Destroy Degenhardt: Zwischen Genie und Wahnsinn

Vergangenen Freitag erschien das sechste Album des Berliner Rappers Degenhardt. Wer den Künstler bereits auf dem Schirm hat, weiß, dass seine Musik von Düsternis gerade so trieft. Eine Dunkelheit, die nicht immer einfach zu verstehen ist, aus der man aber einiges ziehen kann, wenn man sich die Mühe macht, sie zu begreifen. Während die deutsche Rapszene in vielerlei Belangen eine Maskerade darstellt, trägt der Künstler seine Maske nur in physischer Hinsicht. Auf seinen Tracks macht er sich frei von jeglicher Fassade und lässt tief blicken. Durch diese Ehrlichkeit in seiner Musik, erfährt man eigentlich alles, was man vom Audiolith-Signing wissen müsste. Dennoch wollte ich von Degenhardt persönlich und abseits seiner Alben hören, wer er ist. In ausführlichster und herzlichster Weise, hat er mir seine Geschichten erzählt. Ausgehend von einem Facebook-Posting, in dem er seine Fans dazu auffordert, zu verraten, wessen Leben sie gerne führen würden, wollte ich von Degenhardt wissen, wer seine Vorbilder sind. Lange Zeit habe er keine Antwort auf diese Frage gefunden, könne sie aber inzwischen beantworten. Andrew Reynolds, ein Profi-Skater aus Florida, führt das scheinbar perfekte Leben. Der Rapper war selbst lange Teil der Szene und hat sich vor seiner Musik vor allem auf dem Skateplatz rumgetrieben. Eine mehr oder weniger stillgelegte Leidenschaft, die aber bis heute einen großen Teil von ihm ausmacht, wenn auch nicht mehr so aktiv ausgelebt wie früher. Die Vorgehensweise Degenhardts beim Produzieren seiner Musik scheint simpel. Er erzählt und bleibt dabei stets ehrlich und autobiografisch. Das Ergebnis ist dabei alles andere als simpel. Wer seine Alben von Anfang bis Ende durchhört, erkennt schnell, dass die Kunst hier als Verarbeitungsprozess fungiert. Mit dem Handbuch des Giftmischers kommt er am Ende seiner Geschichte an, wie es weitergeht bleibt offen. Mögliche Optionen sind für ihn aufhören oder was ganze Neues machen.

In seiner Musik finden sich etliche Samples aus verschiedensten Genres von allerlei Künstlern. Nicht nur musikalisch, auch anderweitig holt sich Degenhardt gerne Inspirationen. Jahrelang in verschiedensten Videotheken gejobbt, könnte man ihn als Film-Nerd abtun. Im Gespräch betont er aber, nicht der klassische allwissende Experte zu sein. Er merke sich zwar viele Kleinigkeiten, nicht aber Randfakten wie Erscheinungsjahr oder Regisseur. Die Devise lautet, vom Inhalt ptofitieren, anstatt mit Faktenwissen zu glänzen. Zu seinen Lieblingsfilmen zählen unter anderem auch die Sachen von Wong Kar-Wai. Irrtümlicherweise bin ich davon ausgegangen, „Chunking Express“ wäre hier der klare Favorit des Rappers. Schnell wird mir aber klargemacht, dass „Fallen Angels“ die Nummer Eins ist. Wer die Filme gesehen hat, weiß, dass sie sich handlungstechnisch zwar sehr ähneln, man dennoch klare Unterschiede ausmachen kann. So könnte man sagen, dass der Chunking Express die harmloserer Version von Fallen Angels ist. „Wenn es mir gut geht, bin ich Chunking Express, wenn es mir schlecht geht, bin ich Fallen Angels“. Eine Aussage die den Nagel auf den Kopf trifft. Selbst in Berlin aufgewachsen, scheint die jeweilige Handlung und die Darstellung des Lebens in der Anonymität der Großstadt gut nachvollziehbar. Dass der extremere Film hierbei auf den größeren Anklang stößt, scheint bei einem Künstler wie ihm nicht verwunderlich.Von seiner neusten Platte redet Degenhardt gewohnt kritisch. Das Positivste, was er dazu verlauten lässt ist „die würde ich mir privat auch mal hören“. Bei den anderen Releases wäre das nicht so.  

Mit „Carhartt Depression“ liefert uns Destroy Degenhardt heute den perfekten Beweis dafür, dass sich seit Release Eins einiges getan hat. Zusammen mit Kollege Prezident kommt zusammen, was zusammen gehört. Auf scharfsinnigste Art und Weise wird dargelegt, was oben beschrieben steht – Ehrlichkeit, die keine Masken zulässt. Die Devise an vermeintliche Hörer lautet: Traut euch! Ihr werdet belohnt mit einem Album, das noch stimmiger ist als seine Vorgänger und sich dabei an keiner Flunkereien bedienen muss.

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„Das Handbuch des Giftmischers“ bekommt ihr hier.

 

Vom Soziologen*innen-Debattiertisch in Tübingen direkt in die BACKSPIN-Redaktion in Hamburg.

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