Über Handys und Gewehre – Deutschrap-Cover 2016

Wirklich? Noch ein Jahresrückblick? In den letzten Wochen wurde auf allen Kanälen fleißig auf das Deutschrap-Jahr 2016 zurückgeschaut. Ausgerechnet die Alben- und Mixtape-Cover wurden dabei jedoch allzu oft übersehen, findet unser Kollege Iven Sohmann. Der Rapfan und Design-Experte gibt einen gestalterischen Überblick der letztjährigen Releases und nimmt ein paar der Artworks für uns genauer unter die Lupe.

»You German Gringos … !« Der Shitstorm, der Genetikk nach der Veröffentlichung von »Fukk Genetikk« ereilte, war wahrscheinlich der größte Aufreger in Sachen Deutschrap-Cover 2016. Der Kern der Kritik war, dass sie als weiße, privilegierte Europäer mit bewaffneten Favela-Kids auf ihrem Cover Kasse machen. Den Sellout-Vorwurf muss man sich als Künstler im Dunstkreis des Mateschitz-Imperiums wohl oder übel gefallen lassen. Der Welt ist jedoch sicher nicht geholfen, wenn sich jeder nur für »seinesgleichen« gerade macht. Die Thematisierung sozialer Missstände in Brasilien ist jedenfalls so verwerflich wie die finanzielle Unterstützung minderbemittelter Schulen in Palästina – aber das ist ein anderes Thema und vor allem eine Frage der Inszenierung.

Die kommerzielle Aufarbeitung laienhaften Bildmaterials war 2016 auch fernab von »Fukk Genetikk« zu beobachten. So verbindet das Horrorcore-Album »Narben« von Crystal F auf seinem Cover das Foto eines Jungen im Streichelzoo mit der Störung einer VHS-Kassette, um dessen psychische Erkrankung zu visualisieren. Noch intimer, weil nicht fiktiv, sind die Cover zu Olexesh»Makadam«, Kalims »Odyssee 579« und Shindys »Dreams«, die allesamt Original-Bildmaterial aus dem Leben der Künstler collagieren. Auch der King of Rap veröffentlichte im letzten Jahr ein sehr persönliches, biografisches Artwork:

»Essahdamus« von Kool Savas

Peace Out oder Victory-Zeichen? Oder einfach nur zweifingerbreit? 36 Jahre nach dem 3. Militärputsch in der Türkei releast Kool Savas sein Mixtape »Essahdamus«. Händisch schreibt ein kleiner Junge den Titel mit deutbarer Geste auf die atemfeuchte Scheibe eines Zugabteils. Das Cover von Adopekid aus Hamburg erzählt die prägendste Episode aus dem Leben des jungen Savas Yurderi. Nachdem sein Vater als Oppositioneller vom Militärregime inhaftiert wurde, fliehen er und seine Mutter von Istanbul nach Aachen. Zügigst, bepackt nur mit dem Nötigsten und ohne Rückfahrticket. Eine Szenerie ohne die es den Künstler Kool Savas heute so nicht geben würde. Vom Kind zum King.

Die einfühlsame und malerische Gestaltung in bester Wes Anderson-Farbgebung ist auch abseits der Patschehändchen mit allerhand Details versehen. Während das Kool Savas-Logo im oberen Teil des Schiebefensters wolkig am Himmel steht, wird der Istanbuler Bahnhof Sirkeci darunter von Minarett und Militär gesäumt. Die Spielzeugfeuerwehr im Inneren des Waggons wirkt Sturmgewehr, Stahlhelm und Staatsflagge dabei befriedend entgegen. Das Playmobil wurde tatsächlich mit den letzten Lira auf der Flucht erworben. Sogar das Shirt folgt dem Original-Strickmuster von Savas’ Großmutter – nicht der einzige rote Faden, der sich hier durch das Cover zieht. Aber wie passt dieses biografisch so bedeutsame Gemälde mit dem traditionell eher laxen Charakter eines Mixtapes zusammen? Auf dem fünften Track liefert Savas selbst die Antwort: »Wurd’ geboren, um zu scheitern, doch lebe für den Triumph – Keiner nimmt mir das hier!« Wer will da widersprechen?

Design: Adopekid

Andere Szenegrößen taten sich mit der Covergestaltung schwerer. Trotz vieler persönlicher Songs kam das Artwork von Samy Deluxe’ »Berühmte letzte Worte« nicht über einen austauschbaren Pop Art-Look hinaus. Bunt ist eben nicht alles, wenngleich 2016 vieles bunt war: von der schöpfungshohen Kirchenfenstercollage bei Audio88 &Yassins »Halleluja« über die gelungenen Comic-Darstellungen von SSIO (»0,9«), Hiob & Pierre Sonality (»Die Zampanos«) und Rude Bwoy (»Politisch nicht korrekt«) bis hin zu den »Where’s Waldo?«-artigen Experimenten für »Limbus« von Prezident bzw. »Tiere sind cool« von Huhnmensch & der böse Wolf. Auch auf einem Release der 187 Strassenbande ging es bemerkenswert bunt zu:

»High & Hungrig 2« von Gzuz & Bonez MC

Freund und Feind, Himmel und Hölle, Yin und Yang. Auch die Fortsetzung des Albums »High & Hungrig« von Gzuz und Bonez MC zeichnet eine Welt komplementärer Gegensätze. Entsprechend wagt das dazugehörige Artwork vom Hamburger Grafik- und Graffitikünstler Bobby Analog den Spagat zwischen Fahndungsfoto und Juniortüte. Unter einem zensurbalkigen »High&HUNGRiG 2«-Blackbooksketch posieren die beiden 187-Leitwölfe im Carlo-Colucci-Pelz.

