Sentino – „Ich bin deutscher Hip-Hop“ wird elf Jahre alt

Am 20. Oktober 2006 erschien mit „Ich bin deutscher Hip-Hop“ das Debütalbum von Sentino aka Sentence. So weit, so unspektakulär. Doch wenn man bedenkt, dass der damals 23-Jährige zuvor bereits zwei Majorlabels ohne Release verlassen hatte und im Umfeld von Deutschrap-Schwergewichten wie  Savas, Bushido oder Fler zu sehen war, liefert die Entstehungsgeschichte von „Ich bin deutscher Hip-Hop“ Gesprächsstoff für ein ganzes Buch.

Irrungen, Wirrungen

1999 trat der damals 17-Jährige Sebastian Enrique Alvarez zum ersten Mal in Erscheinung. Er lernte Joe Rilla kennen, tourte mit den Analphabeten durchs Land uns bekam seinen ersten Majordeal bei Def Jam Germany. Doch statt einem groß aufgezogenem Major-Debüt, erlebte Sentence den ersten von vielen Rückschlägen. 2002 schloss das Label die Pforten bevor ein offizielles Release des Newcomers erscheinen konnte.

Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich jedoch eine andere. Sentence lernte Kool Savas kennen. Savas hatte gerade Optik Records gegründet und mit „Der beste Tag meines Lebens“ ein Album veröffentlicht, an dem er heute noch gemessen wird. Mit neuem Deal und nach einer erfolgreichen Optik-Tour, sah es ganz danach aus, als wäre Sentinos Debüt nur noch einen kleinen Schritt entfernt. Bis ein gewisser Julian Smith alle Hoffnung zunichte machte. Smith managte damals Savas und kümmerte sich dementsprechend auch um dessen direktes Umfeld. Bis er beschloss, den Künstlern das Geld zu unterschlagen und sich einfach aus dem Staub zu machen. Musikindustrie: Zwei, Sentino: Null.

In den Folgejahren findet sich Sentino bei Fler und Bushido ein. Bis heute kursieren Gerüchte, er sei als Ghostwriter unterwegs gewesen und habe ganze Songs auf „Neue Deutsche Welle“ von Fler und „Electro Ghetto“ von Bushido geschrieben.  Trotz des Beefs der beiden bleibt Sentino mit beiden cool, weshalb er schnell zwischen die Fronten gerät und schließlich von beiden gedisst wird. Auch die gemeinsame Vergangenheit mit Savas und Eko schien eher ein Dorn im Auge. In den Disstracks der beiden Streithähne fiel Sentinos Namen. Dennoch zog der Berliner – wenn auch nicht wirtschaftlich – großen Nutzen aus dieser Zeit. Durch die Disstracks rund um seine ehemaligen Kollegen wird sein Name bekannter. Deutschrap will wissen, wer er ist und warum die ganz Großen der Szene seinen Namen in den Mund nehmen. Nicht zu vergessen, seine beiden Features auf „Electro Ghetto“ zählen für viele  bis heute zu den Highlights der Platte.

Ich bin deutscher Hip-Hop

2006 war es dann endlich soweit. Sentino, mittlerweile bei 5 vor 12 Records unter Vertrag, veröffentlicht sein Debütalbum. Entgegen vieler Erwartungen, die sich wegen der zuvor erschienen Mixtapes auftaten, er wäre nur zu technisch versiertem Battlerap fähig, überraschte der Berliner mit einer runden, gehaltvollen Platte. Unser ehemaliger Chefredakteur Dennis Kraus gab der Platte in der BACKSPIN #80 viereinhalb von fünf möglichen Punkten, die Juice bewertete mit viereinhalb von sechs Kronen ähnlich begeistert. Die Kritiker hatte Sentino im Sack, aber was war mit den Fans?

Der kommerzielle Erfolg blieb aus. „Ich bin deutscher Hip-Hop“ chartete im Niemandsland und verkaufte sich nicht. Kurze Zeit später schloss mit 5 vor 12 Records auch das nächste Label seine Türen. Enttäuscht vom bisherigen Verlauf seiner Karriere, zieht es Sentino nach Polen zurück und weg vom deutschen Rap.

Sentino war zum dritten Mal zur falschen Zeit am falschen Ort. Doch um ein Unschuldslamm handelt es sich bei Sebastian Enrique Alvarez selbstverständlich nicht, wie er selbstkritisch zugibt:

„Ich bin ein sensibler Mensch, den ich oft überspiele mit einer gewissen Arroganz oder einem leichten Hang zum Alkohol.“

Don’t call it a comeback

Seit dem ‚Street-Album‘ „Stiller Westen“, welches 2012 erschien, meldete sich Sentence aka Sentino in mehr oder minder regelmäßigen Abständen zurück. Auf „Stiller Westen“ sollte „Wilder Osten“ folgen, was allerdings nie geschah. Stattdessen tauchte er immer wieder im Umfeld von seinem alten Wegbegleiter Fler auf, der ihn über die Jahre mehrmals als Feature auf seine Releases holte und ihn offenkundig als Co-Writer bezeichnete.

2016 dann die große Überraschung: Sentino unterzeichnete bei Maskulin und sorgte  mit „Unterwegs“ gemeinsam mit  Flizzy für einen der größten Hits des vergangenen Jahres. Sehr zur Freude seiner Fans kündigte er mit „Sentinos Way 3“ auch gleich ein neues Release an. Während es im „epischen Interview“ noch so aussah, als wären Fler und Sentino eine unzertrennliche Einheit, hielt auch dieses Vertragsverhältnis nicht lange. Nur wenige Monate später verließ der Berliner Land und Label und ging zurück nach Polen. „Sentinos Way 3“ erschien trotzdem. Jedoch nicht als offizielles Release bei Maskulin, sondern independent und wirkte dabei eher wie eine zusammengewürfelte Compilation alter und neuer Songs. Mittlerweile widmet sich Sentino lediglich seiner polnischen Rap-Karriere und scheint mit Deutschrap abgeschlossen zu haben. Auf seiner Facebookseite verramscht er alte Songskizzen und ganze 16er an jeden, der bereit ist, mehrere hundert Euro dafür zu zahlen und findet in den Medien nur noch als Beef-Partner von Fler seinen Platz.

Was wäre wenn…

Sentino den Erfolg bekommen hätte, der ihm laut Fachpresse zustand?

… wenn er sich und seine Probleme in den Griff bekommen hätte?

Vermutlich hätte Deutschrap bis heute ein weiteres Zugpferd, das sich in die Liga seiner alten Weggefährten einreihen würde. Leider bleibt er am Ende das tragische Beispiel des Kritikerlieblings, der es nicht schaffte, sein volles Potenzial auszuschöpfen und das große Publikum zu erreichen. Es war ein Teufelskreis, Sentino kam nicht raus.

Das epische Interview 

„Sentinos Way 3“ im Soundcheck 

 

Irgendwo zwischen Feuilleton und Bahnhofskneipe

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