

Helen: Der Typ war der einzige, der gelacht hat. Ich stand nervös da und hab sowas gesagt wie „das ist nicht lustig, ich finde das respektlos“. Der Dude hat dann noch irgendwas gesagt um mich bloßzustellen, dann hat eine beistehende Frau das vorsichtig in meinem Sinne kommentiert. Dann war der Typ auch wieder weg.

Laut eigener Aussage, sah sich Melbeatz noch nie mit Sexismus gegen sich selbst konfrontiert. Und sollte Etwaiges vorkommen, würde sie kontern. Es gibt also offenbar große Unterschiede wie Frauen behandelt werden. Woran machst du das deiner Meinung nach fest?

Helen: Ganz einfach: man fickt nicht mit Melbeatz. Wer in diesem Land im Hip-Hop-Bereich keinen Respekt vor dieser Frau hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Sie war in Deutschland so gut wie von Anfang an dabei. Kein Endzwanziger kann ihr kommen mit „Süße, lass mal den Papa reden.“ Im besten Falle kann kein Mann einer Frau so kommen. Aber so ist das leider. Die Menschen müssen sich Respekt verdienen. Ich finde, jeder Mensch muss respektiert werden und kann den Respekt nur verlieren. 

Du hast zum Vorfall Stellung auf Facebook genommen. Kurz danach stand für dich fest die Szene zu verlassen.

Helen: Ich habe die Szene nicht verlassen, ich glaube das habe ich damals falsch formuliert. Ich bin raus aus dem Hip-Hop-Journalismus, aber nicht aus Hip-Hop. Diese Entscheidung habe ich während des diesjährigen Openair Frauenfeld gefällt. Wie gesagt, gab es Schwierigkeiten ein passendes Format für mich bei Hiphop.de zu finden. Ich wollte, ums knapp auszudrücken, tiefgründige Gespräche mit „Untergrund-„ und legendären Amirappern führen. Das Problem ist, dass es dafür in Deutschland fast keinen Markt gibt. Man muss natürlich auch an die Finanzierbarkeit eines jeden Projektes denken. Das haben wir alle verstanden, und dann habe ich auf dem OAF ein langes, gutes Gespräch mit Fu geführt, woraufhin die Entscheidung für mich feststand. Der übergriffige Vorfall am Frauenfeld selbst hatte darauf keinen Einfluss. Sexismus war nicht, das würde ich am liebsten laut in die Hip-Hop Welt schreien damit das niemand mehr falsch wiedergibt, ausschlaggebend dafür, dass ich keinen Hip-Hop-Journalismus mehr mache, sondern der Fakt, dass ich keinen mir passenden Schuh finden konnte. 

Trotzdem ein Schritt mit Haltung. Welchen Tätigkeiten gehst du im Hip-Hop weiterhin nach?

Helen: Ich moderiere weiterhin im Hip-Hop-Bereich. Ich bin nach wie vor am Frauenfeld und nehme z.B. an Podiumsdiskussionen zu Hip-Hop-Thematiken teil. Ich gehe auch auf jedes Rap-Konzert in meiner Nähe und bewege mich natürlich weiterhin im von der Hip-Hop-Kultur geprägten Umfeld. Ich bin mit dem Stuff aufgewachsen. Ich kann ja nicht dieser Liebeskultur den Rücken zuwenden. Nur dem Journalistischen Teil von ihr.

Hat sich an deiner Einstellung zum Hip-Hop etwas geändert?

Helen: Nichts. Ich liebe Hip-Hop immer noch so sehr wie an dem Tag, als ich meine erste CD von Mobb Deep in der Hand hielt. 

Wie würdest du den Umgang im Hip-Hop beschreiben?

Helen: Nur Liebe einfach. Die Menschen die mich umgeben die aus dem Hip-Hop kommen, sind alle voller Liebe. Breaker, DJs, Sprüher, Rapper… Josi und ich haben als Homegirls vor Kurzem ein Benefizfestival in Leipzig veranstaltet. Da waren alle Ebenen des Hip-Hops vertreten und ich hatte den ganzen Tag Hummeln im Arsch vor lauter Freude. Alle waren so gut drauf, ständig würde sich umarmt und gegenseitig neuer Stuff gezeigt… einfach Liebe halt. Es klingt so plakativ, aber das ist es. 

Princess Nokia, Sara Hebe, Ill Camille und Gavlyn on the rise. Wird sich die Lage in Zukunft radikal ändern oder, ungeachtet der Erfolge weiblicher MCs, noch immer vor sich hindümpeln?

Helen: Keine Ahnung. Schaut Dir Queen Latifah, Lauryn Hill, MC Lyte, Missy Elliott und all die anderen legendären Rapperinnen Ü40 an. Das ist sicker Rap. Ich weiß nicht ob es ohne diese Ladies noch mieser um Frauen im Hip-Hop stünde, aber wenn eine Princess Nokia Rap revolutionieren kann, dann freue ich mich. Ich bleib trotzdem bei Lauryn Hill.

Welchen Projekten widmest du dich jetzt?

Helen: Ich möchte gerne in die dokumentarische Richtung gehen, so wie in dem momentanen Projekt „Homo Digitalis“. Gleichzeitig suche ich nach Produzenten, die jazzige Neosoulbeats bauen und arbeite weiter an meinem Gesang. 

Und für welche Gründe würdest du doch wieder zum Hip-Hop-Journalismus zurückkehren?

Helen: Gäbe es auf einmal einen großen Markt in Deutschland für Deeptalk mit Leuten wie Masta Ace oder Royce da 5’9 – dann käme ich wieder (lacht).

Die folgenden und bereits erschienenen Beiträge von Edoardos Kolumne Frauen, Tiere, Emotionen: Sechs Fäuste für die Gleichberechtigung im Hip-Hop findest du hier auf BACKSPIN.de.

Alle Illustrationen dieser Artikelserie stammen von Joey Peine.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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