Mit haftgeschädigtem Habitus hält Gzuz das Tickerhandy in der einen und den erhobenen und knasttätowierten Zeigefinger in der anderen Hand. Mahnma! Der an die Königskette gelegte Bonez zähneknirscht derweil ins Schnürtelefon der (verpixelten) Marke Reebok Classic wie einst der US-amerikanische Fernsehspion Maxwell Smart. Das für einen Geheimagenten weit weniger smart zu zeigende Sturmgewehr präsentiert er auf der Beanie. Die beiden Telethuggies wirken dabei furchterregend und fürchterlich sympathisch zugleich – Parental Advisory vs. Cuteness Overload. Folgerichtig komplettiert ein in Play-Doh-Farben besprühter Hintergrund samt Ganjablatt, Mercedes-Stern und Eurozeichen den trashig-très-chicen 90er-Jahre-Look, der unter anderem an The Fresh Prince of Bel-Air erinnert. Egal, ob man nun die Messlatte oder die Limbostange anlegt: Die Musik von Gzuz und Bonez MC wird hier mit all ihren Höhen und Tiefen visualisiert. Das Cover ist also unten durch. Und zwar von unten durch die Decke!

Im Gegensatz zu den beiden 187ern haben die Beginner in Sachen Posieren offensichtlich Nachholbedarf. Das Artwork zu ihrem Comeback-Album »Advanced Chemistry« enttäuschte mit einer gekonnten, aber ideenlosen Komposition aus Fuchs, Brüsten und Bling-Bling. Dass Hochglanzfotografie und lebendiges Coverdesign sich jedoch nicht per se ausschließen, bewiesen Maeckes’ »Tilt« und Azads »Leben 2« sogar mit augenscheinlich dem Tode geweihten Motiven. Als fotografisch wertvoll stachen außerdem Flers »Vibe«, Negromans »Negroman«, Megalohs »Regenmacher« und »Futschifilm« von den Futschis (inklusive Fox Mulder-Stuntdouble) hervor. Mit einer ganzen Fotoreihe überzeugte indes das innovative Artwork von T9:

»R.I.F.F.A.« von T9 (Torky Tork & Doz9)

Was? Waaas? Sorry, wir sind im Tunnel. Wie schon beim ersten T9-Release buddelten Torky Tork und Doz9 ein Funkloch, um sich Hals über Kopf in die Studioarbeit zu stürzen. Ihre Reise abseits der Balkenroute führte sie diesmal für eine Woche nach Teneriffa, wo nicht nur die Musik, sondern auch das Artwork für »R.I.F.F.A.« entstanden. Der Kölner Fotograf Robert Winter begleitete die beiden auf die titelgebende Kanareninsel und hat dort anscheinend übers Ziel hinausgeschossen. So konnte man sich nicht auf ein finales Motiv, sondern nur auf eine Auswahl für das Cover verständigen. Das durchdachte Grafikdesign von Gizem Winter lässt den Hörer deshalb selbst entscheiden …

Die Dreifaltigkeit der Verpackung stellt eine ruhevolle Bananenplantage, eine mystische Nebelwolke und eine nicht enden wollende Landstraße als Hintergrundmotive zur Wahl. Im Vordergrund wird – wie schon auf dem Cover des Vorgängeralbums – das immergleiche Nokia 3510 mit dem »t9«-Pixellogo von Torky Tork empfängnisbereit gen Himmel gereckt. Der Geigerzähler der Zivilisation zeigt es an: kein Netz. No Service. Empfang yok. Das Cover zelebriert die Abgeschiedenheit – nicht der Isolation sondern der Konzentration wegen. Worky Work & Doz24/7. Ein Entstehungsprozess der nach Urlaub aussieht, aber in Wahrheit harte Arbeit war, die sich offensichtlich auch beim Artwork bezahlt gemacht hat. Ein Highlight am Ende des Tunnels!

Design: the winters

Neben Collagen, Comics und Kunstfotografien brachte 2016 aber auch grafisch-plakative Cover zum Vorschein. Darunter vertreten sind unter anderem AchtVier & Saids »50/50« mit dem geteilten Euro, ein paar gute Tropfen »Marmeladé« von Crack Ignaz, Haiytis »Nightliner« mit Schlüsselkratzer und BRKNs fliegende Augenbrauen auf »Kauft meine Liebe«. Künstlerisch-experimentell ging es hingegen auf Degenhardts »Terror 22« und Lakmans »Aus dem Schoß der Psychose« zu. Während der eine auf eigenwillige Anime Art abtaggte, ließ der andere seinen Namen aus der Planetenkollision von Creutzfeld & Jakob und Witten Untouchable erwachsen.

Es lässt sich beobachten, dass immer mehr Deutschrap-Veröffentlichungen auch visuell kreativ gestaltet sind und nicht einfach auf zentrierte Portraits mit wahlweise nachdenklichem, coolem oder bedrohlichem Blick zurückgreifen. Wobei die Cover der Prinz Pis, Kollegahs und Plusmachers natürlich ebenso ihre Daseinsberechtigung haben – es ist okay die Hülle seines Tonträgers nur zu bebildern. Es ist jedoch löblich und berichtenswert, wenn aus dem Zusammenspiel von Cover und Musik etwas entsteht, das größer ist als die Summe seiner Teile. Fernab der Shitstorms wird diesbezüglich in den Reviews aber leider noch zu selten hingeschaut. Man darf gespannt sein, welche Veröffentlichungen 2017 Aufsehen erregen. Oder Aufregung ersehnen. Bushidos Solo-Album kommt Anfang Mai.

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Kevin

Head of Redaktion. Zuvorkommend wie Casper 2010.

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