Autorencharts 2017: Yannick H.

Und wieder ist ein Jahr rum und wieder steht die diffizile Aufgabe an, die persönliche Bestenliste zu erstellen. Auch 2017 fällt es mir alles andere als leicht, mich auf eine Top 10 zu beschränken. War der diesjährige Output doch nicht nur von Quantität, sondern vor allem auch von enormer Qualität geprägt. So fielen meinem Selektierungsprozess schlussendlich Künstler wie Cro, Enoq oder Kalim zum Opfer, die mich jeder auf ihre eigene Art und Weise mit ihren Alben begeistern konnten. Doch am Enden haben Nuancen entschieden, die für einen Platz in der folgenden Auflistung sorgten und auch innerhalb dieser die Reihenfolge vorgeben:

 

10.
Joey Bada$$ – „All Amerikan Bada$$“
(Album)

Ähnlich wie schon Kendrick auf seinem Meilenstein „To Pimp a Butterfly“, zeigt sich Joey Bada$$ über den Tellerrand schauend, den eigenen Mikrokosmos verlassend. Denn der erst 22-jährige New Yorker thematisiert, sprich kritisiert, die gegenwärtige gesellschaftliche und politische Misslage in den USA. Dieses Äußern von Unmut ist mitnichten bis ins kleinste Detail ausformuliert, und ein gewisser Pathos schwingt zwischen den Zeilen oft mit. Doch was ist der Anspruch an solch einen jungen Musiker, der sich traut, das an- und auszusprechen, was viele Berufsgenossen allenfalls in kurzen Nebensätzen erwähnen? In Zeiten extremer Polizeigewalt gegen dunkelhäutige Menschen und der Chaos-Regierung unter Donald Trump erachte ich es für zwingend notwendig, sich als Künstler diesen Themen anzunähern. „All Amerikan Bada$$“ ist jedoch nicht in die klassische Conscious-Rap-Schublade zu stecken, in der man das zweite Album des MCs nach den bisherigen Ausführungen verorten würde. Vielmehr versprüht Joey Bada$$ einen jugendlichen Elan und kann Unbekümmertheit sein Eigen nennen, um so einen smoothen Sound zu kreieren, der nicht zu überladen oder gar heroisch daherkommt. Und der Hoffnung vermittelt. Denn obwohl „All Amerikan Bada$$“ nicht die Formel für den Reset liefert, werden Wege aufgezeigt, um Krisensituationen mit Optimismus zu begegnen. Eigeninitiative vorausgesetzt.

 

9.
Audio88 – „Sternzeichen Hass“
(EP)

„Normaler Samt“, „Halleluja“ und in diesem Jahr „Sternzeichen Hass“ – ob im Verbund mit Yassin oder solo, auf Audio88 konnte ich mich zuletzt immer verlassen. Der Misanthrop am Mic trägt sein Herz auf der Zunge und holt auf seiner EP zum verbalen Rundumschlag aus, der nicht pointierter hätte ausfallen können. Sozialkritik at its best. Da wird das klassische Schwarz-Weiß-Denken in Bezug auf die Flüchtlingskrise und generell der verquere Umgang mit ausländischen Mitbürgern aufgegriffen („Richtig und Falsch oder Gut und Böse / Erkennt man in Deutschland an Falafel oder Klöße“; auf „Dosenpfirsiche“). Da wird augenscheinlich wohltätiges, uneigennütziges Verhalten als Form von Selbstbeweihräucherung entlarvt („Heute schon beim Spenden ein Selfie gemacht / Den Beleg nicht vergessen, den verrechnet das Amt“; auf „Selfies“). Und da wird aufgezeigt, dass Geradlinigkeit zwischen Gut und Böse nicht immer gegeben und Vernunft ein dehnbarer Begriff ist („Gleichgewicht, Karma – nette Theorien / Würd’s Gerechtigkeit geben, wär‘ die Petry nicht am Leben“; auf „Direkter Vergleich“). Audio88, übernehmen Sie !

 

8.
Sampha – „Process“
(Album)

Sampha und sein Debütalbum „Process“ sind für mich DIE Entdeckungen des Jahres. Hatte ich den Briten doch vorab nicht auf dem Radar und wurde 2017 umso mehr Fan von ihm. Mit einer gelungenen Mischung aus R&B und Soul, angereichert mit allerlei elektronischen Anleihen, transportiert Sampha Lahai Sisay seine Gefühlswelt und nimmt sich dabei schweren Themen an. Verlust, darüber empfundene Trauer, Selbstzweifel – Vergangenheit und Gegenwart werden gleichsam aufgearbeitet auf dem Mercury Prize-prämierten Werk des Endzwanzigers (bisherige Preisträger: Dizzee Rascal, Skepta, James Blake, The xx etc.). Im Zentrum dieser musikalischen Verarbeitung steht die Piano-Ballade „(No One Knows Me) Like the Piano“, die sich inhaltlich mit dem Krebstod der Mutter auseinandersetzt. Leise, wohl gesetzte Töne und das den Hörer einnehmende Falsett Samphas lassen die Schmerzen erahnen, die der Londoner empfunden haben muss. Hier wird fernab von Kitsch agiert, was nicht zuletzt auch aus dem richtigen Gespür hinsichtlich lyrischer Be- bzw. Umschreibungen resultiert: An angel by her side, all the times I knew we couldn’t cope / They said that it’s her time, no tears in sight, I kept the feelings close / And you took hold of me and never, never, never let me go“. Nothing to add.

 

7.
Kendrick Lamar – „Humble“
(Video)

Was ist nicht alles geschrieben worden über Kendrick Lamar und sein neuestes Werk „DAMN.“. Kritikerliebling wie eh und je, hat sich der Comptoner für seine Verhältnisse im Vergleich zum Vorgängeralbum recht stark von Funk- und Jazz-Anleihen distanziert und bietet seinen Fans (lies: Jüngern) mehr raptypische Beats an, die mit seinem unnachahmlichen Flow die nächste Stufe auf der Karriereleiter des K.Dots anvisieren. Herausgepickt habe ich mir jedoch „Humble“, die erste Videoauskoppelung, die wegen lyrischer, aber vor allem aufgrund cineastischer Aspekte unbedingt in diese Liste gehört. Auf einem Synthie-Beat von Mike Will Made It daherkommend, fordert Mr. Duckworth Rapper-Kollegen zu mehr Bescheidenheit auf, während er gleichzeitig auf seine Ausnahmestellung im Game hinweist. Im von Dave Myers konzipierten dazugehörigen Video werden religiöse und urbane Motive aufgegriffen. Lamar zeigt sich im Papst-ähnlichen Gewand und, ganz dem medial aufbereiteten Image als Erlöser, wie Jesus mit seinen Anhängern an einer Tafel sitzend. Fischaugenoptik und Cartoon-Style tun ihr Übriges, um einen Clip zu generieren, der Lamars Visionen visuell punktgenau darstellt.

 

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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